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Ost und West · 1920-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1920) · p. Seite 174 - 175

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1920)
Article
Kultur und Assimilation
Date
1920-07-01
Page
Seite 174 - 175 (sequence 4)
Language
German
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174 Kultur und Assimilation 175 uns vorbei, um sie zu beherzigen; die Reinheit' und Innigkeit des jüdischen Familienlebens, unsere erhabene Gotteslehre, die Fülle von Gedankem und sittlichen Lehren, die sich in der langen Reihe der Schriften unserer Literatur finden, dies und vieles andere kann das gläubige Gemüt anziehen und kann mit Stolz erfüllen, den, der den Stolz für seinen inneren Menschen benötigt. Kommt noch die Richtung auf Zion hinzu — nun, da eröffnet sich ein Ziel, das in greifbarer Gestalt vor uns schwebt und die Zukunft rosig und verherrlicht vor uns erscheinen läßt. Das sind ungefähr die Hauptmomente der jüdischen Kultur. Wir haben diese hergestellt, weil sie das Sinnen und Trachten aller Juden! auf dem ganzen Erdenrund ausmachen. Dies zu wissen und es inne zu werden, ist ein gewaltiges Mittel der Erhebung und der stolzen Zuversicht. Jedenfalls haben wir damit Punkte berührt, wenn auch vielleicht nicht mit dem richtigen Namen genannt, in denen die Einigkeit des gesamten Judentums so recht zu sehen ist. Wir geben zu, daß man in Sprache und Sitten den Pariser Juden nicht mit dem Warschauer, den Berliner nicht mit dem Bagdader, den auf der Höhe der Zeit Stehenden nicht mit dem verwahrlosten Dorfgeher zusammenwerfen kann, aber im Grunde genommen sind die Grundsätze ihrer Lebensführung dieselben, und ihre Ideale unterscheiden sich nur in der Klarheit ihrer Vorstellung, nicht in ihrem Wesen. Wem aber trotzdem das einigende Band, das die Teilhaber der jüdischen Kultur umschließen soll, zu fehlen scheint, der sei auf den Gebrauch der hebräischen Sprache hingewiesen, die ja ihre Rolle noch nirgends ausgespielt hat, wo es eine jüdische Gemeinschaft gibt, eine Rolle, von der wir uns in der nahen Zukunft noch schöne Erfolge versprechen. Aus dem Gesagten ergeben sich von selbst die Sätze, die wir hier aufzustellen uns vorgenommen haben: 1. Die jüdischen Dichter, Denker und Künstler haben seit mehr als einem Jahrhundert wesentlich zur Kultur der Menschheit beigetragen, und sie taten das als Menschen, als tr-eue Söhne ihres jeweiligen Vaterlandes, ohne den. Juden hervorzukehren, ja mitunter, was nicht gebilligt werden kann, mit Verleugnung des jüdischen Menschen, der ihnen Verstand lind Gefühl hätte leiten müssen. 2. Die jüdische Kultur existiert; sie ist eine reale Größe; sie existiert in den hunderterlei Ge^ brauchen und Sitten und Einrichtungen, die im' Laufe der langen Jahrhunderte als Lebensformen des Judentums in Erscheinung getreten sind. 3. Die Assimilation hat sich nicht bewährt, hat sich auch nicht durchgesetzt, woran zum großen Teile der vererbte, unbegründete Judenhaß schuld trägt. Man muß nicht gerade Zionist sein, um das zu sehen und die nötigen Folgerungen daraus zu ziehen. 4. Die nötige Folgerung ist noch immer nicht der Judenstaat, denn das Judentum ist eine gläubige Gemeinschaft und kann auch im „Galuth" bestehen, wie die Geschichte lehrt; aber deir Judenstaat ist erwünscht als soziales Hilfsmittel für alle ob ihrer Religion Verfolgten, ist erwünscht als willkommene, nachhaltige Stärkung des jüdischen Gedankens, und erwächst aus ihm die jüdische Nationalität, die ja nach Ansicht vieler auch jetzt schon besteht, soll es uns nur lieb sein; die Menschheit wird damit um einen wertvollen Stamm reicher sein.

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