Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1920-01-01 · Heft 3-4 (März-April 1920) · p. Seite 102 - 103

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1920)
Article
Nationalismus und Humanismus
Date
1920-01-01
Page
Seite 102 - 103 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2584094-2584096-2606820--17820-2606868
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

102 Nationalismus und Humanismus. 103 sichtbaren Gott galt. War dieser Vorwurf berechtigt oder brauchten und konnten sich die Juden dagegen verteidigen? Dasselbe kann auch im großen und ganzen von der Behauptung gesagt werden, daß das Judentum international sei, und dieses bedeute einen „seichten Kosmopolitismus". Vor allem muß hervorgehoben werden, daß die Juden sich in diesem Kriege durchaus national gezeigt haben, und zwar in einer Weise, daß sie damit in den neutralen Staaten bei vielen Kopf-7 schütteln hervorgerufen haben. Ein sozialistischer Führer wies z. B. darauf hin, daß anläßlich des Chanukkafestes im ersten Kriegsjahr die Oberrabbiner von Wien und London patriotische Predigten gehalten haben, in denen sowohl das geistliche Haupt der Juden in Wien, wie sein Kollege in London den Krieg als einen gerechten und heiligen hinstellten, nur mit dem Unterschied, daß in der Synagoge von Wien (die Sache der Mittelmächte als die allein gerechte hingestellt,. während in London dasselbe für die Alliierten in Anspruch genommen wurde. Das ist nur ein Beispiel von vielen, die man nicht anzuführen braucht, weil sie Geschehnisse unserer Tage betreffen. Aber in einem wichtigen Punkt bekundeten die Juden überall einen internationalen, d. h. einen weltbürgerlichen Zug1: zu einem solchen Haß, zu einer solchen Freude an dem Verderben, wie sie leider von einem Teil der Presse in der giftigsten Weise geschürt wurde, haben sich Juden wohl sehr selten verstiegen. Sie haben mitten im grauenhaften Krieg auch dem Feind gegenüber ihre menschliche Gesinnung nicht verleugnet, gleichviel ob es sich um Juden oder um Christen handelte. Es ist lächerlich und zeugt nur von den rohen Instinkten der Hetzbolde, wenn man verächtlich vom Weltbürgertum spricht und es als seichten Kosmopolitismus" bezeichnet. Mit einem herabsetzenden Epitheton kann man das Edelste in den Staub' zerren. Das Weltbürgertum bedeutet die höchste sittliche Vervollkommnung des Menschen und der Völker. Man zeige mir bei Goethe auch nur eine Stelle, wo er dem nationalen Dünkel und dem nationalen Fanatismus das Wort redet. Aber man kann hunderte von Stellen anführen, wo er dieses schlimmste aller Laster verwirft und das Weltbürgertum lehrt. Am prägnantesten in dieser Beziehung ist wohl seine Aeußerung in einem Gespräch mit Eckermann am 14. März 1830: „Ueberhaupt ist es mit dem Nationalhaß ein ^eigenes Ding. — Auf den untersten Stufen der Kultur werden Sie ihn immer am stärksten und heftigsten finden. Es gibt aber eine Stufe, wo er jganz verschwindet und wo man gewissermaßen über den Nationen steht und man ein Glück oder ein Wehe seines Nachbarvolkes empfindet, als wäre es dem eigenen begegnet. Diese Kulturstufe war meiner Natur gemäß, und ich hatte mich darin lange befestigt, ehe ich mein sechzigstes Jahr erreicht hatte;." Diese weltbürgerliche Anschauung, die man dem Judentum zum Vorwurf macht und als „seichten Kosmopolitismus" denunziert, gehört auch! dem Christentum an, oder richtiger: sie sollte ihm angehören. Es ist nicht die Schuld des Judentums, und es braucht sich dessen gewiß nicht zu schämen, daß seine Bekenner die von ihm verkündeten Sittengesetze ernst nehmen und in die Tat umsetzen. Während des Krieges hat der Papst mehreremal seine mahnende' Stimme erhoben und in den dringlichsten Worten die christlichen Völker um Einstellung des Blutvergießens gebeten. Was hat diese Mahnung gefruchtet, bevor die eine kriegführende Völkergruppe niedergestreckt war? Und jetzt im „Frieden" hat der Papst die christlichen Völker zur Rettung der im besiegten Deutschland und Oesterreich dem Hungertod preisgegebenen Kinder aufgefordert. Man lese nun die feindliche Presse, um zu sehen,, welchen Widerhall diese Worte defr* menschenv freundlichen Gesinnung bei den Völkern gefunden haben, die eben dem „seichten Kosmopolitismus" fremd sind. Für mich steht es außer Zweifel, daß, wenn es jüdische Staaten gegeben hätte, i n unseren Tagen ein Krieg unter ihnen nicht möglich wäre, und jedenfalls wäre er nicht mit solcher Grausamkeit geführt worden, die alle Kulturerrungenschaften der letzten Jahrhunderte über den Haufen warf. Ebensowenig hätte der Haß so nachhaltig nachgewirkt, wie es jetzt leider der Fall ist. Wie war es möglich, daß Flieger hüben und drüben Besuche abstatteten und Bomben abwarfen, friedlich ihrem Beruf nachgehende Menschen, Greise, Frauen und kleine Schulmädchen töteten oder verstümmelten, ohne daß sich die Menschheit darüber entsetzte und einstimmig die Einstellung dieser Art von Kriegführung forderte? Viele, viele Greuel wären uns erspart geblieben, wenn das vom Judentum gelehrte Weltbürgertum weitgehende Verbreitung und vor allem Beachtung gefunden hätte. Und auch jetzt, wo die Welt ein Trümmerhaufen geworden ist und die moralische Verwüstung vielleicht noch viel schlimmer ist als die materielle, erscheint das Judentum berufen, seine Aufgabe, die Völker zu versöhnen und zum wahren Frieden 'zu erziehen, zu erfüllen. Der vom Judentum durch die Jahrtausende gelehrte Humanismus widerspricht nicht im geringsten dem wahren Nationalismus, insofern man unter diesem die Pflege des eigenen Volkstums und der geistigen Eigenart versteht. Ein friedliches Zusammenleben und Zusammenwirken der Völker, ohne daß sie ihr nationales Wesen aufgeben sollten, hat allen Leh-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.