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Ost und West · 1920-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1920) · p. Seite 172 - 173

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1920)
Article
Kultur und Assimilation
Date
1920-07-01
Page
Seite 172 - 173 (sequence 3)
Language
German
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172 Kultur und Assimilation 173 völligem Aufgehen in die Nation, zu der sie sich bekannten, und das Judentum, tief verankert in ihrem Herzen, drängte sich in nichts hervor oder wollte sich wenigstens nicht hervordrängen. Dennpch hat ein Adolf Bartels den traurigen Mut, diese Männer unter die Lupe zu nehmen und Seiten in ihnen aufzudecken, die — welches Verbrechen! — den Juden verraten. Doch genug von dem. Ich gebe hier bloß einem Gedanken Raum, der sich mir im Verfolge der Erwägungen, wie es um den „bestgesinnten" Juden heut bestellt ist, aufgedrängt hatte; den Platz und! den Wert zu bestimmen, den die jüdische Dichter-, Denker- und Künstlerwelt heute innerhalb der europäischen Zivilisation einnimmt und besitzt, will ich nicht wagen, weil ich sie zu wenig kenne, doch kenne ich das Unbehagen, das diese Welt in anideren Kreisen ausgelöst hat, die Verunglimpfung, die diese erlesenen Geister unseres Volkes zu erleiden haben, den Schatten, den dieses ganze Vorgehen auf die gesamte Lage des Judentums wirft und dieses zur Umkehr, zur Selbstbesinnung zwingt. Das Beispiel von der Aufnahme der jüdischen Dichter- und Künstlerwelt in der christlichen Gesellschaft beleuchtet in besonders krasser Weise das unbezwingbare Vorurteil, das gegen die Juden herrscht. Wie die Dinge heute liegen, ist es mir z. B. undenkbar, daß in Deutschland irgendein jüdischer Dichter, und sei er auch getauft, wie Heine und Börne, und sei er auch so groß wie diese beiden, es zur Würde eines nationalen, fast als Heros verehrten Dichters bringen könnte; er ist es wenigstens unangefochten nicht, er ist es nicht in den Augen jener, die bei allem und jedem auf Judenriecherei ausgehen. O diese Judenriecherei! Wie ist sie doch abgeschmackt, wie ist sie doch geeignet, die Beziehungen zwischen Mensch und Mensch, zwischen ganzen Gesellschaftsschichten zu verbittern, zu verpesten! Mehr noch als in anderen Ländern dürfte diese Pest in Deutschland und Oesterreich grassieren; das Ding von dem mauschelnden Juden, diese Bemängelung der Sprache des Juden, dürfte ein ureigenstes deutsches Gewächs sein. Ich kann mir so etwas in Frankreich, in Italien und selbst in Ungarn nicht gut denken. In Frankreich und Italien kann ein jüdischer Dichter, ein Romanzier, ein Dramatologe, ein Journalist, sofern er sonst würdig ist auf dem Parnaß zu sitzen, ganz gut unangefochten seinen Weg gehen, auch in Ungarn wird man z. B. auf einen Kiß Jözsef nicht gut sagen können, er tue der nationalen Sprache Gewalt an und drücke ihr ein jüdisches Gepräge auf — nur in Deutschland wird der Verdacht sofort rege, nur hier wittert man den Juden, gerade darum, weil man weiß, daß der Jude seit Jahrhunderten keine andere Sprache spricht als die deutsche. Wir klagen umsonst, daran läßt sich einmal nichts ändern. Dem Bayer, dem Schwaben, auch dem preußischen Leutnant nimmt man seinen Dialekt hin, auch wenn ihm einmal ein Wort dieses Dialektes dann entschlüpft, wenn er zur breiten Oeffentlichkeit, an die gesamte Nation spricht; nur dem Juden, dem Börsianer (!), wird es verargt, als todeswürdiges Verbrechen angerechnet, wenn er in Wort, Laut und Tonfall einmal sein Jüdisch-Deutsch erklingen läßt. Ich meine, daß dieses eine Beispiel von der Vertreibung des Juden aus dem nationalen Heiligtum genügt, um denen die Augen zu öffnen, die noch immer in der völligen Assimilation ihr Heil und ihr Heiligtum .des Judentums erblicken. Die völlige Assimilation gelingt vielleicht gar nicht, und gelingt sie, hilft sie nichts. Solange man Jude ist, wird immer ein Rest zurückbleiben, der den jüdischen Menschen von jedem anderen Menschen, der einem anderen Volksstamme angehört, unterscheidet, kenntlich macht. Zu dieser Erkenntnis werden sich, gleich mir, in den letzten Jahren viele Anhänger des Assimilationsgedankens durchgerungen haben. Sie taten es vielleicht blutenden, zerissenen Herzens, ihrer Hoffnungen beraubt, in ihren Illusionen getäuscht, aber sie mußten es tun, um die Leere ihres Herzens auszufüllen. Wer wagt es zu behaupten, daß sie schlecht dabei fuhren? Wenn sie sich nun auf ihr Judentum besannen, tauschten sie vielleicht ein Gut ein, das sie für das aufgelassene, für das ihnen bestrittene und mißgönnte nicht nur entschädigt, sondern auch vollauf befriedigt, befriedigt darin, daß sie sich nun der jüdischen Kultur zugewandt haben, einer Welt, die auch ihre Ideale hat, in der ihnen Schönes und Erhabenes winkt, wenn sie nur verstehen, in die^ selbe einzudringen und ihre Herrlichkeiten zu erschauen. Diese jüdische Kultur — ich sagte schon, es ist schwer ihr Wesen zu bezeichnen, aber sie ist da, dringt auf uns in unzähligen Strömen ein, beherrscht und beseeligt uns, sofern wir nur uns selbst aufnahmefähig gemacht oder aufnahmefähig bewahrt haben. Die jüdische Kultur — wie soll man sie bezeichnen? Sie ist zuvörderst da in allen Ausstrahlungen des Lichtes der Bibel, und gesetzt den Fall, es menge sich; weil es von der Bibel ausgeht, auch die Christ-* liehe Kultur hinein, so hat auch das nichts zu» sagen, weil wir gern Empfänger von Gaben sind, die in unserem eigenen Garten erblühen, auf unserem eigenen Boden erwachsen sind. Da gibt es den ganzen Verlauf der jüdischen Geschichte, mit ihrer Moral und Gedankenwelt, mit ihren Lehren und Institutionen, die unsere Gedanken fesseln, unsere Taten regulieren können. Sitteln, und Gebräuche, zahlreich und sinnig, ziehen an

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