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Ost und West · 1920-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1920) · p. Seite 154 - 155

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1920)
Article
Eine alte jüdische Kulturstätte
Date
1920-05-01
Page
Seite 154 - 155 (sequence 2)
Language
German
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154 Eine alte jüdische Kulturstätte 155 anders als die Bürger. Die Fernhaltung der Juden vom Handel brachte den Fiskus um enorme Steuern und unterband den finanziellen Aufschwung des Landes. Die Stadtbehörden nahmen öfters ebenfalls einen höheren Gesichtspunkt ein, als die Krämer in den Kaufläden und auf dem Marktplatz, die nur an ihren Profit dachten. Vollends der Adel stand zumeist auf Seiten der Juden im Streit mit der Burgerschaft. Nicht wie der Verfasser meint, „weil er an den jüdischen Kaufmann gewöhnt war'*; sondern aus sehr handfesten realpolitischen Gründen. In Polen war die gesamte Politik, die innere und äußere Verwaltung und Leitung des Staates ein ausschließliches Privilegium des Adels, dessen Macht auf dem Grundbesitz beruhte; von einer wirtschaftlichen Erstarkung des Bürgertums fürchtete er eine Beeinträchtigung dieses Privilegiums, darum war es ihm nur erwünscht, daß dem christlichen Bürgertum eine Konkurrenz erwuchs, die ihm einen Dämpfer aufsetzte; von Seiten der Juden hatte der Adel nämlich niemals die Geltendmachung von politischen An- K-R-HHMWaR» Schloßbrücke über die Podzamczegasse (Aus dem Buche „Balaban, die Judenstadt von Lublin") Sprüchen zu befürchten. Das bewirkte, daß der Adel, von wenigen Ausnahmen abgesehen, insofern er nicht durch religiösen Fanatismus aufgestachelt wurde, sich den Juden gegenüber wohlwollend verhielt, und sie gegen das Bürgertum in Schutz nahm. Aus dieser wirtschaftlichen Orientierung heraus erwuchs auch die religiöse Toleranz, die den polnischen Adel, und bisweilen sogar einzelne Mitglieder des hohen Klerus, insofern er aus dem Hochadel hervorging, kennzeichnete, und die sich darin äußerte, daß Adel und Prälaten häufig Juden in neugegründete Städte einluden, ihnen Privilegien erteilten und ihnen sogar auf eigene Kosten Gotteshäuser erbauten. Diese Stellung des Adels in Polen den Juden und dem Bürgertum gegenüber hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Der Antisemitismus wurde dort vom Mittelstand, zu dem auch der depossedierte Kleinadel gehörte, getragen; der Adel sowie der hohe Klerus waren in dem Jahre 1912 ausgesprochene Gegner des Judenboykotts, der vom Kleinbürgertum und dem niederen Klerus gemacht wurde. Auch in Galizien war das Verhältnis dasselbe. Es beruhte auf einer gründlichen Verkennung der wirklichen Sachlage, wenn jüdische Publizisten in Deutschland, die westlichen lieberalen Schlagworte nach Polen übertragend, den Adel für das Elend und die wirtschaftlichen Unterdrückung der Juden verantwortlich machten und zum Kampf gegen ihn aufforderten. Die Palatine, (Wojewoden) deren Gerichtsbarkeit die Juden unterstanden, setzten Adlige als Judenrichter" ein, und auch diese waren im großen ganzen den Juden nicht ungünstig gesinnt. Der Kampf drehte sich wie gesagt,* hauptsächlich um die Handelsfreiheit. Es kommt zu Prozessen durch alle Instanzen bis hinauf zum König. Die christlichen Kaufmannschaften, Zünfte und Gilden verlangen, man solle die Juden einfach austreiben. Aber der Magistrat schließt mit den Juden Verträge (pacta cum Judaeis inita), in welchen auf die Dauer von einigen Jahren die den Juden freigegebenen Handelszweige festgesetzt und die Strafen für eine Ueberschreitung bestimmt werden. Aber der Handel läßt sich in keine Grenzen bannen, darum kommt es bald wieder zu Streitigkeiten. Die Bürger stacheln den Pöbel auf, ließen die Judenläden plündern, und oft stellte sich bei solchen Gelegenheiten eine niedliche, fein gedrechselte Blutbeschuldigung ein. Es waren richtige Pogrome, die sich alle paar Jahre mit wachsender Grausamkeit wiederholten. Ihr Andenken lebt noch heute im Volksmund fort in dem nicht mehr verstandenen Worte ,,Scbiedergeleifu, welches beim Anblick eines Tumultes oder öffentlicher Aufregung gebraucht wird. Das Wort heißt richtig „Schülergeläuf", weil nämlich alle Pogrome im 17. und 18. Jahrhundert von den Schülern der Jesuitenschule ausgeführt wurden. Von den Schülern der geistlichen Lehrstätten hatten die Juden in Polen von jeher viel zu leiden und waren gezwungen, sich durch eine regelrechte Steuer von ihnen loszukaufen, die mit dem nicht mehr ganz verständlichen Wort „casubalis" (pol. „kozubolec") bezeichnet wurden. Das Wort bedeutet heute im Volksmunde Bestechung und lautet „kosebole". Das Spezimen einer solchen Lamention der Bürger gegen die Juden teilt der Verfasser aus dem Jahre 1679 mit: Die perfida gens judaica schützt verschiedene Protektionen vor und verkauft daraufhin in unserer Stadt intra muros, allerhand Waren, besonders während der Tagung des Krontribunals, dadurch bringt sie unsere Lubliner Kaufmannschaft an den Bettelstab, darum wird bestimmt: Ein Jude darf weder am Ringplatz noch in den Gassen der Stadt Lublin zu ebener

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