Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1920)
- Article
- Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland
- Date
- 1920-05-01
- Page
- Seite 140 - 141 (sequence 2)
- Language
- German
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140 Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland. 141 Eierschalen des Philistertums, dieses Erbes der Jahrhunderte, besonders was die Vorurteile gegen die Juden anbetrifft, nicht abzustreifen vermocht. Dem wirtschaftlichen Konkurrenzneid entspringt die Engherzigkeit und die kleinliche JRerfiijJiaberei, welche das Kennzeichen des Spießers sind, und die nur zu gern einen Bund schließen^mit religiösem Fanatismus und chauvinistischer Unduldsamkeit. Nun ging! aber der Deutsche, bis auf die letzten Jahrzehnte, in die* Welt hinaus nicht als Eroberer, Weltumsegler, Kolonisator und Plantator, sondern in neun*von zehn Fällen als Kleinbauer, Kleinhändler und Kleinhandwerker, er brachte die ganze kleinliche Gesinnung des Kleinbürgers mit in die neue Heimat und behielt sie, da sein sozialer Zustand sich nicht änderte, auch dann noch bei, wenn er alle Erinnerungen an seine deutsche Herkunft bis auf den Namen abgelegt hatte. Das ist eine Erklärung, aber keine Entschuldigung. Am allerwenigsten für die neuere Generation. Die deutschen Stämme wurden geeint, das Deutsche Reich wurde zur Weltmacht, aber anstatt mit kräftiger Hand die, jämmerliche alte t Gesinnung abzustreifen, verkündete ein Treitschke, die Juden seien das Unglück Deutschlands! In den seither verflossenen 40 Jahren hat Deutschland einen unerhörten Aufschwung gesehen, zu dem die Juden weit, weit mehr, als ihrer verschwindenden Zahl entspricht, beigetragen, haben die Deutschen ihre glücklichsten Zeiten erlebt. Das Unglück Deutschlands aber war die von Treitschke und den Seinigen verbreitete und gepflegte Geisinnung, die den großartigen Aufschwung wie ein heimlicher Wurmfraß begleitete und die Mentalität eines großen und edlen Volkes auf Abwege führte: der unentwegte Schwertglaube, die götzendienerische Anbetung des Machtgedankens, das unablässige Bauchrutschen vor dem Zaren, der maßlose völkische Dünkel, die nationale Selbstvcrgötterung, die Ueberzeugung, daß die ganze Welt * nur für den Deutschen da sei und daß alles Nichtdeutsche nur geduldet werde auf Erden. Es war die alldeutsche Gesinnung, deren Losungswort das von Treitschke mit besonderer Vorliebe gebrauchte „schlagen!" war, dieselbe Gesinnung, die den modernen Antisemitismus erzeugt und beseelt hatte; sie war es, die 'den Deutschen den unversöhnlichen Haß der gesamten zivilisierten Menschheit eingetragen und über sie den ganzen Jammer und die Schmach dieser nie dagewesene^ Niederlage gebracht hat. Nie zuvor hat eine Doktrin einen schmachvolleren Bankrott erlitten als die von Treitschke mit so viel Größenwahn, mit so viel Gift und Galle verflochtene Lehre von den Wirtsvölkern und den Gastvölkern. Wer ist heute das Wirtsvolk und wer d,as Gast volle in den Ostmarken? Und in OberSchlesien? Und in Schleswig? Und in Elsaß-Lothringen? Und im Rheinland? . . . Schwer büßt das deutsche Volk für die Sünden seiner falschen Propheten, seiner Gewalthaber und Führer, die es verführten, zu glauben, man dürfe ungestraft das Recht des Schwächeren beugen. Kein Volk in der Weit ist jetzt so sehr wie die Deutschen darauf angewiesen, an das Gefühl universeller Gerechtigkeit zu apellieren. Kein Volk in der Welt wird in den nächsten Jahrzehnten in gleichem Maße gezwungen sein, die Gastfreundschaft und die Duldsamkeit fremder Völker in Anspruch zu nehmen. Kein Volk in der Welt hat je eine so furchtbar schwere Last von übertriebenen ünd falschen Anklagen, von schimpflichen Verleumdungen auf seinem Nacken gespürt. Ist es nicht erstaunlich, daß mitten in dieser Lage die intellektuelle Jugend, welche schon in wenigen Jahren berufen sein wird, die Nation zu führen, daheim all das mit Füßen tritt, was die Nation draußen in der Welt anrufen und beschwören muß? Und die Jungen zwitschern ja nur, wie die Alten sungen. Hinter den Studenten,' welche beschließen, keine „fremdrassigen" Mediziner zuzulassen, welche den einen jüdischen Professor absetzen und dem andern das Leben so versalzen, daß er selber geht, oder welche beschließen, die Juden unter Fremdenrecht zu stellen — hinter ihnen stehen die Professoren, denen der schmerzliche Rausch der Niederlage die Köpfe umnebelt hat, gleich wie es der jubelnde Rausch des Sieges getan hätte. Irgend jemand muß das Opfer werden, irgend jemand muß es am eigenen Leibe zu spüren bekommen, an irgend jemandem muß man den Schmerz und die Wut auslassen. Das bequemste Objekt' sind natürlich die Juden. Man hat keine Polen, keine Dänen, keine Elsässer mehr, die man straflos schikanieren, erniedrigen, demütigen, peinigen konnte, um sich der eigenen Ueberlegenheit bewußt zu werden und den sadistischen Machtkitzel zu befriedigen, der die Grundlage des Nationalismus bildet, — darum müssen die Juden herhalten. Breite Schichten, namentlich der Intellektuellen, bis zu den Regierungskreisen hinauf, sind von dieser, Stimmung beherrscht. Die wirtschaftlichen und die Ernährungsverhältnisse sind trostlos, es muß etwas geschehen, der Tatendrang1 muß sich austoben. Es wird also eine Razzia — nicht auf Schieber und Lebensmittel Wucherer und Valutahändler gemacht, sondern . . . auf „Ostjuden". Ihre Zahl wächst plötzlich' ins Phantastische, und sie sind, in einer Millionenstadt, in einem Lande, das noch immer über 60 Millionen Einwohner zählt, die Hauptursache des ganzen Elends, der Wohnungsnot, der Lebensmittelnot, sogar der Valutanot! Wie auf den Kopf des Sündenbocks, lädt man auf sie alle Verantwortung ab, und sie müs-