Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1920)
- Article
- Nationalismus und Humanismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 104 - 105 (sequence 4)
- Language
- German
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104 Die Judenheit in Amerika 103 rern des Judentums, von den Propheten an, als das höchste Menschheitsideal vorgeschwebt, das zu verwirklichen sich jeder sittliche Mensch bestreben soll. Und selbstverständlich hat auch das jüdische Volk ein volles Anrecht darauf, ohne jede Einschränkung sein altes kulturelles Gut zu wahren und zu vermehren. Nicht den Nationalismus bekämpft der jüdische Humanismus, sondern die nationale Ueberhebung, den nationalen Haß, den Rassendünkelder bis jetzt soviel Unheil gestiftet hat und die Menschheit noch völlig ins Verderben führen wird, wenn sich nicht die Besseren unter den Völkern aufraffen werden, um dieses schlimmste aller Uebel mit allen Kräften zu bekämpfen. Und gleichviel, ob das jüdische Volk unter dieser Geißel mehr oder weniger leidet — es ist als das älteste lebende Kulturvolk, das seit Jahrtausenden durch das Judentum zur Menschenliebe und zum edelsten Universalismus erzogen ist, berufen, eine führende Stellung in dem Krieg gegen das Böse einzunehmen. Das ist der einzige Krieg, den das Judentum für erlaubt und für geboten hält, das ist ein „milchemet mizwa", 'ein heiliger Krieg: der Krieg* gegen den Krieg ,und gegen den Menschenhaß. Wir Juden sind in der Weltanschauung des Optimismus erzogen. Trotz der Schrecken und der unsäglichen Grausamkeiten, die wir in den letzten fünf Jahren gesehen und erlebt haben,, geben wir die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft der ganzen Menschheit nicht auf. Aber diese glückliche Zukunft wird uns nicht unverdient kommen; wir müssen sie mit allen unseren sittlichen Kräften erarbeiten und ermühen. Und an der Erziehung der Völker zu ihrem wahren Glück wird das Judentum einen großen Anteil haben. Für uns gilt noch immer das prophetische Wort, das dereinst in Erfüllung gehen wird: Von Zi on geht die Lehre aus und das Wort Gottes von Jerusalem. DIE JUDENHEIT IN AMERIKA. Von B. Saphra. I. STATISTISCHE UEBERSICHT. Der soeben erschienene 21. Band des American Jewisjh Year Book für das Jahr 5680 nach' jüdischer Zeitrechnung (1919/20), enthält eine ausgezeichnete Uebersicht über die Ausbreitung der Juden in Amerika, ihre sozialen und kulturellen Organisationen, aus. der man ein klares Bild des reichen, tätigen und energievollen Lebens gewinnen kann,, welches die jüdische Gemeinschaft auf der anderen Halbkugel entwickelt. Beginnen wir mit der Statistik. Die Gesamtzahl der über alle fünf Weltteile zerstreuten Juden beträgt über 15,3 Millionen, wobei jedoch, außer Europa und Amerika, die Zahlen nur annähernd richtig sein dürften. In Europa leben über 10 Millionen, in Nordamerika über 3,3 Millionen, in Südamerika 116 557, in Asiien 433 332, in Afrika 359 722, in Australien 19 415 Juden. In Nordamerika beherbergen die Vereinigten Staaten über 3 Millionen Juden, das macht 3,2 o/o der Gesamtbevölkerung, Canada 5681, also l,05o/o, die Insel Cuba 2000, d. h. 0,07o/0, Jamaica 1487, das1 macht 0,17 o/o, Mexico 500, also 0,003o/o. In Südamerika hat die Argentinische Republik d<ie meisten Juden : 110 000, das macht 1,22 o/o, was auf Rechnung der landwirtschaftlichen Kolonien der ICA zu setzen ist. Dann kommt Brasilien mit 4000 Juden, von denen ebenfalls ein großer Teil an Ackerbaukolonien wohnt; ihr Prozentsatz zur Gesamtbevölkerung ist verschwindend klein: 0,02o/o; Surinam zählt 882 Juden, die 0,97o/o der Bevölkerung ausmachen. In Curacao dagegen leben nur 600 Juden, die jedoch 2% der Bevölkerungbilden. In ganz Peru gibt esi bloß 300 Juden, Uruguay hat ihrer ebenfalls! 300, und sie bilden hier denselben Prozentsatz wie in Brasilien, nämlich 0,02o/o, Venezuela zählt ihrer 475, die 0,01 o/o ausmachen. Im Jahre 1907 wurde die Zahl der Juden in den Vereinigten Staaten auf 1 777 183, in 1918 dagegen auf 3 390 301 angegeben, der Zuwachs betrug also in diesem Zeitraum 1613110. Folgende zehn Staaten beherbergen zusammen ,90% der Gesamtheit der Juden der Vereinigten Staaten: New York, Pennsylvania, Illinois, Massachusetts, Ohio, New Jersey, Missouri,Connecticut, Kalifornien, Maryland, Michigan, Indiana. Von diesen beherbergt der Staat New: York, der 1603 923 Juden zählt, allein 48,60o/o der gesamten jüdischen Bevölkerung der Union. Zehn Städte zählen 50 000 Juden und darüber; Detroit 50 000, Newark 55 000, Pittsburg, St. Louis, Baltimore je 60 000, Boston 77 000, Cleveland 100 000, Philadelphia 200 000, Chicago 225 000, New York City 1 500 000. Unter den 5 670 167 Einwohnern dieser Stadt bilden die Juden somit 26,45°/o, zugleich aber 45,45% der gesamten jüdischen Bevölkerung der Vereinigten Staaten. In New York allein wohnt also beinahe die Hälfte aller Juden des Landes, —i ein noch ungesunderes Verhältnis als in Berlin, wo bekanntlich nur ein Viertel der jüdischen Gesamtbevölkerung Deutschlands wohnt. Dagegen bilden die Juden in Philadelphia z. B. nur 6,06o/o, in Chicago nur 8,92o/o, eine so große jüdische Gemeinde, wie Boston nur 2,34°/o der Gesamtbevölkerung. Die 50 000 Juden von Detroit verschwinden förmlich in der Bevölkerung, wo sie nur 1,51 °/o bilden. Einund achtzig Städte zählen 1000 Juden und darüber, davon haben 25 die unterste Zahl (1000). In 'der Stadt New York selber bewohnen die meisten Juden das Stadtviertel Manhattan .(696 000), die wenigsten (5000) das Stadtviertel Rieh m o n d. Brookl y n hat 568 000. Obgleich New York die größte jüdische Gemeinde Amerikas (und der ganzen Welt) beherbergt, so ist das nicht die „jüdischste" Stadt der Vereinigten Staaten, denn sie zählt ja nur 26,45% Juden unter ihren Bewohnern, während die 13 000 Juden von Chelsea 28% ausmachen. Die drei jüdischen