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Ost und West · 1920-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1920) · p. Seite 144 - 145

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1920)
Article
Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland
Date
1920-05-01
Page
Seite 144 - 145 (sequence 4)
Language
German
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144 Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland. 145 der sonstigen wenig einnehmenden Eigenschaften seines Wesens, das verdankt er zu einem sehr bedeutenden Teil den Juden des Ostens. Ueberall in Osteuropa und in Vorderasien, bis nach Smyrna und bis in den Kaukasus hinein, insofern dort Juden wohnten, konnte der reisende Deutsche sich in einer Atmosphäre deutscher Geistigkeit finden, durfte er sicher sein, Menschen zu treffen, mit denen er sich in seiner Sprache, häufig sogar in einer sehr erlesenen Form dieser Sprache, verständigen konnte. Der deutsche Bauer, Kaufmann, Handwerker, Techniker, Arbeiter konnte sicher sein, Menschen zu finden, mit denen er anknüpfte, die seine Leistung, die Vorzüge seines Wesens, seine kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung hochschätzten und diese Hochschätzung auf die Umgebung übertrugen. Nun war es unzweifelhaft eine der schändlichsten Ruchlosigkeiten, die im Kriege verübt wurden, daß man in Deutschland sich bemühte, die rein geistige und kulturelle Anhänglichkeit der Ostjuden an das Deutschtum politisch zu mißbrauchen und sie in eine feindliche Position zu den Nationen zu drängen, unter denen sie leben. Es war ein unerhörter Frevel, aus dem Umstand, daß die Ostjuden den aus ihrer alten Heimat vor vier oder fünf Jahrhunderten mitgenommenen deutschen Dialekt bis heute bewahrten und von ihm | so leicht zum Hochdeutschen übergingien, für sie die Verpflichtung abzuleiten, unter den Slawen „die germanische Idee zu vertreten* \; die Tatsache, daß sie im 14. und 15. Jahrhundert, unter den härtesten Verfolgungen aus Deutschland vertrieben, in Polen aufgenommen wurden, gab' den Deutschen keineswegs das Recht, sie für sich in Beschlag zu nehmen und zu verlangen, sie sollten den deutschen Interessen im Kampfe gegen ihr jetziges Vaterland dienen; ihre Vorliebe für deutsche Bildung und Literatur, ihre Neigung, wirtschaftliche Beziehungen zu Deutschland zu pflegen, ermächtigte keinen zu der Forderung, sie sollten sich In den Dienst der alldeutschen Unersättlichkeit stellen und im Falle eines Konfliktes Landesverrat zugunsten Deutschlands üben. Die Schweizer sind niemals aus Deutschland vertrieben worden, man hat ihre Einwanderung nach Deutschland niemals durch gesetzliche Schranken behindert, sie sind der deutschen Kultur und Sprache sicher nicht minder verwandt und verpflichtet als die Ostjuden, — aber, man versuche doch nur, einem Schweizer klarzumachen, daß er im politischen Sinne ein Deutscher und verpflichtet sei, die „germanische Idee" und die „deutschen Interessen" zu vertreten! . . . Allein die hinterlistige und mißbräuchliche Verzerrung ins Politische mindert nicht die Bedeutung, welche das Verhalten der Juden zum Deutschtum für dessen kulturelle und wirtschaftliche Weltgeltung1 hatte und das sich mit den zwei Millionen ostjüdischer Emigranten nach Amerika verpflanzte. — Aber nicht nur die osteuropäischen, sondern auch die französischen, englischen und italienischen Juden blickten zu den deutschen Glauibensgenossen mit Hochachtung empor. Man vergaß in Frankreich nicht, daß Mirabeau zu seinem Kampf für die Emanzipation durch Mendelssohns Wirksamkeit angeregt worden ist, die kolossalen Leistungen der deutschen Juden in der Wissenschaft des Judentums sicherten ihnen die Führung im ganzen Abendlande. Und gerade diese Juden, die seit fünf Generationen den Primat innerhalb der ganzen Gemeinschaft innehaben, werden seit mehr als 40 Jahren von ihren Landsleuten mit den bittersten Schmähungen überhäuft. Sie sind die Ursache des Hasses, der sich in der ganzen Welt gegen die Juden ausbreitet. Schon im Jahre 1868 schrieb Graetz, die judenfeindliche Literatur in deutscher Sprache sei umfangreicher als in sämtlichen anderen Sprachen. Heute ist sie zu einem Ozean angeschwollen, in dem man sämtliche 15,3 Millionen Juden der Welt ersäufen könnte. Die Deutschen stellen ihre Juden hin als die Ausgeburt aller Lasterhaftigkeit, die Verkörperung aller Verderbtheit, sie häufen auf sie die Verantwortung für alles Unglück,, das ihr Vaterland betroffen hat. Zieht man die Beharrlichkeit und Systematik dieser offenbar mit ungeheuren materiellen Mitteln arbeitenden Hetze in Betracht, so kommt man zu dem Schluß, daß hier mit Konsequenz darauf hingearbeitet wird, die Juden durch u n aufhörliche Schmähungen und Verleumdungen in der Weltmeinung so herabzusetzen, daß man sie ungestraft in den Zustand von vor der französischen Revolution zurückstoßen konnte, als noch der Leibzoll bestand. Das kann natürlich den westeuropäischen und amerikanischen Juden nicht gleichgültig sein. In Deutschland lehrt man, daß dem Juden alle die vornehmen Eigenschaften, die zur militärischen Führung nötig sind, abgehen, und man ist empört, daß einige Dutzend jüdischer Soldaten im Kriege in die unteren Offiziersränge zugelassen wurden. In der französischen Armee dienten während des Weltkrieges vierzehn jüdische Generale, sechsund vierzig Oberste aller Waffengattungen und eine fast unübersehbare Anzahl von Offizie- . -i ren der nachgeordneten Grade. Die englische Armee und Marine hatte hohe Und höchste jüdische Offiziere in allen Reihen, desgleichen die amerikanische. In Italien gab' es sogar jüdische

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