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Ost und West · 1920-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1920) · p. Seite 142 - 143

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1920)
Article
Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland
Date
1920-05-01
Page
Seite 142 - 143 (sequence 3)
Language
German
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142 Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland. 143 sen, gleich dem Sündenbock, in die Wüste — ins Konzentrationslager. ... Ist e£ nicht, als ginge man mit Absicht darauf aus, den Feinden die gewünschte Rechtfertigung der iunerhörten Auslieferungsforderung bereitwillig in die Hände zu reichen? Wer sich dagegen sträubt, an die „deutschen Greuel" zu glauben, die von siegestrunkenen oder verratumwritterten Militärs im eroberten und besetzten Feindesland verübt worden sein sollen, der wird sich jetzt sagen: Wenn die Deutschen im eigenen Lande, mitten im Frieden, gegen eine Handvoll wehrloser armer Teufel, die zum großen Teil ins Land gelockt wurden, zum Teil dort Zuflucht vor Lebensgefahr suchten, nicht anders vorzugehen wissen, als indem sie die eng- DEUTSCHTUM Merkwürdig! In Deutschland leben alles in allem etwas über eine halbe Million Juden, also noch nicht der dreißigste Teil der Gesamtjudenheit. Aber der in der Heimat dieses Dreißigstels seit vierzig Jahren produzierte Haß ergießt sich auf alle andern neunundzwanzig Teile, die über die halbe Welt verstreut sind, und verbittert ihnen das Leben, bildet eine Gefahr für ihre Ehte und ihre Existenz. Alle die infamen Theorien von der unverbesserlichen Verderbtheit der „jüdischen Rasse", von der Gemeingefährlichkeit der jüdischen Religion, von der ewigen Unversöhnlichkeit zwischen Judentum und europäischer Kultur wurden in Deutschland ersonnen und ausgebaut und als unumstößliche wissenschaftliche Wahrheiten in die Welt hinausposaunt. Alle Schlagworte, die die Ehre des Juden als Menschen vernichten und ihm das Daseinsrecht auf Erden abstreiten sollen, wurden in Deutschland geprägt. „Von Deutschland ging aus die Lehre, und die Worte von Berlin.'4 Aus diesem unerschöpflichen Born holen sich die Antisemiten aller Herren Länder wissenschaftliche und moralische Rechtfertigungisgründe ihrer Gesinnungen und Taten. Nun erfreuten sich bekanntlich die deutschen Juden seit Mendelssohn der größten Hochachtung innerhalb der Gesamtheit ihrer Glaubensgenossen in der glänzen Welt, besonders in Osteuropa, bis nach Vorderasien hinaus. Sie leuchteten allen anderen Juden im kulturellen und bürgerlichen Fortschritt voran. Ihre Einrichtungen und Organisationen wurden für die jüdischen Gemeinschaften in allen Ländern Europas und Amerikas mustergebend. Seit 100 Jahren ist die deutsche Sprache zum Organ für die moderne Wissenschaft des Judentums, und mit dadurch ist sie in einem sehr bedeutsamen Sinne zur Kult Ursprache, zur Verständigungssprache der Juden in der ganzen Welt geworden. Was für eine gewaltige Bedeutung das für die kulturelle und lischen Methoden des Burenkrieges zur Anwendung bringen, wie müssen sie erst den bezwungenen Feind behandelt haben, wenn sie ihm nach hartem Kampf den Fuß auf den Nacken gesetzt? Kein Mensch in der Welt wird es glaubwürdig finden,, daß das Deutsche Reich, von einer Handvoll Schieber und Wucherer in seiner Existenz bedroht, mit den gewöhnlichen Rechtsmitteln gegen sie nicht aufkommen kann und darum gezwungen ist, einige Tausend Personen in Konzentrationslager zu schicken, wohin aber natürlich nur die Unschuldigen gelangen werden, um dort zu verkommen und zugrunde zu gehen, während den Missetätern tausend goldene Auswege offen stehen. UND JUDENTUM. wirtschaftliche Weltgeltung der Deutschen hatte, braucht nicht erst betont zu werden. Was die wirtschaftliche Seite anbetrifft, so würden die Zeugnisse hierfür ganze Bände füllen. Was aber die geistige Seite anbetrifft, so klagt man jetzt in Deutschland allenthalben, daß von deutscher Seite, im Gegensatz zu England und Frankreich, keine „Kultur propaganda'' getrieben wurde. Nun, die Juden haben, besonders in Osteuropa, das offizielle Deutschland hierin vertreten. Natürlich ohne jeden politischen Hintergedanken. Für die Juden war Deutschland das heilige Land der Ideen, der Wissenschaft, der Philosophie, der Kunst; das Licht der Aufklärung, des Fortschrittes, der Humanität kam aus dem Vaterlande Mendelssohns, Lessings, Kants, Schillers. Als urplötzlich die gellenden Stimmen Treitschkes, Stöckers und Ahlwards zu ihnen herüberklangen, waren sie höchst erstaunt, hielten das für eine Art Sinnestäuschung oder für eine Verirrung, die bald vorübergehen würde, sie fuhren fort, an Mendelssohn, ^essing,- Kant und Schiller zu glauben. Es will et!was heißen, wenn die vier oder fünf im deutschen Kulturgebiete gelegenen Hochschulen für die Wissenschaft des Judentums seit 50 loder 60 Jahren Hunderte und Hunderte von Rabbinern, Predigern, Lehrern, an deutschen Universitäten vorgebildet, mit deutschem Wesen vertraut, von deutscher Kultur durchtränkt, in die ganze jüdische Welt hinausgesandt haben. Was an Büchern, Zeitschriften und Zeitungen aus Deutschland durch die Ostjuden bezogen wurde, belief sich auf Millionen jährlich. (Hier ist auch das wirtschaftliche Moment zu beachten.) Das große Ansehen, welches der Deutsche bis zum Kriege in Osteuropa allenthalben genoß, gründete sich natürlich in erster Reihe auf seine Tüchtigkeit und seine Leistungen. Aber daß diese zur Geltung kamen und gewürdigt wurden, trotz

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