Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1920)
- Article
- Aus dem alten jüdischen Rom
- Date
- 1920-07-01
- Page
- Seite 204 - 205 (sequence 4)
- Language
- German
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204 Aus dem alten jüdischen Rom 205 Gemeinden eigentlich nur Synagogengemeinden waren, so darf angenommen werden, daß der Archisynagogus das geistliche Oberhaupt war. Auch andere Titel kommen vor: „Granrmateus", d. h. der Gemeindesekretär, und ,,Didaskalos nomomathes", der gesetzeskundige Lehrer. Auch des „Hyperetes", des Synagogendieners (im Talmud: ,,Chasan bet ha-kneset"), wird erwähnt. Die Inschriften sind zumeist griechisch abgefaßt, einige auch lateinisch. Sehr selten sind die hebräischen oder aramäischen Inschriften. Einige tragen in griechischer Sprache die auch heutzutage auf Grabsteinen übliche Eulogie für den Toten: „Er gehe ein in Frieden" (Jes. 57,2) oder „Das Andenken des Gerechten sei zum Segen" (Spr. 10,7). Dabei ist zu bemerken, daß die griechische Uebersetzung dieser Bibelworte von der in der Septuaginta abweicht und wohl der bei den Juden beliebteren des Aquila entnommen ist. Einmal kommt in hebräischer Schrift der Segensspruch: „Friede über Israel" (Schalom al jisrael) aus Ps. 125,5 vor. Interessant sind auch die vorkommenden Namen. Zumeist sind es griechische oder lateinische, aber es fehlt auch nicht an biblischen und nachbiblischen hebräischen Namen, und zwar männliche: Benjamin, Jakob, Simon, Samuel, Juda, Josua (Joses), Sabbetai, Chanania, und die weiblichen: Rebekka, Sara, Esther, Maria (Mirjam) Anna. Eigenartig muten uns griechische oder lateinische Namen an, die eine Uebersetzung aus dem Hebräischen sind. So Dativus und Donatus aus hebr. Natan, Balsamia (hebr. Basemat), Justus (hebr. Zaddok), Gaudentis (Jizchak), wovon der weibliche Name Gaudentia gebildet ist, der weibliche Name Eirene (Irene, hebr. Selomit). Der Name Malka, in der Bibel Milka, ist in Regina lateinisiert. Von dem biblischen Namen Baruch, lateinisch Benedictus, ist in der nachbiblischen Zeit der weibliche Name Beracha gebildet und kommt heutzutage unter den Juden häufig vor. Auf den Inschriften der Katakombe von Monteverde lesen wir diesen Namen gräzisiert: Eulogia, und das andere Mal lateinisiert: Benedicta. Die Frau, die so hieß, verdient ihn übrigens auch, denn sie war in ihrem engeren Familienkreis ein Segen. Die Inschrift über ihrem Grabe sagt über sie aus: ,,In Wahrheit eine Gesegnete, unsere Mutter und Ernährerin." In dieser Kürze rührend und ergreifend. Dem tiefen Schmerz, den unglückliche Eltern über den Verlust ihres kleinen Lieblings empfanden, gibt folgende Grabinschrift Ausdruck: „O daß ich doch, Justos, vermocht hätte, dich in goldenem Sarge beizusetzen, ich, der ich dich aufgezogen hatte. Nun, Herr, [laß] in Frieden ihn ruhen, den Justos, das zarte, unvergleichliche Kind, in deinem gerechten Walten! Hier liege ich, Justos, 4 Jahre und 8 Monate alt, der süße Liebling seiner Ernährer/' Vielsagend ist eine lateinisch abgefaßte Inschrift, die ein jüdischer Patron einer im Alter von 47 Jahren verstorbenen Proselytin und Hausgenossin Felicitas, die bei ihrem Uebertritt zum Judentum den Namen Noemi angenommen hatte, gesetzt hat. Die Worte des Dankes, die der jüdische Hausherr der „Hochverdienten" widmete, legen Zeugnis ab von dem menschenfreundlichen Verhältnis, das zwischen ihm und der Dienerin herrschte. Es war dies überhaupt eins der großen Verdienste des Judentums, womit'es in der Heidenwelt so viel Eindruck machte, daß sich Juden freundlich und wohlwollend zu ihrem Hausgesinde verhielten. Was hier in wenigen Worten erzählt wird, schließt sich würdig der in der Mischna erhaltenen Ueberlieferung an von dein väterlichen Verhältnis des Patriarchen Rabban Gamaliel zu seinem Haussklaven Tabi. Als dieser starb, hielt sein Herr für ihn die übliche Trauer ab und nahm die religiös vorgeschriebenen Beileidskundgebungen entgegen. Er begründete dies Verhalten mit den Worten, daß der Verstorbene, wenn auch Sklave, ein rechtschaffener Mann gewesen sei. Ein anderer Grabstein ist von einer jüdischen Patronin einem Hausgenossen, einem würdigen und hochverdienten" Proselyten gesetzt. Religionsgeschichtlich bedeutsam ist folgendes Epitaphium in lateinischen Hexametern, das hier in deutscher Prosa wiedergegeben sein mag: „Hier ist Regina beigesetzt, in einem so schönen Grabe geborgen, wie es jhr Gatte, ihre Liebe vergeltend, nur hat errichten können. Sie hatte zwei Jahrzehnte mit ihm zusammengelebt und noch ein Jahr und vier Monate weniger acht Tage. Wieder ins Leben, wieder zum Licht wird sie zurückkehren. Denn die Hoffnung, daß sie aufersteht in die Ewigkeit, die, ein wahrhaftiges Versprechen, verheißen ist den Würdigen und Frommen, kann sie deshalb hegen, da sie es sich verdient hat, einen Sitz zu haben in dem hochheiligen Lande. Solches wird dir sichern deine Frömmigkeit, solches dein keusches Leben, solches auch deine Liebe zum Stamm, solches deine Hochachtung des Gesetzes, dein Verdienst um die Ehe, deren Ruhm deine Sorge war. Für solches Tun darfst du Künftiges erhoffen, und auch der trauernde Gatte sucht darin seinen Trost." In manchen Redewendungen dieser Inschrift, die dem Glauben und der Hoffnung auf jenseitiges Leben und dereinstige Auferstehung Ausdruck geben, wollte man den Einfluß Paülinischer Ideen in jüdischen Kreisen epkennen. Aber Deißmann weist diese Vermutung mit Recht zurück. Der