Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1920-01-01 · Heft 3-4 (März-April 1920) · p. Seite 94 - 95

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1920)
Article
Die Erforschung der alten Synagogen in Galiläa
Date
1920-01-01
Page
Seite 94 - 95 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2583875-2584094-2584096-2606819--17815-2606864
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

94 Die Erforschung der alten Synagogen in Galiläa. 95 zurück. Robinson, später Renan, Captain .Wilson und endlich Conder und Kitchener sind die Bahnbrecher dieser eigenartigen Forschung gewesen. Lord Kitchener, der spätere Feldherr und berühmte General, war es vor allem, der die Forschungsergebnisse „mit klarem histo<- rischem Blick zusammengefaßt hatte". Auf die Palestine Exploration Fund folgte nunmehr die Deutsche Orientgesellschaft. Aber wer deutsche Gelehrtengründlichkeit und -Zähigkeit kennt, wird nicht erstaunt sein, zu hören, daß es erst deutschen Forschern möglich war, in das Chaos unfertiger Grabungen, vager Theorien und unhaltbarer Hypothesen ein klares System gebracht zu haben. Den Vorarbeiten Schumachers, Thiersch' und Hölschers folgte die 1905 bewirkte Expedition der Architekten Kohl und H i 11 e r sowie des Archäologen Watzing er, die 1907 von Kohl und Watzinger wiederholt wurde. Für die Geschichte des Synagogenbaues, noch mehr aber für die Kenntnis jüdischer Kunstjanschauung und -betätigung hat das Werk unschätzbare, weil zum Teil völlig neue, Forschungsergebnisse geliefert: Wir erfahren, daß Lord Kitebener zuerst in zahlreichen Ruinenstätten Galiläas Synagogen vermutet habe. Denn einesteils stimmten sie mit den „Orten und Wegen Jesu" überein3); andererseits sprach für diese Zuweisung die eigenartige Zier und Ornamentik der vorhandenen Baureste, deren Embleme und Schmuck weder der heidnischen noch christlichen Kultanschäuung (einzureihen waren. Der siebenarmige Leuchter, Skulpturen des Thoras ehr eines, Hexagramme usw. fanden sich an einzelnen Steinstücken, im friedlichen Nebeneinander mit hellenistischem Akanthus, Eierstab usw. Kapitäle verschiedenster klassischer Formengebung, Adler, Löwen, Weinlaub, Granatäpfel, also heidnische und typisch jüdische Symbolik in Zusammenstellungen, die auf ein gemeinsames künstlerisches Wirken von hellenistischen und jüdischen Meistern schließen lassen durften. Aber, war hierdurch und zufolge weiterer Forschungen und Grabungen die Annahme, es hätten hier einstmals Synagogen gestanden, immer mehr bewiesen, erst Kohl und Watzinger war es beschieden, die Ausgrabungen zu vervollständigen und die ursprünglichen Grundrißanlagen (aufzudecken. Mit bienenhaftem Fleiße wurde Stein für Stein unter- 3) In dem so bezeichneten Werke Dalmans, das als 23. Band der „Beiträge zur Förderung christlicher Theologie" bei Bartelmann-Gütersloh im Jahre 1909 erschien, ist reichhaltiger Stoff über Forschungsgebiete enthalten, die auch für das Judentum viel Interessantes aufweisen. sucht, vermessen, photographiert und seine Zugehörigkeit zum alten Bau geprüpft und peinlichst erwogen. So kamen die Forscher zu Rekonstruktionen des Aeußeren und Inneren der Synagogen, die sie in Wort und Bild vorführen, vorsichtig, jeden Strich sorgsam erwägend, mit der den ernsten, nüchternen Forscher auszeichnenden Scheu vor phantastischer Uebertreibung. Und in der Tat, selbst diese ängstlichen, nüchternen Restaurationsversuche überraschen uns lebhaft! Die Grundformen der Synagogen sind rechteckig, manchmal quadratisch, bis 16 m breit und 241/2 m lang. Meist führen drei Tore in das Innere des Gotteshauses, das — je nach der Lage Jerusalems — nach Süden oder Westen „orientiert'* ist, wobei auffallenderwedse die Eingangstüren meist in der der heiligen Stadt zugewendeten Wand liegen, also hinter — nicht gegenüber — dem heiligen Schrein. Vor dem Hause oder an dessen Seite ist ein „Atrium4' vorgesehen, eine offene Säulenhalle, oder ein rings von solchen umschlossener offener Hof. Was aber das Merkwürdigste ist: es sind Emporen für die Frauen angeordnet, Galerien, die an drei Seiten des Innenraumes herumgeführt sind. Ich möchte auf die ungewöhnliche Bedeutung dieser Entdeckung ganz besonders verweisen, denn die Anordnung von Frauengalerien, gleichzeitig mit der Erstellung des Neubaues, ist — wenigstens in Deutschland und Polen — erst 1500 Jahre später wieder aufgekommen4). Der Wert dieser Feststellung ist um so bedeutsamer, als die talmudischen Quellen in der Frage einer Zulassung der Frauen zum synagogalen Gottesdienst völlig versagen. Das Aeußere der Bauwerke ist nicht minder interessant. Von den 306 Abbildungen und 18 Tafeln der prächtigen Publikation sei hier in Abb. 1 die Fassadenrekonstruktion der Synagoge in Kefr Bir'im mit ihrer Vorhalle wiedergegeben. (Die größte und reichste Synagoge Galiläas, Kapernaum, jetzt Teil H um, kann leider aus Platzmangel und drucktechnischen Gründen hier nicht vorgeführt werden.) Nach diesem einfachen, aber gleichwohl würdig-monumentalen Schema sind alle erforschten Synagogen errichtet gewesen, soweit die Ausgrabungen diese Behauptung;unter stützen. Auch die schön erwähnte Emporenanlage ist bei der Mehrzahl dieser nahezu gleichzeitig! < errichteten Bauten nachweisbar. Außer in den beiden genannten Orten ist dieser Synagogentypus erforscht worden in Keräze 4) 1767 beim Bau der Synagoge in Kurnik (Posen). In meinem Werke (Synagogentypen, Berlin 1915) habe ich" nachgewiesen, daß alle mittelalterlichen Synagogen ursprünglich ohne Rücksicht auf Frauenplätze errichtet wurden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.