Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1920-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1920) · p. Seite 160 - 161

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1920)
Article
Eine alte jüdische Kulturstätte
Date
1920-05-01
Page
Seite 160 - 161 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2583875-2584094-2584097-2606894--17885-2606943
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

160 Eine alte jüdische Kulturstätte 161 Lublin war also kein Paradies für die Juden. Gleichwohl war es eine der Hauptstätten jüdischer Gelehrsamkeit und ein Zentrum jüdischen öffentlichen Lebens. Hier tagte die berühmte Vierländersynode, die für die gesamte europäische Judenheit als der Inbegriff der jüdischen Autorität und der Gewalt des polnischen Judentums galt, vor der nicht nur die polnischen Angelegenheiten ausgetragen wurden, an die sich auch die Juden ferner Länder um Rat und Hilfe wandten. Gemeinden und Privatparteien brachten ihre Streitigkeiten vor die Vierländersynode in Lublin. Christliche Kaufleute aus Deutschland wandten sich an sie mit Klagen gegen polnische Kaufleute. Im Jahre 1670 wurde hier der große Bann über Sabhathaj Zebhi verhangt. Die Synode übte auch gesetzgeberische Funktionen aus. Die Juden in Polen hatten eine weitgehende eigene Gerichtsbarkeit in Zivilsachen, und da sie unter einem besonderen Handelsrecht standen, lag es ihrer obersten Behörde, eben dieser Vierländersynode ob, die nötigen von der Zeit geforderten Bestimmungen zu schaffen. Sie hatten ein eigenes Wechselrecht, eine eigene Konkursordnung und einen eigenen Zivilprozeß. In Polen erlebte das alte talmudisch - rabbinische Recht eine eigenartige, höchst merkwürdige Entwicklung, vielleicht noch bedeutsamer als zur Zeit der Geonim, deren Geschichte zu erforschen für einen talmudisch, soziologisch und juristisch in gleich hohem Maße durchgebildeten Gelehrten eine verlockende Aufgabe wäre. Der Verfasser. bereitet über diese Vierländersynode eine Studie vor: „Verfassung und Verfassungsgeschichte der Juden in Polen/4 auf die man gespannt sein darf. Lublin war die Residenz einiger der bedeutendsten rabbinischen Koryphäen des 16. und 17. Jahrhunderts, derenNamen auch heute noch in der ganzen jüdischen Welt verehrt werden. R. Salomo Luria (gest. 1573) bei der Nachwelt als Maharschal bekannt, Verfasser der , Jam schel Schelomou, eines Torso gebliebenen Werkes, welches ein Religionskodex zu werden bestimmt war, aber durch den viel faßlicheren und konziseren Schulchan Aruch des R. Joseph C a r o verdrängt wurde. (Der Schulchan Aruch erschien, als Luria in seinem Werke, welches die Reihenfolge der Talmudtraktate begleitete, beim Traktat Cholin angelangt war.) Luria entstammte einer aus der Rheingegend eingewanderten Familie (siehe seinen Stammbaum ,,Ost und West" 1911 Heft 6) wurde im Jahre 1567 von' der Lubliner Gemeinde zum Leiter der neu errichteten Talmud Hochschule berufen, zu deren Gründung ein königliches ..... Aufgang zum alten Judenfriedhof (Aus dem Buche „Balaban, die Judenstadt von Lublin") Alte Synagoge vou Wieniawa (Aus dem Buche „Balaban, die Judenstadt von Lublin") Handschreiben die Erlaubnis gab, dem Leiter den Titel eines ,,Rectors" verlieh und ihn von den anderen Rabbinern unabhängig machte. (Cui quiden titulum Rectoris damus removendo ab codem Rectore autoritatem möderni rabbini Lublinensis Israelis Schachnovvicz et aliorum.) Ihm folgte R. Mordechaj J a f f e h. Er war nicht, wie Balaban meint, „Verfasser einer berühmten Responsensammlung," sondern der Werke „Assara Lebuschim," woher er kurzweg „Lebusch" genannt wurde. Ihm folgte A. M e i r ben G e d a 1 i a, bekannt unter dem Namen Maharam Lublin, (gest. 1616) zum Unterschiede von seinem berühmten Zeitgenossen Mahar am Schiff in Fulda.3) Er war berühmt durch seine Responsen und seine kurzgefaßten, präzisen Kommentare zu talmudischen Traktaten, auch wegen der von ihm angeregten und durchgeführten gesetzlichen Reformen und Neuerungen (hether iska) die ein Problem lösten, das viele Gesetzeslehrer der Vergangenheit und zuletzt noch seinen Zeitgenossen, den erwähnten Maharam Schiff, beschäftigte. Ihm folgte R.Samuel Elieser Halevi E d e 1 s, „Maharscha;'genannt wegen seiner scharfsinnigen kurzgefaßten Glossen, namentlich zu denThosaphoth, bekannt und beliebt, von den Zeitgenossen als Lehrmeister und unerschrockener Gegner vieler öffentlicher. Mißbräuche bewundert (gest. 1632). Neben den berühmten Rabbinern lebten in Lublin hervorragende jüdische Aerzte, die alle im Auslande, meist in Italien, (Padua) studiert hatten, die Krakauer Universität war für Akatholiken geschlossen. So finden wir schon am Anfang des 16. Jahrhunderts einen Dr. Ezechiel, dem der König Alexander in Anerkennung seiner ärztlichen Kunst wie auch seiner ausgezeichneten Kenntnis der lateinischen Sprache, die vollständige Steuerfreiheit gewährt. Dr. Isaak M aj , der der jüdischen Gemeinde in Lublin Bauplätze für Schule, Spital und Synagoge überläßt, ist ein gesuchter Arzt, der sogar nach Königsberg vom Kurfürsten Albrecht von Brandenburg berufen wird. Einige dieser Aerzte waren Sephardim und Marannen. Manche von ihnen waren "auch als Talmudgelehrte bekannt und schrieben sogar Approbationen zu gelehrten Werken. Es gab in Polen jüdische Hofärzte des Königs und der Magnaten. l) Siehe über ihn die gleichnamige Studie „Ost und West ' 1910, Heft 12.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.