Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1920)
- Article
- Erziehung zum Menschen
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 82 - 83 (sequence 4)
- Language
- German
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82 Erziehung zum Menschen. 83 Infolgedessen hat sich! schon längst bei den meisten Glaubensgemeinschaften das Bedürfnis herausgestellt, die heranwachsende Jugend durch direkte Unterweisung mit allen diesen Dingen bekanntzumachen. In vielen Kulturländern hält es der Staat für seine Pflicht, darüber zu wachen, daß die Jugend Religionsunterricht erhalte, und fügt damit die religiöse Bildung in den Rahmen ider gesellschaftlichen Forderung ein, deren Summe den Begriff der allgemeinen Bildung ausmacht. ,,J e - den falls steht die Sache heute nicht so, wie manche zu glauben scheinen, daß die Religion Privatsache ist. Es ist richtig, daß die Religion sich im Laufe der Zeiten stark verinnerlicht und individualisiert hat, und wir können es gerade in der Gegenwart beobachten, wie dieser Prozeß weiterschreitet. Aber der soziale Charakter kann der Religion niemals verloren gehen, weil er zu ihrem Wesen {gehört. Religion ist zweifellos persönlicher Glaube und persönliche Gesinnung, aber sie ist und bleibt dabei vor allem Zugehörigkeit. Alle; religiösen Vorstellungen sind soziale Verdichtungen und haben als solche Macht über diel Geister gewonnen." — „Religion ist aber auch ein Elementargedanke der Menschheit," fährt der Verfasser fort. „So wie das primitivste Volk seine Religion hat, so wird auch1 die Menschheit, wenn sie noch so weit fortgeschritten ist, ihrer nicht entraten können und nicht entra,ten wollen. Es ist eine Frage der Metafphysik, ob das innerste Wesen die Welt geistig) oder materiell oder, wie ich glaube, beides ist. Es ist aber keine Fragie, sondern eine Tatsache der Kulturentwicklung, daß die Welt durch die Arbeit der Menschen immer mehr vergeistiget wird. Der Glaube an geistige Mächte bekommt daher durch den Fortschritt der Menschheit immer neue Nahrung, und solange dieser Glaube besteht, wird es auch Religion geben. Man darf also sagen, daß religiöse Bildung noch auf lange Zeit hinaus ein Element der allgemeinen Bildung sein wird; es handelt sich jetzt darum, welche Grundfunktionen des Bewußtseins dabei entwickelt werden sollen." Die Ansicht des Verfassers ist, daß religiöse Bildung vor allem ein Teil der Gefühls- und Willensbildung sein muß. Wenn der Religionsunterricht nicht das Ergebnis haben soll, daß er die Religiosität herabsetzt, statt sie zu steigern, so darf er nicht zu intellektualistisch sein, d. h. er darf nicht ausschließlich oder auch nur hauptsächlich das Gedächtnis und die Denkkraft der Schüler in Anspruch nehmen. „Nicht die Tatsachen selbst, sondern was sie in religiöser Hinsicht bedeuten, muß zur Hauptsache gemacht werden. Jede Religionsstunde müßte dazu beitragen, das religiöse Gefühl der Zugehörigkeit zum Ueberindividuellen, zum Großen, zum Unendlichen, zum Urgrund der Dinge} zu stärken und seine Richtung zu beeinflussen. Innig verwandt mit der religiösen Erziehung ist die Aufgabe der höheren Schule in e t h i - scher und sozialer Beziehung. „Wenn der technische und ökonomische Fortschritt", sagt Jerusalem, „der Menschheit zum Segen und nicht zum Fluche gereichen soll, dann muß der in so hohem Grade errungenen äußeren Herrschaft über die Natur die innere Herrschaft des Menschen jüber seine Seelenkräfte parallel gehen." In einer kurzen, prachtvollen Uebersicht werden die Fortschritte unserer Technik vorgeführt. Die technische Kultur unseres Zeitalters hat Erfolge aufzuweisen, die vor hundert Jahren kein Mensch geahnt hätte. Alle Verkehrshindernisse sind überwunden, die bewohnte Erde wird immer mehr zur gewaltigen Einheit, deren Teile in immer engere Verbindung miteinander treten. Nun ist die Luft dem menschlichen Verkehr ebenfalls erobert, bald wird man den Erdbiall in wenig mehr als zehn Tagen überfliegien können. So groß nun die Bewunderung auch ist, mit der uns diese Errungenschaften des Menschengeistes erfüllen, dürfen wir uns auch die Gefahren nicht verhehlen, die mit diesem technischen und ökonomischen Aufschwung verbunden sind. „Die Interessen der Menschen werden immer mehr materialisiert, unser geistiges Auge wird immer gewaltsamer nach außen gezerrt. Wir haben kaum Zeit und Lust mehr dazu, uns auf luns selbst zu besinnen, unsere zentralen seelischen Kräfte zu pflegen, von innen heraus Ziel! und Zweck des Daseins zu bestimmen. Die Folge davon ist jene innere Unruhe und seelische Zerfahrenheit sowie die damit verbundene Nervosität, die für den modernen Menschen, besonders aber für die moderne Jugend, ein so trauriges Charakteristikum bilden." Die Folge davon war aber auch dieser grauenvollste aller Kriege, der wie zum Possen alle Erfindungen und Errungenschaften der Technik nicht in den Dienst des Lebens [und des Glücks der Menschen, sondern in den Dienst des Todes und der Verheerung gestellt, der nahezu dreizehn Millionen junger, kräftiger, glücklicher Menschenleben vernichtet und fünfundzwanzig weitere Millionen zu Krüppeln geschlagen, unermeßliche Gebrauchsgüter, Früchte der Arbeit von ungezählten Menschenhänden und Menschenhirnen, vertilgt hat. Die Technik hat sich selbst gefressen. Die zivilisierte Menschheit ist auf dem Punkte, an ihrer eigenen Machtfülle zugrunde zu gehen. Es steht fest: die Technik war seelenlos, in unserer ethischen Weltauffassung kläfft ein Riß. Es ist etwas Unausgeglichenes in ihr, das ihr die