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Ost und West · 1920-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1920) · p. Seite 202 - 203

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1920)
Article
Aus dem alten jüdischen Rom
Date
1920-07-01
Page
Seite 202 - 203 (sequence 3)
Language
German
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202 Aus dem alten jüdischen Rom 203 Trastevere befanden: die Augustesische, Agrippesische, Volumnesische, Calcaresische, Hebräische und Vernaclesische, und auf dem linken Tiberufer die Campesische, Suburesische, Herodische und die Oelbaum-Synagoge. Die vier zuletzt genannten Synagogengemeinden hatten ihre Begräbnisstätten in den Katakomben der Vigna Randanini und Vigna Cimarra. Es gab zweifellos noch andere jüdische Friedhöfe in Rom, von denen nur zwei bekannt sind: die Katakömbe an der Via Labicana und die an der Via Appia, gegenüber der Vigna Randanini. Für einen Teil der römischen Juden fand sich auch ein Begräbnisplatz in Porto an der Tibermündung. Die Namen der Synagogen haben kulturgeschichtliche Bedeutung und sollen daher hier kurz besprochen werden. Einige Synagogen wurden zu Ehren hervorragender Persönlichkeiten mit deren Namen benannt: die eine nach dem Kaiser Augustus, der den Juden freundlich gesinnt war, eine andere nach dem König Herodes I. und eine dritte nach König Agrippal. (40—44) oder Agrippall. (etwa 50 bis 66). Was die vierte, die Volumnesische Synagoge betrifft, so führte sie allem Anschein nach den Namen eines sonst unbekannten Volumnius. Einige Synagogen wurden nach dem Stadtteil benannt; in denen sie sich befanden: die Campesische (in der Gegend des Campus Martius) und die Suburesische (in der Suburia). Ob die letztgenannte identisch ist mit der von David Kimchi (in seinem Kommentar zu 1. B. Mos. 1,31) erwähnten Severus- Synagoge (vgl. Brüll, Jahrb. VIII, 56/7), ist noch nicht genügend aufgeklärt. Bedeutsamer sind jedoch die Namen von drei anderen Synagogen. Die eine war die der Calcaresier, d. h. der Kalkbrenner; sie wurde zweifellos von jüdischen Familien unterhalten, die sich mit dem Gewerbe der Kalkbrennerei befaßten. Eine zweite Synagoge gehörte den Vernaclesiern, d. h. den kaiserlichen Haussklaven. Eine dritte Synagoge hieß die der „Hebräer", eine auffallende Bezeichnung, über die bereits viel Tinte verspritzt wurde. Man hatte früher behauptet, daß unter den Hebräern eine Samaritanische Gemeinde zu verstehen wäre. Eine solche Gemeinde von ansehnlichem Umfang bestand ja auch in Rom. Aber die Inschriften in der Katakombe von Monteverde habe diese auch früher stark angezweifelte Hypothese völlig beseitigt. Denn in Monteverde fanden sich Gräber * der Archonten oder deren Familienangehörigen -von der Synagoge der Hebräer. Bei dem stets feindseligen Verhältnis zwischen Juden und Samaritanern ist eine Gemeinschaft nach dem Tode ausgeschlossen. Dazu kommt noch der Umstand, daß die eine Inschrift in hebräischen Quadratbuchstaben gemeißelt ist, die bekanntlich von den Samaritanern nicht benutzt wurden. Nun hat Schürer noch vor Jahren die Meinung ausgesprochen, daß unter den „Hebräern" die hebräisch redenden Juden gemeint seien, und zwar im Gegensatz zu den anderen, griechisch redenden Juden in Rom. Deißmann hat dies jetzt dahin modifiziert, daß die „Hebräer" Juden aus Palästina waren, während die andern aus der Diaspora stammten. Er beruft sich dabei auf die bekannte Stelle in dem Brief an die Philipper (3,5), wo der Apostel Paulus angeblich sagt: „Ich, mit acht Tagen beschnitten, aus dem Volke Israel, dem Stamme Benjamin, Hebräer von Hebräern." Paulus soll tatsächlich von palästinischen Eltern stammen, aus der galiläischen Stadt Giskala. Indessen beruhen alle diese Behauptungen auf falschen Voraussetzungen. Es gab damals keine hebräisch redenden Juden mehr, selbst nicht in Palästina, wo die Juden, wie allenthalben im Morgenland, aramäisch sprachen. Daß sich Juden aus Palästina als Hebräer bezeichnet hätten, ist nirgends bekannt. Hingegen wird man wohl annehmen dürfen, daß die Juden im Abendlande in jener Zeit griechisch beteten, mit Ausnahme der einen Synagoge in Rom und einer solchen auch in Ko-, rinth, deren Gebetssprache hebräisch war, weshalb die Gemeinde die der Hebräer hieß. Bei dieser Gelegenheit soll auch die oben angeführte Stelle aus dem Philipperbrief beleuchtet werden. Daß dieser Brief unecht ist, geht schon aus den Paulus in den Mund gelegten Worten hervory er sei Jude aus dem „Stamme Benjamin". Im ersten christlichen Jahrhundert gab es unter den Juden einen solchen Stammesunterschied nicht mehr, und die Stadt Giskala, von der Paulus' Eltern stammen sollen, lag ja in Galiläa. So konnte,nur ein späterer Schriftsteller schreiben, der von diesen Stammeseinteilungen nur aus der Bibel wußte. Es liegt hier eine Reminiszenz an das Buch' Esther (2,5) vor. Im übrigen sollte Paulus hier nur sagen wollen, er sei kein Heidenchrist, sondern nach Geburt und Abstammung Jude: „Hebräer von Hebräern". An der Spitze der Gemeinden stand ein Rat, der als „Gerusia" bezeichnet wird, und ihr Oberhaupt wird „Gerusiarch" oder „Exarch" genannt. Die Mitglieder des Rates hießen „Archonten". Einige nehmen an, daß diese Archonten einen engeren Ausschuß des großen Rates gebildet hätten. Es scheint, daß einige Archonten auf bestimmte Zeit und andere wiederum für lebenslänglich' gewählt wurden; vielleicht war das Archontat in manchen Familien sogar erblich, woraus sich erklären läßt, daß in den Inschriften zuweilen von „unmündigen" oder „zukünftigen" Archonten die Rede ist. Auf einem Grabe, wohl dem ältesten in der Katakombe von Monteverde, lautet der Titel: „I archon alti ordinis". Welche Bedeutung die Bezeichnung „erster Archont des hohen Rates" hat, ist nicht mehr genau zu ermitteln. Ein anderer Titel war „Archisynagogus", soviel als Synagogenvorsteher. Da die römischen

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