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Ost und West · 1920-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1920) · p. Seite 148 - 149

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1920)
Article
Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland
Date
1920-05-01
Page
Seite 148 - 149 (sequence 6)
Language
German
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148 Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland. 149 wehr des deutschen Antisemitismus zu bilden, der sie in ihrer Ehre und ihrer Existenz bedroht? Die Deutschen jammern ja ohnehin, das „internationale Judentum" hätte sich gegen sie verbunden und ihnen den Schmachfrieden aufgezwungen. Ihre bösartigsten und schadenfrohesten Feinde, die Polen, versichern ihrerseits genau dasselbe, das „internationale Judentum'* habe sich in seiner alten Liebe zum Deutschtum gegen sie, die Polen, verbunden und schmälere ihnen auf Schritt und Tritt den gerechten Anteil an der Beute und am Siegestriumph . . . Man erinnert sich noch, wie Fürst Bülow die ganze russische revolutionäre Partei aufgeblasener- und beschränkterweise beschimpfte, indem er sie sämtlich als „Schnorrer und Verschwörer*' hinstellte und als ihre einzigen Repräsentanten Schapire und Silbe rfarb bezeichnete. Gleich nach Kriegsausbruch haben Krapotkin und B urzew darauf die Antwort gegeben! Fürst Bülow war überzeugt, daß, wenn es sich bloß um Silberfarb und Schapire handelt, niemand Anstoß daran nehmen wird, daß die preußische Polizei sie den Schergen des Zaren in die Hand lieferte. Diese und alle anderen Liebesdienste haben, ach, nichts genützt. Gerade der Bülowsche Handelsvertrag hat den Haß gegen Deutschland in den weitesten Kreisen Rußlands geweckt. Diesen Haß zu beseitigen, ist jetzt die große Aufgabe. Deutschland ist jetzt wirtschaftlich ungleich mehr als vor dem Kriege auf den Osten angewiesen, um sich wieder .aufbauen zu können. Und dabei werden die Schapire und Silberfarb, freilich nicht als Schnorrer und Verschwörer, sondern als Kaufleute und Organisatoren, ein sehr bedeutendes Wörtchen mitzureden haben. Sie könnten sich fragen, ob es sich lohne, noch weiter ihre wirtschaftliche und kulturelle Vorliebe für Deutschland zu betätigen und Waren für 1,3 Milliarden im Jahre zu importieren, während sie seit dem März 1917 von der Entente in allen Tonarten förmlich umbuhlt werden, lediglich im Hinblick auf ihre kommerzielle Bedeutung. Gibt es nicht auch in den Ententeländern eine durchaus nicht zu verachtende Technik und Industrie? Philosophie, Wissenschaft, Ideen, Kunst und alle anderen Heiligtümer, um derentwillen uns Deutschland so heilig war, sind dem Vernehmen nach auch in Frankreich und England nicht selten, und die Sprachen und Literaturen dieser Länder sind auch nicht zu verachten. Wir werden natürlich fortfahren, Lessing, Kant und Schiller, um derentwillen die Deutschen so hoch in unserer Achtung standen, zu verehren. Jetzt aber scheinen die großen Traditionen dieser Männer ausgestorben zu sein. Wo bleiben denn die großen geistigen Führer der deutschen Nation, die Dichter und Denker, die Forscher und Gelehrten? Warum erheben sie ihre Stimme nicht? Warum hat sich noch keiner gefunden, der namentlich die studierende Jugend in die Schranken wiese? Warum überlassen sie den Kampf ausschließlich den Juden allein oder den paar Tageblättern, die man gemeinhin als „Judenpresse*' bezeichnet und die hie und da, schüchtern, in einer versteckten Ecke einen Protest gegen die Judenhetze bringen? Jetzt haben offenbar die Teutschen über die Deutschen den Sieg davongetragen, Lessing, Kant und Schiller sind von Treitschke, Ahlwardt und Reventlow entthront worden. Mit den deutschen Büchern und Zeitungen strömt ein Gift ins Land, welches uns seit 40 Jahren das Leben verdarb. Rußland braucht jetzt Handwerker, Werkmeister, Ingenieure, Techniker. Müssen es denn just Deutsche sein? Es gibt ihrer auch in Amerika, England, Frankreich. Von hier werden sie keinen Antisemitismus einschleppen. Und diese Länder sind jetzt so unheimlich nahegerückt . . . Wenn einmal die Ostjuden zu dieser Ueberzeugungt gelangt sind, dann könnte es kommen, daß die Studentlein, die die jüdischen Ausländer und jetzt die jüdischen Professoren aus den deutschen Hochschulen hinauswerfen, nicht mehr die Mittel besitzen, um beim Früh- und Nachmittagsschoppen ganz so fleißig und flott wie bisher die deutsche Wissenschaft und Kultur zu pflegen . . . Die Herren Väter täten vielleicht gut daran, die Herren Söhne des Näheren darüber aufzuklären. Fürwahr, groß sind die Deutschen in der edlen Kunst, sich aus Freunden Feinde zu werben. Als mit Ausbruch des Weltkrieges der große Anklage- und Verleumdungsfeldzug auf beiden Halbkugeln gegen das gesamte deutsche Volk und seine Kultur anhub, da erhoben sich in Amerika und in Europa Juden, und zwar überwiegend O s t j u d e n , um mit dem ganzen Einsatz ihrer Kraft dem entgegenzutreten und für Deutschland Zeugenschaft abzulegen. Sie taten das aus Abscheu gegen die Ungerechtigkeit, unter der die Juden selber stets so viel zu leiden hatten, und aus Dankbarkeit für die zahlreichen Verteidiger der Juden und des Judentums, die in Deutschland erstanden waren. Da die nicht jüdischen Ankläger Deutschlands mit Vorliebe auf den Antisemitismus als den schwärzesten Punkt hinwiesen, so warnten jene Juden ihre neutralen Glaubensgenossen mit Nachdruck davor, sich in blinden Deutschenhaß hineinhetzen zu lassen und stellten den Antisemitismus als eine vorübergehende Verirrung, als einen Widerspruch zum wahren deutschen Geiste hin — in der festen Ueberzeugung, daß das ge-

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