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Ost und West · 1920-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1920) · p. Seite 134 - 135

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1920)
Article
Der Kastengeist in jüdischer Beleuchtung
Date
1920-05-01
Page
Seite 134 - 135 (sequence 2)
Language
German
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134 Der Kastengeist in jüdischer Beleuchtung. 135 die beiden Klassen konnten leichter ineinanderfließen, weil die national-religiöse Sehnsucht allgemein war. Im großen und ganzen waren es einheitliche Gemeinden, in denen wohl einzelne periodisch hervorragten. Das zog, sich so Jahrhunderte hindurch, und die gemeinsamen Leiden bildeten ein festes Band, das die jüdischen Brüder — Achenu bne jischrael ist der beständige Terminus — vereinigte. Der Chassidismus erhob jeden einfachen Menschen noch höher, wenn er nur nach Gott lechzte, und setzte die Bedeutung des Gelehrten stark herab'. Die Abodah — religiöse Betätigung — wurde höher als die Thora — Gelehrtheit —, die Hitlahabut — religiöse Ekstase — höher als das Talmüdstudium geschätzt. Die Dienerschaft Gottes wurde zur höchsten Stufe der Ethik. Es wurde das neue, dem Judentum fremde dynastische Prinzip der Erblichkeit der Würde des Rabbi, also ein hierarchischer Adel, eingefiührt, aber wie bei Nietzsche; der „Herrenmensch", ist der Rabbi der Träger aller Tugenden, und die andern dienen ihm, weil sie darin das Prinzip der Reinheit und Hoheit verkörpert finden. Sie dienen eigentlich nicht dem Rabbi, sondern der großen Idee, nach der sie sich sehnen und die sie nur durch .(dieses Medium erreichen können. Sie haben alle ein gemeinsames Ideal, sie sind alle Diener Gottes und Anhänger seines Vertreters. Es ist hier also der demokratische Grundsatz in Reinkultur, und nie hat es eine Gemeinschaft gegeben, in der die Brüderlichkeit inv all ihren Konsequenzen so streng durchgeführt wurde wie in diesen chassidisehen Gemeinden. Das Prinzip der Vererblichkeit wurde übrigens nie streng durchgeführt. Die Hauptsache war nicht die Blutgemeinschaft mit dem Rabbi, sondern die Fortpflanzung des gottlichen Geistes, die Kette, die nie zerrissen werden durfte, die Ausstrahlung alter Herrlichkeit — die Haschpaha, das Fließen des inneren Stromes. Man wird wohl sagen dürfen, es war in der jüdischen Gemeinde eine Demokratie mit hierarchischer Verquickung. Das zog sich;sio, in 'Osteuropa wenigstens, bis auf unsere Zeit hin. Gewiß wurde oft dieses Prinzip verdunkelt, und es gab' Perioden, wo die Reichen brutal die Macht an sich rissen, aber als jüdisch wurde die Herrschaft der Macht nicht anerkannt, und das Prinzip blieb als Säule des Judentums bestehen und rang sich immer wieder zur Klarheit empor. Wer noch vor 30—40 Jahren im russischen Ghetto lebte, wird bei allen Schattenseiten doch das Lichtbild vor sich haben, wie in chassidischen und mitnagdischen kleinen und mittleren Gemeinden häufig eine fast ideale Gleichheit herrschte. Alle Gemeindemitglieder waren nicht nur gleichberechtigt, sondern auch tatsächlich gleich. Die Gelehrten und Frommen ragten hervor und man erwies ihnen hohe Achtung, höhere Rechte besaßen auch sie nicht. Nur die Unverheirateten, die meistens auch noch sehr jung waren — denn in der Regel waren zum 20. Lebensjahre alle verheiratet, und alte Junggesellen (gab es schön gar nicht —, waren ohne Einfluß, und hie und da auch die ganz Armen, die auf Unterstützung! angewiesen waren. Alles, was zu den Baale habatim gehörte — und der Beqjj^,. ist sehr weit , ausgedehnt worden —, hatte Rechte und Einfluß. Hie und da kam die Verachtung der Lamdonim geigen die Am haarazim, der Reichen gegen die Armen zum Durchbruch, das war aber temporär und ohne Bedeutung für die Gestaltung* der Gemeinde. Zünfte und Abstufungen gab es wohl, die den Grad der Gelehrsamkeit und wohl auch des sozialen Wohlstandes markierten, sie waren verkörpert in den Chebrot. Sie gingen herunter von der höchsten Stufe „Chebmth schas" bis; zur niedrigsten „Chebrath terulim". Dazwischen waren viele (Stufen, wie „Chebrath mischnajot", „En jakob", „Alscheich", „Chaje adam" usw. Die aristokratische Gesellschaft war die „Chebrath schas", in die man nicht so leicht hinein kam, fand es gab Leute, die Jahre hüidurch danach' strebten, bis sie endlich für würdig befunden wunden, in diese Vereinigung aufgenommen zu werden. Sie lernten jeden Tag unter der Leitung* eines Gelehrten aus ihrer Mitte den „Schiur" und feierten pompös ihre Sium-Feste. Die menschlich sympathischste [Vereinigung4 war die niedrijgste, es waren arme kleinere Leute, die Tehilim sagten und häufig, ohne viel Hebräisch zu verstehen, in diese Psalmen die tiefsten Gefühle ihres Herzens und ihre höchste religiöse Sehnsucht niederlegten, ihre höchsten Freuden und Leiden, ihr tiefstes Ringen nach Hoheit, ihre Verbindung mit Gott darin verkörpert sahen. Da brauchte man keinen „Vorlerner", keinen Maggid, abwechselnd sagte man die Verse, und Vorsager war, wer zufällig! vor das Betpült trat. Wer dieses Tehilimsagen kennt, der staunt über die gewaltige, freudig ergebene Andacht, die daraus hervorleuchtet. Die machtvollste Zunft war die Chebra-Kadischa, die nur Funktionen bei den Toten und einmal jährlich1 ihr Fest h!a,tte. Sie hatte aber nicht nur Einfluß auf die Toten, sondern übte häufig eine jgroße, manchmal brutale Macht auf die Lebenden aus. Ohne sie konnte kein Toter bestattet werden, und die Führer dieser Zunft stellten sehr oft ihre harten Bedingungen peku-? niärer und ideeller Natur. Die Mitglieder dieser Chebra aber waren in der Regel weder gelehrt noch reich, es waren meistens Handwerker und Angehörige des Mittelstandes.

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