Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1920)
- Article
- Kultur und Assimilation
- Date
- 1920-07-01
- Page
- Seite 170 - 171 (sequence 2)
- Language
- German
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170 Kultur und Assimilation 171 Ich denke, nicht anders ist es bestellt mit dem Judentum. Umsonst die regste, die aufopferndste Teilnahme an den Geschicken des Vaterlandes, umsonst die gebrachten Opfer an Gut und Blut, ja am Heiligsten, das der Mensch besitzt: an der religiösen Ueberzeugung. — Der Jude geht einmal in der christlichen Gesellschaft nicht auf, er steht als Fremdkörper in ihr da, wenn nicht gar ihr entgegen, wie es unsere Feinde behaupten und besser wissen wollen als wir selbst. Und würden wir uns selbst aufgeben — die Feinde würden uns gellend in die Ohren schreien: Jud bleibt Jud. Da gibt es das mit dem Christentum völlig liquidierende Frankreich; hat es darum seine Juden mehr lieb, nimmt es sie darum weniger als Juden wahr? Im nahen Ungarn, das einen guten Teil seines Aufschwunges, seiner nationalen und kulturellen Blüte den Juden zu verdanken hat, diesen Juden, die von allen fremdsprachigen Volksteilen am meisten nationalisiert worden sind, die eine starke Stütze des Magyarentums bilden und chauvinistischer sind als die auf ihre Urahnen stolzen, kernhaft magyarischen Gentryfamilien — in Ungarn gibt es eine leidenschaftlich aufgeworfene Judenfrage, und aller Assimilation zum Hohne sucht man bis zu den Eigentümlichkeiten der Rasse vorzudringen, man sucht die jüdische Seele., die Psyche des jüdischen Volkes zu enthüllen, damit sie nackt und bloß dastehe, so urjüdisch, so erkennbar jüdisch, wie sie vor Jahrtausenden aus des Schöpfers Hand hervorgegangen. Und in dem philosophisch durchtränkten Deutschland, wo man wissen sollte, daß der Jude in der kurzen Spanne Zeit, die ihm dazu geg"önnt war, alles getan hat, um sich seiner Umgebung anzupassen, nur eines nicht: daß er sich selbst aufgeben würde; und gerade das verlangt man von ihm gegen alles Recht, gegen alle Menschlichkeit und gegen die Gesetze der Natur! In Deutschland sollte man dem jüdischen Volke besonders dankbar sein; erweist es sich doch als Schleppenträger des Deutschtums in weiten, entfernten Ländern, hat doch erst die jüngste Zeit gezeigt, daß der Jude nicht zuletzt auch ob seines Deutschtum.es zu leiden hat. Worin dennoch besteht das Trennende, das Unterschiedliche, das ewig Unausgleichbare, das zwischen Israel und den Nationen besteht? Die Rasse allein kann es nicht machen, denn die ist in vielen Fällen ganz verwischt; die Religion auch nicht, denn unsere nüchterne, auf das Reale eingeschworene Zeit läßt sich in ihrem Tun und Handeln davon allein nicht bestimmen; der angebliche Reichtum und Wohlstand der Juden doch wohl auch nicht, denn der ist nicht spezifisch jüdisch, läßt sich auch in breiten Schichten des jüdischen Volkes, z. B. in Polen, nicht dartun, wo doch daselbst der Judenhaß in unverminderter Stärke besteht. So muß es denn etwas geben, was den Juden als Juden kenntlich macht, etwas, was ihm zum unvertilgbaren Charakter geworden, und möge er welchen Beruf immer ausüben, möge er geistig noch so fortgeschritten sein, möge er sich noch so Mühe geben in seinem Wirtsvolke aufzugehen. Dem einen, dem Oberflächlichen, wird es schon der bloße Beruf sein, dem sich der Jude in auffallend vielen Fällen widmet, sagen wir etwa dem Schacher und Kleinhandel, wie man ihm früher vorwarf, oder den Geldgeschäften und dem ^Kapitalismus, die man ihm heute, im Zeitalter des Großbetriebes, als sein vermeintlich ureigenes Erbe zuschiebt, nicht so sehr, um ihm seinen Gewinn zu mißgönnen, als ihm das Recht darauf überhaupt zu bestreiten; die andern mißgönnen ihm seine hohe Intelligenz, die Intelligenz, die ihn zu den sogenannten freien Berufen, zur Advokatur, zur Medizin und zum Journalismus führt — ja, sind das nicht Dinge, die, wenn ehrlich betrieben, dem Professionisten zur Ehre, der gesamten Bevölkerung zum Segen gereichen? Da zeigt es sich eben, daß der Haß nicht aus der Sache fließt, sondern aus einem Vorurteil, aus dem Vorurteil, dessen Definition mit dem einen Worte — Jude — gegeben ist. Begeben wir uns einmal in die Sphäre der höheren Werte. Jeder von uns weiß, daß, seitdem die Ghettomauern gefallen, seitdem auch die Juden an Licht und Sonnenstrahl partizipieren, sie sich in erstaunlich kurzer Zeit und mit großem Eifer eingelebt haben in die Kunst und Literatur derjenigen Völker, die ihnen die freie Geistesrichtung unbeschränkt und ohne künstliche Hemmungen gewährleistet haben. Es gibt wohl im Laufe des 19. Jahrhunderts keine einzige europäische Nationalliteratur, in der sich die Juden nicht hervorragend betätigt hätten, bald als Sprachforscher und Historiker, bald als Dichter und Denker. Sie taten das aus Liebe zur Sache, weil sie sich eins und verwachsen fühlten mit der betreffenden Nation, weil sie das höhere IDasein, zu dem sie im Schöße dieser Nation gelangt waren, wieder in den Dienst derselben stellen wollten. Ist das nicht schön, ist das nicht menschlich rührend? Das Kind, das herrlich gedeiht und seiner Mutter zur Zierde und Ehre gereicht, ihr in Dankbarkeit die Pflege zurückerstattet! Im Laufe der Natur ist es so, aber dm Leben des Juden sieht man auch darauf mit scheelen Augen; da sagt man immer, die Mutter habe ein fremdes Kind erzogen, ein fremdes Kind arrogiere sich das Recht, sich an eine Mutter zu schmiegen. Wie ist doch grausam der Haß, der dem Juden sozusagen die natürlichen Rechte bestreitet! An einer ganzen Reihe von jüdischen Dichtern und Künstlern ließe sich dartun, daß sie, indem sie zur Mehrung des Ruhmes ihres Vaterlandes dichteten und arbeiteten, dies taten in