Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1920)
- Article
- Der Kastengeist in jüdischer Beleuchtung
- Date
- 1920-05-01
- Page
- Seite 136 - 137 (sequence 3)
- Language
- German
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136 Der Kastengeist in jüdischer Beleuchtung. 137 Aber auch diese Stände und Schichten mit all ihnen Abstufungen und Differenzen lebten meistens friedlich miteinander. Manchmal, namentlich bei Anstellungen von Beamten und bei der Bestimmung der Gemeindesteuern, kamen heftige Reibereien vor, aber man vertrug sich wieder. Es gab keine Mauer zwischen den Klassen und kein^rtiefen Graben, sondern nur Distanzen, die bald größer, bald kleiner .waren. Dazu kam als nivellierendes Moment die Unsicherheit der Verhältnisse. Ueber Nacht war der Reiche arm geworden — ein Jored, wie der Volksmund ihn bezeichnete — oder abgebrannt und seines Vermögens verlustig". Der Sohn des Armen gelangte plötzlich zu Wohlstand oder kam aus der Jeschibah1 als großer Gelehrter — Chächrif — zurück. Das zog zugleich die ganze Familie mit in die Höhe oder Tiefe. Die Achtung vor Gelehrsamkeit und Frömmigkeit blieb in allen Gemeinden, und man braucht nicht gar zu alt zu sein, ürn sich zu, erinnern, wie in mancher Ge-, meinde des Ostens der „Lamdon" nicht nur mehr verehrt wurde, sondern auch1 mehr Einfluß besaß ,als der Reiche. Viel spielte dabei auch der Familienstolz, das „Jichus", mit, daß der Emporkömmlingnicht zu leicht zu, Stellung! und Ansehen gelangen konnte. Es war also eine Demokratie, in deren Mitte sich kleine Gelehrtenaristokratien bildeten. Ein Dünkel der Stände konnte nicht leicht aufkommen, und da, wo er sich zeigte, wurde er nicht ernst genommen. Auch die Stände also oder die Differenzen und Abstufungen, die daran erinnern, waren nicht sehr ernst und für die Einheit der Gemeinde nicht bedrohlich. Sie waren nicht nur nicht unüberbrückbar, sondern es bauten sich die Brücken von selber durch die Religion und das Nationalempfinden, die namentlich bei großen und kleinen Katastrophen stark zum Vorschein kamen. Es ist nun psychologisch1 interessant, daß dieser Kastengeist, der von Hause aus im Judentum unmöglich war, sich später in den jüdischen Gemeinden immer stärker entwickelte — lediglich auf Vermögensunterschied und materieller Grundlage, weil jede andere fehlte. Mit dem Weichen des Nationalismus und mit dem Beginn fremder Sitten und Unsitten wurde der Boden immer mehr für den Kastengeist und Ständedünkel gedüngt. Daher feierte er seine Orgien hauptsächlich' in den Gemeinden Westeuropas, denn es fehlte hier die ausgleichende jüdische Wärme, die Achtung vor dem jüdischen Wissen, die lebhafte Erinnerung an die große Vergangenheit und der starke Glaube an die Zukunft. Und war ein Dünkel des Familienstolzes, der Gelehrsamkeit noch von einem Schimmer von Poesie begleitet, so ist ein Hochmut, der lediglich auf Reichtum pocht, gianz unerträglich. Man hat da das Bild der Entjud'ung der Gemeinde, eine Karikatur der jüdischen Entwicklung vor sich. Es ist in den großen Gemeinden des Westens tatsächlich1 so weit gekommen, daß Männer mit einem Einkommen von weniger als 20—30000 Mark jährlich für ein wichtiges Ehrenamt gar nicht in Betracht kommen. Der aus dem Osten stammende Glaubensbruder ist selbstredend von vornherein von Ehrenämtern ausgeschlossen, und er kann froh sein, wenn «er auch nur das aktive Wahlrecht besitzt. - Die unteren Stände sind in der Repräsentanz meistens gar nicht vertreten und ihre Interessen bleiben häufig ungewahrt. Die Ostjuden besonders sind auch da, wo sie einen großen Prozentsatz der Gemeinde bilden, ohne jeglichen Einfluß auf die Verwaltung, und man behandelt sie als Mitglieder zweiten Ranges. Schlimm ist es, daß diesen Würdenträgern jede tiefere Kenntnis des Judentums fehlt. Man findet in manchen Repräsentanzen und Verwaltungsausschüssen auch keinen einzigen, der wirklich das Judentum kennt. Ohne Kenntnis des Judentums aber wird man nie zu einer gerechten Beurteilung der jüdischen Bedürfnisse gelangen. In Süddeutschland wird diesem Uebel noch einigermaßen abgeholfen durch den gesetzlich verbrieften Einfluß des Rabbiners. In Preußen aber, wo der Rabbiner Beamter des Vorstandes und' nicht der Gemeinde, abhängiger Angestellter und nicht religiöser Leiter des Judentums ist und nur in der Synagoge, aber nicht in der Gemeindestube gehört wird, ist es besonders schlimm. Noch schlimmer vielleicht ist der Mangel an jüdischer Wärme. Man glaubt, mit dem äußeren Rahmen, der schönen Ordnung allein genug zu haben. Man gelangt so dahin, sich ein Paradejudentum künstlich zu konstruieren, kalt, ohne tiefe Wurzel und wesensfremd. Paradesynagogen, Paraderabbiner, Parade Vorsteher sind die Folgen. Es ist ein 'Judentum ohne Jüdischkeit, eine Verwaltung ohne Gemeinde. Denn Gemeinde heißt hebräisch Edah, Bezeugerin, lebendige Bekennerin des Judentums durch Wort und Tat. Eine passive, steuerzahlende Gemeinde ist ohne jeden ethischen Wert. ..Ein korrigierendes Element könnten noch die jüdischen Vereine bilden, wenn sie von einem demokratischen Geiste getragen wären. Aber die Abwehrorganisationen sind zu sehr auf Apologetik gestimmt und bei ihrem großen Apparat gar nicht demokratisch, und. die Literaturvereine sind in letzter Zeit sehr still geworden und waren auch' früher meistens zu passiv. Die Geselligkeitsvereine sind erst recht vom Dünkel erfüllt, und es gibt Gemeinden, in denen man das Einkommen der Mitglieder nach ihrer Zugehörigkeit zu einem