Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1920)
- Article
- Der Kastengeist in jüdischer Beleuchtung
- Date
- 1920-05-01
- Page
- Seite 132 - 133 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2584094-2584097-2606890--17864-2606929- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
132 Der Kastengeist in jüdischer Beleuchtung. 133 DER KASTENGEIST IN JUEDISCHER BELEUCHTUNG. Von Fabius Schach. Judentum und Kastengeist sind von Hause aus Gegensätze, die in ihrem Wesen begründet sind. Der Kastengeist konnte nur ,auf dem Boden einer differenzierten religiösen Auffassung entstehen, d. h. in der Glaubensauffassung, daß jede Kaste von Gott bestimmt ist, andere ethisch-religiöse und kulturelle Funktionen und andere göttliche Rechte hat. Denn Kasten und Stände sind keine identischen Begriffe. Die Kasten haben nicht immer eine andere wirtschaftliche Basis, und wo es der Fall ist, hat die Kaste die wirtschaftlichen Bedingungen geschaffen und nicht umgekehrt. Die religiöse Grundlage ist auch die Erklärung dafür, daß die Kasten der alten Völker sich durch alle politischen, wirtschaftlichen und sozialen Wandlungen zum Teil — wie bei den Indiern — bis auf den heutigen Tag erhalten haben. Daß diese Kasten später auch zu sozialen Schichten geworden sind, ist natürlich, denn jede in sich geschlossene kulturreligiöse Gesellschaft muß in ihren Konsequenzen zur sozialen Klasse werden. Nun hat das Judentum das Prinzip völliger Gleichheit vor Gott, die Juden "bilden ein „Am kadosch<£, ein heiliges Volk. Alle sind. „Kinder Gottes". Natürlich' gibt es auch unter Kindern bevorzugte Lieblinge, aber diese Bevorzugung resultiert hier immer aus ethischien Verdiensten, aus kultureller Höhe, die jeder erlangen kann. Eine Kaste in strengem! Sinne bilden nur öüe Priester —■■ Kohaniiri —, ihr Einfluß aber wurde begrenzt durch ihre Besitzlosigkeit, Idie Angehörigen dieser Klasse waren Mönche, die nur selten zur Macht gelangen konnten. Und auch ihr Ansehen hing vom Grade ihrer Gelehrsamkeit ab, so daß der Talmud den Satz prägte: Mamser talmid chacham ködern lekohen gadol am haarez — ein Gelehrter HANS BRASCH Ahasver aus unehelicher Geburt stehe höher als ein unwissender Hohepriester. Die Leviten hatten nur wenige gottesdienstliche Funktionen, unterschieden sich aber sonst nicht vom ganzen Volke. Mit der Zerstörung des Tempels zu Jerusalem hörte auch diese Kaste auf, und in talmudischer Zeit sehen wir die jüdische Gemeinde in zwei Teile geteilt: Talmide chachamim, d. h. nach geistiger Höhe Strebende, und Am 1 haarazim, d.h. grobsinnliche Menschen, die weder Höheres anerkennen, noch danach streben, die Verachtung und der Haß zwischen diesen beiden Volksschichten scheint gegenseitig gewesen zu sein, wie überall, wo die Kontraste den Untergrund der Seele bilden. Heute würden wir, dem Sinne entsprechend, diese beiden Kategorien als K ünstier u. Philister bezeichnen. DieTalmide chachamim aber bildeten keine geschlossene Kaste, in die man hineingeboren wurde, sondern der Aulstieg war jedem möglich. Sie kamen aus dem Volke und lebten mit dem Volke. Sie stammten häufig aus niederer sozialer Schicht und waren oft selber Handwerker. Vorrechte sozialer oder wirtschaftlicher Natur besaßen die Talmide chachamim nicht. Sie waren meistens die Aermeren, sie besaßen akademische Würden, ihr Anhang war weniger im Volke als bei den Schülern. Sie bildeten, um akademisch zu reden, eine Gelehrtenrepub'ik, weiter ging ihr Stolz und ihr Streben nicht. Mit dem Abschluß der talmudischen Epoche hörte auch die Schärfe dieses Unterschiedes auf. Wohl gab es noch große Hochschulen mit berühmten Lehrern, wohl blieb die hohe Bedeutung der Gelehrsamkeit, die natürlich auch mit Frömmigkeit verbunden sein mußte, aber die große Verachtung vor dem Am haarez hörte auf, und i~&z$r& Berlin