Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1920)
- Article
- Eine alte jüdische Kulturstätte
- Date
- 1920-05-01
- Page
- Seite 162 - 163 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2584094-2584097-2606894--17886-2606944- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
162 Die Judenheit in Amerika 163 Ein Arzt Dr. Isaak Fortisin Lemberg war Präsident der Vierländersynode zu Jaroslau. Er und sein Bruder LiebermannLevy, die beide eine große Praxis in Lemberg und ganz Reußen hatten, wurden im Jahre 1710 von den christlichen Aerzten aus Brotneid beim Kontribunal verklagt, weil sie nicht die übliche jüdische Tracht,-sondern die ärztliche Mantille trugen. Besonders wendete sich der Konkurrenzneid gegen Dr. Isaak Fortis, der auch unter dem höchsten Adel seine Patienten hatte. Er war in allen Zweigen der Wissenschaft wohlbewandert. Als er einmal in einer Provinzstadt erkrankte, besuchte ihn sein Patient, der Wojewode von Podolien, Joseph Potocki, einer der mächtigsten Magnaten in Polen, und suchte ihn zu bekehren. Er versprach ihm Güter und Ehrentitel, wenn er seinen Glauben wechseln wollte. Als die Bemühungen fruchtlos blieben, schickte er zu ihm einen bekannten theologischen Schriftsteller, der sich nachher mit Bewunderung über die Belesenheit des jüdischen Arztes im Neuen Testament und in den Kirchenvätern äußerte. Es ist erstaunlich, daß alle diese Männer für die Verbreitung von weltlicher Bildung unter ihren Glaubensgenossen so gar nichts getan haben. Bekanntlich war um die Mitte des 48. Jahrhunderts unter den polnischen Rabbinern keiner, der in polnischer oder lateinischer Sprache die Disputation mit den Frankisten hätte führen können. Lublin war später auch berühmt als Sitz eines der „größten" Zaddikim, Jakob Isaak Horowitz, kurz unter den Namen „der Lubliner" bekannt. Der Repräsentant des alten Rabbinismus, ebenfalls ein Horowitz, Asriel mit Vornamen, führte einen zähen und hartnäckigen Kampf gegen diese neue Strömung, die seiner ganzen Generation fremdartig, unverständlich und sogar verdächtig erscheint, weil manches an ihr bedenklich an die Allüren des noch nicht ganz erloschenen Frankismus erinnerte. Das Leben des chassidischen Heros ist in eine Wolke von teils poetischen, teils abstrusen, von wüstem Aberglauben erfüllten Wunderlegenden umwoben. Von allen diesen Wandlungen sind Monumente in Lublin zurückgeblieben. Die Maharschal- Schul ist dem Andenken des einen, die Mahar-am - Schul dem des andern rabbinischen Großen geweiht. Auch die „Klaus" des „Lubliners" besteht noch heutzutage. Zahlreiche schöne und merkwürdige Denkmäler synagogaler Kunst sind in Lublin erhalten, von denen die Illustrationen des Buches eine anschauliche Vorstellung vermitteln. Auffallend sind die Gegenstände mit figuralem Schmuck. Eine getriebene Messingschale aus der Maharam - Schul zeigt ein nacktes Menschenpaar und stellt offenbar die Schlangenscene im Paradiese dar. Ein silberner Wasserschöpfer für die Totenwaschung zeigt eine entseelte unbekleidete Menschenfigur von vier Totenköpfen umgeben. Am Kopfe des Grabsteins von Abraham ben Chajjim Halperin, des vorletzten Präsidenten der Vierländersynode, gest. 1762, befindet sich sogar eine unbekleidete weibliche Figur mit Bogen. Reizende Tier- und Pflanzenzeichnungen schmücken viele Gegenstände des synagogalen Gebrauches und viele Grabsteine. Lector. DIE JUDENHEIT IN AMERIKA. Von B. Saph ra. II. JUEDISCHE LANDWIRTSCHAFT. Die jüdischen Farmer gründeten 1909 die Federation of Jewish Farmers of America in New York, die 42 Sektionen mit 1235 Mitgliedern zählt und deren Ziel ist: „die Interessen der jüdischen Farmer zu fördern". Ueber die praktischen Erfolge dieser Bestrebungen, die eingewanderten Juden der Landwirtschaft zuzuführen, besitzen wir Daten leider nur aus dem Jahre 1912. Aber diese sind beredt genug. Danach gab es in Kanada 12 jüdische Siedlungen und 53 Einzelfarmen, die zusammen 828 Familien mit 3482 Seelen zählten; ihr Landbesitz betrug 55 000 ha. In den Vereinigten Staaten gab es 3718 jüdische Farmerfamilien mit 18 590 Seelen, ihr Landbesitz betrug ungefähr 140000 ha. In Argentinien siedelten in den Kolonien der ICA 4520 jüdische Familien mit 24 040 Seelen. Davon waren 3135 Familien eigentliche Grundbesitzer, die sich in einer Gesamtzahl von 17414 Seelen von den Erträgnissen der Landwirtschaft ernährten; der Rest bestand aus Handwerkern, Händlern, Lehrern, Angestellten, Beamten usw. Die bebaute Landoberfläche umfaßte 183185 ha. Doch befindet sich im Besitz der ICA bereits eine Bodenfläche von 569000 ha in Argentinien und 92000 ha in der brasilianischen Provinz Rio Grande do Sul. Ihre Kolonisation hat also die Möglichkeit, einer großen Ausdehnung. — Von den 183105 ha angebauter Bodenfläche der jüdischen Kolonien in Argentinien waren 90 683 ha, also beinahe die Hälfte, mit Weizen, 40 720 ha mit Hanf, 16 982 ha mit Hafer, 6249 ha mit Roggen und Gerste, 22 558 ha mit Mais, 5848 ha mi,t Luzerne bepflanzt. An Rindvieh besaßen die Kolonien 59 415, an Schafen 13130, an Zugtieren (Pferden, Mauleseln usw.) 66713 Stück. Man sieht also, daß die Arbeit der verschiedenen amerikanischen Gesellschaften im Verein mit der ICA reiche Früchte getragen hat. Sie haben das Problem, große Massen von Juden dem Ackerbau zuzuführen, der Lösung ein gutes Stück näher gebracht. Auf amerikanischem Boden ist ein jüdisches Farmervolk im Entstehen begriffen. Im Jahre 1873 wurde die Union of American Hebrew Congregations gegründet, welche ursprünglich sehr weitgehenden reformerischen Ideen huldigte, seitdem aber bedeutend gemäßigt wurde. Es gehören ihr 206 Congregations (Gemeinden) an, sie hat ihren Sitz in Cincinnati und unterhält daselbst das Hebrew Union College. Die orthodoxen Gemeinden vereinigten sich erst 1898 in der Union of Orthodox Jewish Congregations of America. — Eine weit größere Bedeutung hat die von Salomon Schee ht er 1913 gegründete konservative United Syn-