Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1920)
- Article
- Nationalismus und Humanismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 100 - 101 (sequence 2)
- Language
- German
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100 Nationalismus und Humanismus. 101 die liebenswürdigen Rassenantisemiten von den Juden und die Amerikaner der weißen Rasse von den Negern mit voller Bestimmtheit zu behaupten pflegten. Ich habe es längst aufgegeben, auf den Antisemitismus, der mir jetzt mehr denn je nur Ekel und Abscheu einflößt, auch nur das mindeste Quantum von Pathos zu verschwenden. Mögen die Toten selbst ihre Toten begraben. Aber rein geschichtlich möchte ich einen Vorwurf erörtern, den nicht bloß Antisemiten von Beruf, sondern seit jeher auch ernste wissenschaftliche Männer auszusprechen oder als eine feststehende Tatsache zu behandeln pflegen, ohne zu bedenken, daß er unwahr ist und einen nicht zu beseitigenden Widerspruch in sich schließt. In christlich-theologischen Kreisen, insbesondere in protestantischen, gilt die „nationale Beschränktheit" des Judentums als ein Axiom. Die „nationale Engherzigkeit" des Judentums ist der schwarz in schwarz gemalte, oder richtiger gesagt, aufgekleckste Hintergrund, auf dem sich um so glänzender die vollendete, die ganze Menschheit umfassende Ethik des Christentums abhebt. Die judenfeindliche Presse hat dieses Schlagwort, das ihr die „Wissenschaft" liefert, gierig aufgegriffen, um es gehörig gegen die Juden auszunutzen. In demselben Atemzug aber wird vom „internationalen Judentum" vorwurfsvoll gesprochen. Dieselben Juden sind somit in ihrer" Schlechtigkeit „national beschränkt" und gleichzeitig „international vaterlandslos". Was ist Wahrheit? Das ganze jüdische Schrifttum, von der ältesten Zeit an, befaßt sich mit der weitestgehenden Fürsorge für den Fremden, für den Ger, der unter Israel weilt oder sich Israel anschließt. Es gibt keinen Teil der Bibel, aus welcher Zeit er auch stammen mag, selbst aus der Zeit, in der sich die nationalen und religiösen Gegensätze am schärfsten zugespitzt hatten, in dem nicht von der rücksichits^ vollsten Teilnahme für den Fremden die Rede ist. Nicht nur, daß er nicht unterdrückt, in seinen menschlichen und bürgerlichen Rechten nicht gekränkt werden durfte; auch auf seine Psychologie, auf sein Gefühl des Fremdseins mußte die zarteste Rücksicht genommen werden. Er durfte nicht durch,' Erinnerung an seine Abstammung verletzt werden — genau nach der Lehre unserer modernen Rassenantisemiten, die für ihre Kumpane eine strenge Ahnenprobe fordern, um festzustellen, ob sich nicht vielleicht doch in ihre Adern von der ältesten Zeit her irgendein semitisches Blutkügelchen verirrt habe. Man wird vergeblich die gelehrten Herren von der theologischen Wissenschaft um Auskunft bitten, wo rund worin sich denn die angebliche nationale Beschränktheit des Judentums zeigt. Das ist eben ein Axiom, das nicht bewiesen zu werden braucht. Ein so freisinniger Forscher wie Adolf Harnack urteilt über die geschichtliche Auseinandersetzung zwischen Judentum und Christentum mit folgenden Worten: „Eine solche Ungerechtigkeit wie die der Heidenkirche gegenüber dem Judentum ist in der Geschichte fast unerhört. Die Heidenkirche streitet ihm alles ab, nimmt ihm sein heiliges Buch ,und, während sie selbst nichts anderes ist jals /transformiertes' Judentum, durchschneidet sie jeden Zusammenhang mit demselben: die Tochter verstößt die Mutter, nachdem sie sie ausgeplündert!" Diesem Urteil, das bei objektiver Betrachtung unanfechtbar ist, wird jedoch ein „Aber" angehängt: „Abejr ist diese Betrachtung wirklich zutreffend? Auf einer gewissen Stufe allerdings, und vielleicht kann man niemanden zwingen, sie zu verlassen. Aber auf einer höheren Stufe stellt sich die 'Sache anders dar: das jüdische Volk hat durch die Verwerfung) Jesu seinen Beruf verleugnet und sich selbst den Todesstoß versetzt." Man begegnet dieser Auffassung, wenn auch nicht in derselben epigrammatisch zugespitzten Form ausgedrückt, häufig genug in der christlich-theologischen Literatur. Immer ist das Judentum in seinem religiösen und ethischen Gehalt ein rückständiges Element, weil es die Menschenliebe auf die Volksgenossen beschränkt. Das ist eben das Dogma von der nationalen Beschränktheit des Judentums, obwohl dieses als Staatsgesetz und als Sittenlehre zuerst die nationalen Schranken durchbrach und die Gleichwertigkeit und die Gleichberechtigung aller Menschen aussprach und dieses Prinzip bis zur höchsten Konsequenz ausbildete. Aber das „national beschränkte" Judentum erscheint in der Auffassung seiner Gegner gleichzeitig auch als „international", und der letzteren Bezeichnung wird noch das herabsetzende Epitheton vom „seichten Kosmopolitismus" angehängt, wodurch der Vorwurf eine Steigerung erfährt. Wenn man einen Vorwurf zurückweisen will, so tut man am besten, vor allem zu untersuchen, ob er überhaupt ein solcher ist. Im frühen Altertum, als die Juden größere Ansiedlungen in heidnischer .Umgebung zu gründen begannen, erregten sie in der heidnischen Welt mit ihrer Art der Gottesverehrung Befremden. Sonst gaben sie gewiß keinen Anlaß zur Klage oder Anklage. Aber wenn ihre Mitbürger sie zur Teilnahme an gottesdienstlichen Veranstaltungen -einluden, die sie aus ihrer religiösen Anschauung heraus ablehnten und ablehnen mußten, warf man ihnen Aberglauben und Menschenhaß vor. Andere wiederum bezeichneten sie gar als Atheisten, weil ihr Kultus einem un-