Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1920)
- Article
- Die Erforschung der alten Synagogen in Galiläa
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 96 - 97 (sequence 5)
- Language
- German
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96 Die Erforschung der alten Synagogen in Galiläa. 97 (Chorazin), I r b id (Arbela), Umm el-Amed, M6r6n, en-Nabraten, e d-D\s c h i s c h (Gis -chala), ed-Djikke, Umm el-Kanätir und Chirbet Semmäka. Von den Synagogen des Altertums in den Nachbarländern Galiläas ist wiederholt die Rede; die umfangreiche Literaturangabe über dieses Gebiet ist eine wertvolle Bereicherung des Werkes, das für den Forscher Und Interessenten dieses bisher kaum beackerten Forschungsgebietes eine, wahre Fundgrube ist und einen weiteren Beweis für die Gründlichkeit und das überwältigende Wissen Watzingers darstellt. Noch überraschender als die Stellung dieser neuentdeckten Synagogen zur Frage der Frauenplätze ist jedoch die eigenartige Ornamentik, der wir hier begegnen. Daß, diese (nach alttestamentarischer Auffassung) skrupellos Tiergestalten aller Art verwandte, ist schon vor der .gründlichen Untersuchung der beiden Forscher durchgesickert. Was wir aber jetzt erfahren, was aus den Trümmern nun erst sichtbar wurde, übersteigt selbst kühne Erwartungen. Aus der hier beigefügten Abbildung*) ist ersichtlich, daß in einem Friesstück kelternde Männer (!) als ornamentale Ausfüllungeiner naturalistischen Nebenranke gewählt wurden. An anderer Stelle (Abb. 3) erscheint inmitten dieser Ranken ein Zentaur, dessen heidnische Formgestalt sich in Abb. 4 zweimal zeigt, im Kampfe mit je einem Löwen. Eine säugende Eselin (?) endlich zeigt Abb. 5. Alle diese Stücke rühren von einem Wandfries der Synagoge in Chorazin her. Dalmani sagt (s. Fußnote 3), diese Synagoge wäre „nicht so reich mit Bildern und Symbolen des Weinbaues versehen gewesen, wenn die Bewohneir nicht dabei auch Erfolg" und Freude am Genüsse gehabt hätten". Andere Synagogen Galiläas weisen an Tierdarstellungen auf: Löwen, Hasen, Adler, Seepferde, geflügelte Genien, Eroten, ein Medusenhaupt usw. Sie bestätigen, «daß die oben erwähnte Emanzipation auch vor diesen ausgesprochen heidnischen Darstellungen der menschlichen Figur nicht haltmachte. Alles dies ist höchst sonderbar. Nicht weniger die fast gleichzeitig erfolgte Erstellung dieser prunkvollen Gotteshäuser in Gemeinden, die wohl verhältnismäßig klein waren. Watzinger führt für die Entstehung, formale Gestalt und Ausschmückung dieser Bauten einen glänzenden Beweis, dessen Argumente so überzeugend vor- *) Sämtliche Abbildungen sind mit freundlicher Genehmigung des Verfassers und Verlegers abgedruckt. getragen werden, daß sie für den Theologen, Architekten und Kunstwissenschaftler wohl glaubhaft erscheinen können. Ohne hier an Watzingers Theorien Kritik üben zu wollen — es sei jedoch hierzu dringend angeregt im Interesse der Klärung dieser für den Sakralbau der Juden und' Christen hochbedeutsamen Frage —, möge diese in aller .Kürze hier wiedergegeben werden: W. nimmt auf Grund von Vergleichen mit den Ornamenten gleichartiger Bauten auf syrischem Boden als Bauperiode die Regierungszeit der römischen Kaiser Septimius Severus und Caracalla an, also die Zeit um 200. Beide Kaiser waren judenfreundlich gesinnt und scheinen ein Interesse an der treuen Gesinnung" des jüdischen Volkes gehabt zu haben, das vordem durch wiederholte Aufstände den römischen Machthabern viel zu schaffen machte. Sollten, wie W. annimmt, diese Bauten als kaiserliche Gnadengeschenke aufzufassen sein, ausgeführt von jüdischen Steinmetzen nach den Plänen und der Leitung römischer Architekten, so wären all die zahlreichen heidnischen und dem Gesetze widersprechenden Ornamente leicht erklärlich, denn in den Profanbauten des Landes scheint außer der Menorah kein figürlicher Schmuck verwendet worden zu sein. Uebrigens — analog) den späteren Schicksalen des jüdischen Volkes in der Diaspora — dauerte diese judenfreundliche Aera nicht zu lange; sie fand zu Zeiten Constantins ein jähes Ende. Auch der figurale heidnische Schmuck der galiläischen Gotteshäuser scheint diese lichtd Periode kaum überdauert zu haben. Er ist — man mag es vom historisch-künstlerischen Standpunkt bedauern — manchmal bis zur Unkenntlichkeit zerstört, wie die. Abbildungen zeigen. Nicht nur Zelotismus war hierbei ausschlaggebend. Wir erleben ja gerade in diesen Tagen die B iider Stürmer ei. der Polen und Franzosen. Und sind fast 2000 Jahre älter I Kunstgeschichtlich stellen diese Bauten ein Bindeglied dar zwischen heidnischer und altchristlicher Basilika, an dem ies bis heute gefehlt hat. Und wenn endlich ihre Stellung zum Neuen Testament festgelegt werden soll, so können wir annehmen, daß sie an Stelle der in diesen Orten erwähnten, wohl aus Holz erbauten Lehrhäuser errichtet wurden. Diese wenigen Andeutungen mögen genügen, um das Interesse weiterer jüdischer Kreise auf jliese Bauten zu lenken, die ein Glied mehr in ,der Kette einer bisher fast gar nicht gewürdigten jüdischen Kunstbetätigung; darstellen.