Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1920-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1920) · p. Seite 138 - 139

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1920)
Article
Der Kastengeist in jüdischer Beleuchtung
Date
1920-05-01
Page
Seite 138 - 139 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2584094-2584097-2606890--17867-2606932
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

138 Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland. 139 Geselligkeits verein ersten, zweiten oder dritten Ranges bemessen kann. Am traurigsten ist es, daß der Kastengeist auch die Existenz der so wichtigen Jugendvereine bedroht. Es gibt in der Tat Leute, die ihre Kinder nicht in den jüdi-i sehen Jugend verein schicken, weil sie sich zui vornehm dazu dünken. Ihre Kinder dürfen doch nicht mit den Kindern ärmerer Klassen zusammensitzen, da könnte die ganze an sich so dünn angeschmierte Aristokratie sich leicht verflüchten. Wir haben gehofft,* daß das durch den Krieg besser wird, aber wie in allem, ist es leider auch darin eher schlimmer geworden. Der Krieg hat uus ja viele neue jüdische Millionäre beschert — ein zweifelhaftes Geschenk für das Judentum, das am besten in bescheidenen Verhältnissen gedeiht. Es gab eine Zeit, wo wir wenigstens für die Juden einen ethischen Aufschwung und eine Rückkehr zur Natur vom Kriege erhofften. Vielleicht war auch für die jungen Juden, namentlich für die Idealgesinnten, der Kampf draußen eine gute Schule. Bei vielen, die zu Hause blieben, wühlte der Krieg alles Niedrige, was auf dem Untergrund der Seele ruhte, auf und es kamen die S chatten- und nicht die Lichtseiten des jüdischen Wesens zum Vorschein. Auch die Revolution hat nur für kurze Zeit den Dier©n des Mammons Furcht eingeflößt. Ob die ältere Generation noch zu retten ist, ist sehr fraglich. Der Prozeß der Fäulnis ist da schon zu weit gediehen, der Stoffwechsel zu sehr gestört. * Aber die Zukunft ist noch zu retten, wenn die junge Generation selbst für ihre Glau-* bensinteressen eintritt, den Kastengeist verscheucht und zum alten jüdischen demokratischen Wesen zurückkehrt. Wer die Judenheit erhalten will, der muß die jüdische Einheit zu schützen suchen. V^Sx^i HANS BRASCH Serenade Berlin DIE WELTGEFAHR DER JUDENHETZE IN DEUTSCHLAND. ZUR PSYCHOLOGIE DES DEUTSCHEN ANTISEMITISMUS. Die Tatsache, daß die antisemitische Agitation und die antisemitische Theorie in Deutschland ihren Hauptherd haben, hat bewirkt, daß in der ganzen Welt die Meinung verbreitet ist und sich immer mehr befestigt, den ' Deutschen sei der Judenhaß eine „angeborene Idee", eingefleischt und unausrottbar. Wie unsinnig diese Meinung ist, beweist schon der Umstand, daß gerade in Deutschland, von Lessing^, ja, von Reuchlin bis auf die Gegenwart, eine stattliche Reihe von Männern erstand, die unerschrocken für die Verteidigung der Juden eintraten. Daß ihre Gegner den größeren Erfolg in der Welt haben und das stärkere Echo wecken, ist nicht verwunderlich. Die Krankheit ist ansteckend, nicht die Gesundheit. Die wahre Ursache dieser Erscheinung ist in den politischen und sozialen Zuständen Deutschlands zu suchen. Die stärkste, bisweilen sogar die einzige Triebfeder des Judenhasses ist der Konkurrenzneid, ein II. Gefühl, welches in allen sozialen Schichten und politischen Gebilden heimisch ist, denen die Bezeichnung ,,klein" zukommt. Das große Deutschland war bis 1871 in eine Menge «Kleinstaaten zersplittert, von kleinen Dynastien beherrscht, von einem Kleinadel bevormundet, von kleinen Beamten verwaltet, bewohnt von einem Kleinbürgertum, welches Kleinhandel und Kleingewerbe triebp während Frankreich und England, frühzeitig national geeint, und soglar die Niederlande dank ihrer geographischen Lage und der politischen Konstellation, schon mit dem Anbruch der Neuzeit' eine großzügige Weltwirtschaft und Weltpolitik entwickeln konnten. Vielleicht war gerade diese Enge der Verhältnisse die Ursache, daß das deutsche Volk sich vertiefte und verinnerlichte und eine so bedeutende Anzahl großer Geister auf allen Gebieten der Wissenschaft, Philosophie und Musik hervorbringen konnte. Aber selbst die höchsten Geister, wie Goethe und Kant, haben die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.