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Ost und West · 1920-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1920) · p. Seite 200 - 201

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1920)
Article
Aus dem alten jüdischen Rom
Date
1920-07-01
Page
Seite 200 - 201 (sequence 2)
Language
German
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200 Aus dem alten jüdischen Rom 201 hauptsächlich in Rom. Einen großen Zuwachs erfuhr die jüdische Kolonie, die ursprünglich aus freien Einwanderern zusammengesetzt war, durch die vielen Kriegsgefangenen, diev Pompejus nach der Eroberung Jerusalems im Jahre 63 v. Chr. nach Rom bringen ließ. Unter ihnen befand sich auch der unglückliche hasmonäische Prinz Aristobul IL, der später, nachdem er im Jahre 56 einmal aus Rom geflohen war, wieder dorthin gebracht wurde, wo er ein trauriges Ende fand. So war die römische Gemeinde gegen Ende des 1. vorchristl. Jahrhunderts bereits zu einer*ansehnlichen Zahl angewachsen und zu wirtschaftlicher Bedeutung gelangt. Wenn auch nicht alle Juden das römische Bürgerrecht besaßen, so war doch der politische Einfluß der Gemeinde nicht gering. Es ist bekannt, in welcher hohen Gunst sie bei Julius Cäsar stand, und wenn auch seine Nachfolger nicht immer dieselbe Haltung gegen die jüdische Gemeinde einnahmen, so blieb sie doch, die zuweilen über 30 000 Seelen gezählt haben soll, ein nicht unbedeutender Faktor im politischen, sozialen und wirtschaftlichen Leben der Hauptstadt. Ihren Wohnsitz hatten die Juden rechts der Tiber, im sog. Trastevere, wo sich überhaupt verschiedene orientalische Niederlassungen befanden. Sie beschäftigten sich in der Hauptsache mit Handel und Gewerbe, aber auch mit Kunst und Literatur. Es gab dort, wie in einer modernen Weltstadt, auch jüdische Schauspieler und Theaterkritiker, und letztere waren wie in unserer Zeit bei den nicht günstig besprochenen Dichtern wenig beliebt. Eine lohnende literarische Klopffechtern war bei manchen römischen Dichtern und Schriftstellern stets, über die Juden herzuziehen und ihre religiösen Bräuche, natürlich unter vielfacher Verzerrung, zu verspotten. Nichtsdestoweniger übte das Judentum auf viele Römer, insbesondere aber auf die Frauenwelt, eine große Anziehungskraft aus. Vornehmlich war es das jüdische Familienleben, die Art, wie jüdische Männer und Väter ihre Frauen und Kinder mit der zartesten Fürsorge umgaben, das den römischen Matronen eine hohe Meinung vom Judentum beibrachte. Ueberall, wo sich Juden dauernd niederließen, war ihre größte Aufmerksamkeit auf die Errichtung und Unterhaltung gemeinnütziger Institute gerichtet. In erster Reihe war das die Synagoge, die schon seit Jahrhunderten in der ganzen Diaspora, aber auch in Palästina und selbst in Jerusalem den Mittelpunkt der religiösen Andacht bildete, wo sich Männer und Frauen, vornehmlich an Sabbaten und Feiertagen zu versammeln pflegten, und auch fromme Heiden, die „jiree Adonai" (die „Judengenossen") wie Luther übersetzt), gesellten sich dort zu ihnen, um den Worten der Gottesanbetung und der religiös-sittlichen Belehrung zu lauschen. Mit der Synagoge war die Schule verbunden, wo für den Unterricht der Jugend gesorgt wurde, und die Armenpflege, die im Judentum von alters her eine weitgehende Ausbildung erfahren hatte. Zu den Werken der Menschenliebe gehörte seit jeher auch eine pietätvolle Bestattung der Toten, die im Abendlande, wo die Beerdigung zu der in Rede stehenden Zeit. nicht mehr üblich war, auf viele Schwierigkeiten stieß. Alle diese Einrichtungen setzen eine feste Gemeinde-Organisation voraus, an deren Spitze eine von allen Mitgliedern anerkannte Behörde stand, gleichviel, welche politische Stellung die Gemeindebehörde nach außenhin einnahm. Denn ihr gehorchten die Gemeindemitglieder freiwillig. Zweifellos waren auch die Verhältnisse im alten jüdischen Rom so beschaffen. Aber über diese ehrwürdige Gemeinde sind die Stürme der Zeit in ungewöhnlich zerstörender Weise hinweggegangen und haben da nichts zurückgelassen, selbst nicht sichtbare Ruinen, die wenigstens die Stätten angezeigt hätten, wo einst frisch pulsierendes Leben geblüht hat. Das ältere und älteste jüdische Rom wäre völlig der Vergessenheit anheimgefallen, wenn nicht seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts die unterirdischen Begräbnisplätze, die Katakomben, aufgefunden worden wären, wo sich, nach dem Aus-, druck eines neueren Forschers, eine Art Gemeindearchiv die Jahrtausende hindurch erhalten hat. Die Stätten der Toten geben uns Aufschluß über das Leben, das einst im jüdischen Rom geherrscht hat. Die wichtigste und wie es scheint auch die älteste dieser Nekropolen, die Katakombe von Monteverde ist erst in den letzten Jahren aufgedeckt worden.*) Die Inschriften dieser Gräber bieten ein reichhaltiges, ungemein wertvolles kulturgeschichtliches Material und geben vor allem Aufschluß über die Gemeinde- Organisation in der ältesten Zeit. Was früher durch die älteren Funde nur unbestimmt und ungenau bekannt war, erfährt durch die neueste Publikation eine dankenswerte Aufhellung. Im Gegensatz zu Alexandrien, wo die Judenschaft, sich auf alte Privilegien stützend, eine politische Gemeinde mit einem gemeinsamen Oberhaupt bildete, bestanden in Rom getrennte Synagogengemeinden mit eigener Verwaltung. Indessen werden diese Gemeinden engere Beziehungen zueinander unterhalten haben, da sie auch gemeinsame Interessen hatten. Das wird schon durch den Friedhof bewiesen, aus dessen Inschriften hervorgeht, daß dort Angehörige verschiedener Gemeinden bestattet wurden. Es sind uns bisher folgende Synagogen bekanntgeworden, von denen die meisten sich in *) Nikolaus Müller, Die jüdische Katakombe am Monteverde zu Rom, Leipzig 1912; derselbe, Die Inschriften der jüdischen Katakombe am Monteverde* zu Rom, herausgegeben von N. A. Beesf Leipzig 1919- (beide Schriften herausgegeben von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums).

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