Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1920)
- Article
- Nationalismus und Humanismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 98 - 99 (sequence 1)
- Language
- German
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98 Nationalismus und Humanismus. 99 NATIONALISMUS UND HUMANISMUS Von Simon Bernfeld. Das neunzehnte Jahrhundert stand in Europa im Zeichen des Nationalismus. Es wird in der politischen Entwicklung gekennzeichnet durch das Bestreben verschiedener Völker, ihre nationale Unabhängigkeit zu erlangen oder sich zum Nationalstaat zu vereinigen. Der erste Napoleon hatte das Nationalitätsprinzip, das er übrigens nur auf Italien angewendet wissen wollte, in die diplomatische Diskussion geworfen, und obwohl der Wiener Kongreß sich später bemüht zeigte, alle „revolutionären" Errungenschaften zu beseitigen, und daher an die Stelle der Nation 'den Staat, oder richtiger die Dynastie, zu setzen, so war doch der Stein schon einmal ins Rollen gekommen und der Ruf nach nationaler Befreiung nicht mehr zum Schweigen zu bringen. Alle Kriege des 19. Jahrhunderts hatten ihren Ursprung in der Nationalitätenfrage, und auch der letzte Krieg, der schrecklichste, den die Geschichte kennt, stand mit ihr in ursächlicher Verbindung. Allerdings müßi zugegeben werden, daß der Nationalismus seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts durch den Imperialismus korrumpiert wurde. Erst durch diese Beimischung mußte er zu der ungeheuren Katastrophe führen, von der die Menschheit in diesen Schreckensjahren heimgesucht wurde. Die dem 19. Jahrhundert vorangegangene Epoche, die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, .war dem Humanismus gewidmet, dem Bestreben der führenden Geister in Europa, die Menschen politisch, sozial und geistig zu befreien und zum Weltbürgertum im edelsten Sinne de|s Wortes zu erziehen. In Deutschland waren es vornehmlich Lessing und Goethe, die dieses hohe Menschheitsideal vertraten. Das 19. Jahrhundert bedeutet in vielfacher Beziehung einen moralischen Niedergang dem 18. Jahrhundert gegenüber; und eine Rückkehr zur mittelalterlichen /Verhetzung Jqnd Verrohung zeigte besonders das letzte Menschenalter, das psychologisch diesen schlimmsten aller Kriege vorbereitet hat. Bilden Nationalismus und Humanismus Gegensätze, die einander ausschließen? In Wahrheit ist dies nicht der Fall. Die Befreiung des Menschen will das Volkstum nicht vernichten; das Weltbürgertum läßt das nationale Zusammenleben, wie das der Familie, fortbestehen. Aber der Humanismus ist bestrebt, den menschlichen Egoismus mit seinen schlimmen Auswüchsen, mit seiner Neigung* zur Gewalttat einzudämmen, den Menschen in seinem individuellen und nationalen Leben an das Recht des Mitmenschen und des Nachbarvolks; zu erinnern /und so die schroff en Gegensätze/zu mildern und allmählich zu beseitigen. Mit dem wahren Nationalismus läßt sich der Humanismus sehr gut in Einklang bringen. Aber in neuester Zeit artete der Nationalismus bei vielen Völkern in nationale jUeberhebung saus, in Eroberungs- und Unterdrückungssucht, in Menschenhaß und in Menschenverachtung. Er zeitigte den Rassendünkel, dessen moralischer Schaden kaum zu ermessen ist. Denn einerseits gibt;er den Angehörigen einer gewissen bevorzugten oder sich bevorzugt dünkenden Rasse das Bewußtsein, unverdient und ohne Mühe, ohne sittliche Selbstzucht,, die höchste Kulturstufe erreicht zu haben, und andererseits schließt er die anderen ^niederen"' Rassen unwiderruflich und für alle Zeiten von der Teilnahme an der menschlichen Kultur aus. Gemildert wird dieses harte Urteil nur dadurch, daß der Kulturbegriff dieser dünkelhaften Uebermenschen moralisch ziemlich niedrig steht, so daß man sich eigentlich trösten und auf die Teilnahme an dieser Kulturgemeinschaft verzichten kann. Die häßlichste Blüte dieses Rassendünkels ist der Antisemitismus, der in den letzten vierzig Jahren von Deutschland aus seine Verbreitung nach Rußland, Polen, Ungarn, Rumänien und vorübergehend auch nach Frankreich nahm. Der Antisemitismus ist nicht nur der „Sozialismus des dummen Kerls", wie ein österreichischer Politiker einst treffend bemerkte, sondern auch der Nationalismus des bornierten, haßerfüllten Hetzboldes, gleichviel ob er zu der ungebildeten Menschenklasse gehört oder dickleibige „wissenschaftliche^ Werke in die Welt schickt oder auch einen Lehrstuhl an irgendeiner deutschen Universität verunziert. Der Ursprung dieser Art von Nationalismus ist in den niedrigen menschlichen Instinkten zu suchen, die sich ungezügelt austoben dürfen. Aber die deutsche „Wissenschaft" hat dem Antisemitismus eine philosophische und soziologische, eines anthropologische und physiologische Begründung gegeben. In diese Tragödie hat sich in bler letzten Zeit ein Stück Burleske gemischt. Constantin Brunner hat jüngst alle deutschfeindlichen Aeußerungen, namentlich die in England, zusammengestellt. Es zeigte sich dabei, daß alle Gehässigkeiten mit ihrer philosophischen, soziologischen, anthropologischen und physiologischen Begründung, die in Deutschland gegen die Juden in Umlauf gesetzt waren, jetzt fast wörtlich von den Engländern gegen die Deutschen in Anwendung! gebracht wurden. Verstieg sich doch! ein englischer, oder vielleicht war es ein französischer, Schriftsteller während des Krieges zu der Behauptung, daß jeder Deutsche einen gewissen, sicher wahrnehmbaren Geruchverbreite — dasselbe, was