Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1920)
- Article
- Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums und ihre Aufgaben
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 226 - 227 (sequence 4)
- Language
- German
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226 Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums und ihre Aufgaben 227 sophische Klasse hineingehört, ist das christliche im umfassendsten Sinne des »Wortes. Es wäre höchste Zeit, 'daß wir eine Entstehungsgeschichte des Christentums, vom jüdischen Standpunkt aus gesehen, darbieten; einen jüdischen Kommentar zu den Evangelien, eine Auseinandersetzung mit dem u r christlichen Lehrgebäude, nicht im Stil der mittelalterlichen Disputationen, auch nicht zu apologetischen Zwecken, sondern rein geschichtswissenschaftlich. Den Schlüssel zum Verständnis des Mutterbodens, dem das jüdische Urchristentum entsproß, haben wir in Händen. Sehr bedeutende Vorstudien sind auch schon gemacht worden, aber noch sind wir weit vom Ziele entfernt. Wir sind es aber uns selbst schuldig1, und die christliche Welt hat ein Recht, es von uns zu fordern, da:ß! wir ihr sagen, wie wir uns die Geburt der neuen Weltreligon aus dem Mutterschoß des Judentums denken, und was für eine Stellung wir, rein geschichtlich gesehen, diesen beiden Religionen gegeneinander einräumen. Die besten und tiefsten Geister unter uns werden von allen diesen und den mit "ihnen zusammenhängenden Fragen unablässig gequält. Die Akademie würde sich um den geistigen Fortschritt und die seelische Beruhigung der besten unserer Zeitgenossen ein großes Verdienst erwerben und den lebhaften Dank weiter Kreise der Gebildeten ernten, wenn sie die Studien in dieser Richtung anregen und eifrig fördern würde, derart, daß sie zur Aufhellung der Probleme und zur Klärung der Anschauungen, zur Herausbildung einer geläuterten Meinung beitragen möchten. Der sprachwissenschaftlichen Sektion innerhalb der philologischen Klasse fiele nicht nur die Aufgabe zu, die stumme Sprache der gedruckt oder handschriftlich vorliegenden Dokumente, sondern auch die tönenden Sprachen der Juden zu erforschen, vor allem das Judendeutsche (oder wie es neuerdings mit einer gräßlichen Mißbildung benannt wird, das Jiddische) und das Spaniolische. Letzteres, welches noch von einigen 'Hunderttausenden gesprochen oder mindestens verstanden wird, stirbt zusehends dahin. Das Judendeutsche, welches um die Mitte des 18. Jahrhunderts in verschiedener Färbung über ganz Deutschland verbreitet war, ist jetzt noch die Umgangssprache der sogenannten „Ostjuden" in Europa und Uebersee. Seit dem Beginn der Aufklärungszeit und dem Erwachen der Emanzipationsbestrebungen wurde das „Judendeutsch" oder der „Jargon", das „Mauscheln', wie man es verächtlich nannte, in Deutschland wütend beschimpft. Es schwand auch rasch dahin, rascher als im Interesse der Wissenschaft erwünscht war, denn über so manches Problem auch der germanischen Sprach-, Altertums- und Völkerkunde hätte man es befragen sollen, ehe man ihm das Lebenslicht ausblies. Aber man betrachtete es giar nicht als etwas organisch Entstandenes, dessen Werdegang man zu erforschen hatte, sondern als einen Schandfleck, ein Denkmal der "Unbildung, der mittelalterlichen Finsternis, das man so rasch als möglich beseitigen und dessen Spuren man wegtilgen müßte. Es galt nicht als mittelhochdeutscher Dialekt, sondern als „verdorbenes Deutsch", man schämte sich seiner, ohne zu bedenken, (daß es viel kostbares deutsches Sprachgut barg, welches man heben mußte, da es sonst verloren ging, weil es sogar in den deutschen Mundarten erstorben war. "Man fand das Judendeutsch „häßlich" (was man von jeder Mundart sagen kann). Noch Graetz kann sich nicht genug tun in der Verunglimpfung dieses Ueberbleibsels trauriger Zelten. Im ganzen englischen Sprachgebiet wird diese jüdische Volkssprache vom Englischen zersetzt und verunstaltet, so daß es bald dem europäischen Juden schwer verständlich wird. Die zweite Generation legt sie ganz ab. Es ist bezeichnend, daß das verbreitetste „jiddische" Tageblatt in Amerika die New Yorker „Jewish Daily News" auch in einer englischen Ausgabe erscheint „tor both generations". Ohne den ständigen Zustrom von jüdischen Emigranten aus Europa würde das „Jiddische" dort binnen 20 Jahren verstummen. Auch in Osteuropa geht es, wenn auch viel langsamer, demselben Schicksal entgegen, vor dem es weder 'die wertvolle, manche hohe Schönheiten bergende Volksliteratur, 'die in ihm entstanden ist, noch die Bestrebungen der „Folkisten" und der Radikalen, es zur „Nationalsprache" der Juden zu erheben, retten wird. Jetzt wäre also die höchste Zeit, es, soweit man seiner noch' habhaft werben kann, wissenschaftlich festzuhalten. Manche vereinzelte wertvolle Arbeit ist in den letzten Jahren auf diesem Gebiete geleistet worden (zu den wertvollsten gehören die von Felix Perles), aber von einer systematischen Bearbeitung * ist man noch sehr weit entfernt. Dazu gehört außer der vollständigen Beherrschung des Störfes eine tüchtige germanistische und allgemein-linguistische Schulung, Eigenschaften, die sehr selten in derselben Persönlichkeit zusammentreffen. Jetzt käme es darauf an, zunächst den Wortschatz möglichst vollständig zu sammeln, aus dem lebendigen Volksmunde, soweit dies noch möglich ist, dann aus der älteren und der neueren Literatur. Auch die neuere Sprache gerät bald in Vergessenheit. (Vor einigen Jahren erschien eine Abhandlung über die nicht mehr verständlichen Wörter in den Schriften des im Jahre 1917 verstorbenen, berühmten Mendele Mocher Seforim.) Das könnte nur durch die Mitwirkung zahlreicher Männer und Frauen zustande gebracht werden, die nach einem einheitlichen Plan unter berufener Leitung arbeiten. „Die Akademie stellt sich ausschließlich solche Aufgäben, die einer Arbeitsorganisation bedür-