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Ost und West · 1920-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1920) · p. Seite 152 - 153

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1920)
Article
Eine alte jüdische Kulturstätte
Date
1920-05-01
Page
Seite 152 - 153 (sequence 1)
Language
German
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152 Eine alte jüdische Kulturstätte. 153 EINE ALTE JUEDISCHE KULTURSTAETTE. Dr. Mayer-Balaban, dem wir eilte ganze Reihe trefflicher Publikationen aus dem Gebiet der jüdischen Geschichte in Polen verdanken, Akten- und Materialiensammlungen sowohl wie auch zusammenfassende Monographien und Darstellungen, hat uns ein schönes Buch über eine der merkwürdigsten und ehemals angesehensten jüdischen Gemeinden in Osteuropa geschenkt: „Die Judenstadt von Lublin" (Jüdischer Verlag, Berlin, 1919). Während der Besetzung dieses Teils von Polen durch die habsburgische Armee im Kriege war der Verfasser in amtlicher Eigenschaft in Lublin tätig. Er benutzte die Gelegenheit, um die Archive der Stadt zu durchforschen und die alten Lokaltraditionen zu sammeln und zu sichten. Was er uns bietet, ist eiae wertvolle Monographie, die gleichsam den Querschnitt der geistigen, politischen, sozialen und vor allem der Wirtschaftsgeschichte der Juden in Polen während dreier Jahrhunderte zeigt. Der Wert des Buches wird noch erhöht durch die von dem Charlottenburger Architekten Karl Richard Henker an Ort und Stelle hergestellten zahlreichen schönen Illustrationen, die die Ausführungen des Textes anschaulich machen. In der alten, bereits im 13. Jahrhundert existierenden Stadt Lublin tritt uns die jüdische Gemeinde erst im 16. Jahrhundert entgegen, sie ist also bedeutend jünger als die anderen berühmten Judengemeinden in Polen, wie Krakau und Lemberg. Wie die meisten großen Städte Polens ist auch Lublin von den im 12. und 13. Jahrhundert ins Land gerufenen Deutschen gegründet worden; diese Städte regierten sich alle nach deutschem (sog. Magdeburger) Rechte, erst König Kasimir der Große verlegte den höchsten Gerichtshof für diese Gemeinden nach Polen. Das deutsche öffentliche Recht blieb in Geltung, auch nachdem die Bürger sich gänzlich polonisiert hatten und jede Erinnerung an ihre deutsche Herkunft verschwunden war. Zu dem Grundsatze dieses Rechtes gehörte es, daß die Bürgerschaften der Städte vom König oder Herzog das Privilegium de non tolerandisjudaeis erwarben, welches ihnen gestattete, jüdische Kaufleute und Handwerker von der eigentlichen Stadt, wo der Marktplatz war und die Geschäfte abgewickelt wurden, fernzuhalten. Lublin entwickelte sich im 16. Jahrhundert zu einer mächtigen Handelsstadt. Deutsche, Franzosen, Italiener, Perser, Türken, Tataren, Armenier und Großrussen zogen nach Lublin, um hier ihre Waren auszutauschen. Manufaktur waren, Leinwand, Samt und Seide, Teppiche, Salz, Pelze, Gewürze und Farben. Die Könige gewährten den Lubliner Bürgern Zollfreiheit an vielen Grenzstationen, was viel zur Hebung des Handels beitrug. Und das Handelszentrum in Lublin befand sich ähnlich wie in anderen Städten jener Zeit Blick in die Podwalgasse, von der oberen Altstadt (Aus dem Buche „Balaban, die Judenstadt von Lublin") am Marktplatz und in den ihn umgebenden Gassen. Hier war die Wage, hier standen die Dolmetscher, hier die Vermittler, die Käufer und Verkäufer zusammenbrachten. Den Juden aber waren die Wohnplätze weit, weit außerhalb der Stadt zugewiesen, in der Stadt durften sie weder Wohnungen noch Geschäfte mieten. Das Privilegium de non tolerandis Judaeis erfüllte also nicht nur die hohe ideale Aufgabe, die christliche Religion vor jeder Befleckung durch die vermaledeiten Juden zu behüten, sondern auch den sehr praktischen und höchst einträglichen Zweck, den christlichen Bürgern ein Handelsmonopol zu sichern und die lästige jüdische Konkurrenz fernzuhalten. Es ist kein Wunder, daß die christlichen Kaufleute und Handwerker dieses Privilegium bis in die neueste Zeit hinein als ein heiliges Palladium ihrer Religion hochhielten. Der* Hauptinhalt der äußeren Geschichte der Juden in den meisten Städten Polens (sowie Deutschlands) bildet denn auch der Kampf um das Handelsprivilegium. Der König und der Adel dachten nämlich über diesen Punkt ganz

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