Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1920)
- Article
- Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland
- Date
- 1920-05-01
- Page
- Seite 150 - 151 (sequence 7)
- Language
- German
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150 Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland. 151 waltige Erlebnis des Weltkrieges die Judenhetze wenn nicht ganz hinwegfegen, so doch bedeutend mildern würde. Aber die Regierung und die einflußreichsten Parteien, erstere mittels der famosen „Judenzählung" und einer Reihe ähnlicher jämmerlicher Maßnahmen, letztere durch eine Flut giftigster Broschüren und Artikel, bemühten sich, die jüdischen Verteidiger und Lobredner Deutschlands vor aller Welt Lügen zu strafen. Und. was wir seit mehr als I1/2 Jahren erleben, ist nur geeignet, den Juden der ganzen Welt die beängstigende Frage nahezulegen: Was wäre aus uns geworden, wenn die Deutschen gesiegt und ein Weltreich „von Hamburg und Antwerpen bis Bagdad" aufgerichtet hätten? Die ganze übrige Welt würde sich in einen Ansiedlungsrayon verwandelt haben; innerhalb dieses von Alldeutschen und Antisemiten beherrschten Weltreichs aber würde man mit aller Kraft daran gearbeitet haben, daß die Zahl der Juden sich nicht vermehre, sondern nach Möglichkeit verringere. Und da das Beispiel der Sieger überall Nachahmung findet, so wäre in der neuen Weltepoche über die gesamte Judenheit die Hölle hereingebrochen . . . Ah, daß man's ja nicht vergesse I Am Ende sorgte man auch für diese gottverlassenen Juden in großherziger Weise. Nämlich im Frühjahr 1918 wurde in Berlin ein Pro-Palästina-Ausschuß gegründet, der im Heiligen Lande einen Staat für 6 Millionen Juden, nicht einen weniger, zu gründen sich vornahm. Ein Oberlehrer wies in einer gründlichen Broschüre nach, daß dies im Interesse Deutschlands unbedingt erforderlich sei, und daraufhin schnorrten Emissäre des Ausschusses bei deutschen Juden Beiträge nicht unter 150 Mark. Palästina befand sich damals de jure in ottomanischer, de facto in englischer Macht, aber der Ausschuß schenkte es bedenkenlos den Juden. Im Ausschuß saßen u. a, Graf Westarp, Prof. Hoetzsch und der unvermeidliche Herzensfreund der Juden, Cleinow. Auf die treue Fürsorge solcher Männer konnten sich die Juden verlassen. Diese anderthalb Jahre nach Balfours Erklärung kommende captatio benevolentiae, welche den Antisemitismus verschleiern sollte, wirkte so komisch, daß man darüber ihren Zynismus vergaß „ Täten die Herren Westarp und Hoetzsch nicht besser daran, die Sorge für die Ostjuden diesen selbst zu überlassen und sich damit zu begnügen, die antisemitischen Heerscharen, die sie kommandieren, etwas zu dämpfen — im Interesse Deutschlands nämlich? Die deutschen Juden haben im Weltkrieg ihren alten guten Ruf bewährt und' sowohl durch ihre Organisationen als durch einzelne Persönlichkeiten wahrhaft Großes für die bedrängten Brüder geleistet: sie haben sich mit peinlichem Eifer der Uebermittlung und Verteilung der von Amerika gesandten Millionen gewidmet, sie haben die Gefangenen und Flüchtlinge oft mit wahrhaft brüderlicher Hinglabe, geschützt und gehegt. Auf vornehme Weise statteten sie damit ihren östlichen Brüdern den Dank für die Wohltaten ab, die diese seit Mitte des 14, bis Mitte des 17. Jahrhunderts an den vor Pogromen und Vertreibungen aus Deutschland nach Polen und Litauen fliehenden Juden gewirkt haben. In den Archiven ihrer alten Gemeinden liegen noch die Rechnungen über die zur Unterstützung der Flüchtlinge aus Deutschland gesammelten Gelder, und die Satzungen der zum Schutz ihrer Waisen gegründeten Vereine1). In der jüdischen Geschichte herrscht stets Wechselseitigkeit zwischen den einzelnen Ländern, die oft erst nach langen Zwischenzeiten zur Geltung kommt. — Indessen, wenn jüngst in Berlin eine Gesellschaft zur Regelung der ostjüdischen Emigration gegründet wurde, so ist das vollkommen überflüssig. Die Ostjuden fühlen sich nämlich schon großjährig und gedenken ihr Schicksal selber in die Hand zu nehmen. Es zeugt von entwaffnender Naivität, wenn diese Gesellschaft an das Studium der wirtschaftlichen Bedingungen der Emigration sich heranzumachen verspricht und keine Ahnung hat, daß man ihr hierin seit 25 Jahren zuvorgekommen ist und daß über diese Fragen eine weitschichtige Literatur in hebräischer, jüdischer, russischer, polnischer, französischer und englischer Sprache existiert, so daß man sich in Berlin die Arbeit ruhig sparen kann. Wie die Verhältnisse jetzt liegen, ist für die nächsten Jahre eine starke Auswanderung aus Deutschland nach dem Osten zu erwarten, an der wohl auch deutsche Juden teilnehmen werden. Da kann es leicht kommen, daß die Ostjuden eine Gesellschaft zum Studium dieser Auswanderung und zum Schutz der Auswanderer zu gründen haben werden. Dagegen wird sich die ostjüdische Wanderung, auch wenn sie große Dimensionen annehmen sollte, sicherlich nicht nach Deutschland wenden, auch schwerlich, wie vor dem Kriege, über Deutschland gehen. Die genannte Berliner Gesellschaft wird also sehr wenig zu tun haben. Es wäre vielleicht angezeigt, daß sie ihre Kraft weniger auf den Schutz der Ostjuden als auf den Schutz der deutschen Juden in Abwehr des ins Maßlöse anschwellenden Antisemitismus verwenden wollte. Dadurch würde sie sich nicht nur um die deutschen Juden, sondern vor allen Dingen um ihr deutsches Vaterland ein großes Verdienst erwerben. x) Mehrere davon sind in der ,Jewrejskaja Starina'' abgedruckt.