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Ost und West · 1920-01-01 · Heft 3-4 (März-April 1920) · p. Seite 80 - 81

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1920)
Article
Erziehung zum Menschen
Date
1920-01-01
Page
Seite 80 - 81 (sequence 3)
Language
German
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Erziehung zum Menschen. 81 empfindet, die zwischen, der Erkenntnis der Wahrheit und «der Verwirklichung' des Guten durch die Menschen klafft, glaubt er doch unerschütterlich! an den ethischen Fortschritt der Menschheit. Wir bewegen uns unaufhörlich trotz aller Rückfälle in der Richtung des ethischen Fortschrittes. Gerade Harum! aber sei es wichtig, daß: die Mittelschule, die Erzieherin der Bildungsschicht, der führenden Klasse,, sich auf ihre ethische und soziale Aufgabe besinne. Wenn es ihr gelingt, ihre Zöglinge durch) Unterrichts- und Erziehungsarbeit zu sittlichen Charakteren heranzubilden, dann hiat sie dadurch die öffentliche Meinung der künftigen Generation so beeinflußt, daß sie in sittlichen Dingen immer strenger und hellhöriger wird. Es ist also Aufgabe der höheren S-chule, die Gewissen zu erziehen. „Wir Lehrer sind mitverantwortlich," sagt Prof. Jerusalem, „wenn sich eine Lockerung der Prinzipien, eine Steigerung des Egoismus, eine Schwächung; des Solidaritätsgefühls bemerkbar macht. Wir sind schuld daran, wenn die jungen Leute jeden Wunsch und jede Laune für ein wesentliches Stück ihrer Persönlichkeit halten, die zu entfalten ihnen heute als das höchste Ziel bezeichnet wird. An uns hat es gefehlt, wenn die akademische Jugend vom Willen zur Macht schwärmte und die Umwertung aller Werte dahin auffaßte, daß dem Starken alles erlaubt sei." Faßt so der Verfasser das Lehramt als ein hohes ethisches Priesteramt auf, so tritt er ,an dessen Ausübung heran, versehen mit den höchsten und feinsten intellektualistischen Mitteln; es ist geradezu erstaunlich, in welch' hohem Grade Professor Jerusalem mit dem ganzen Wissen seiner Zeit ausgerüstet ist. Er beherrscht die Geisteswie die Naturwissenschaften in ihren wichtigsten Ergebnissen in gleich hohem Maße. Aber diese Wissenselemente sind bei ihm nicht bloß zu einer einheitlichen energischen Synthese, zu einer durchgebildeten philosophischen Weltanschauung verschmolzen, vom einem hohen ethischen Idealismus verklärt, der jedoch nicht blutleer ist, nichts von Weitabgewandtheit und Weidfremdheit an sich hat, sondern seine Säfte aus dem vollen, kräftig pulsierenden Wirklichkeitsleben saugt. Das verleiht auch seiner Darstellung bei aller Schlichtheit und vornehmen Ruhe einen frischen Duft und eine Unmittelbarkeit, die die Lektüre zu einem wahren Genuß gestaltet. Der Leser hat das unabweisbare Gefühl, daß hier ein weiser, grundgütiger und überlegener Mensch zu ihm spricht, der eine reiche Lebenserfahrung besitzt, vieles gesehen, in das Menschenherz und das Getriebe des menschlichen Handelns einen tiefen Bück getan und nun ohne Seh ulm ei st er ei, ohne Pedanterie und fern von jedem moralisierenden Ton seine Gedanken in erlesenster Form darlegt. Da ist ein sehr umfassendes Kapitel, enthaltend die historisch-kritische Analyse des Begriffes der „allgemeinen Bildung", das wohl zu den besten kulturgeschichtlichen Abhandlungen gehört, die wir besitzen. In einem weiteren Kapitel entwickelt der Verfasser in konstruktiver Synthese den Inhalt des modernen Begriffes der allgemeinen Bildung, wie sie ihm als Ideal vorschwebt. Er geht von der biologisch - psychologischen Auffassung aus, die dem Büdungsideal unserer Klassiker, insbesondere Herders, entspricht. Danach bedeutet das Wort „allgemein" allseitige Entfaltung der im menschlichen Organismus angelegten Funktionen, „Bildung" aber besagt weiter, daß diese Entfaltung* organisch, von innen heraus zu erfolgen habe. Obgleich nun für die allgemeine Bildung die geistigen Fähigkeiten den wichtigsten Gegenstand der Erziehungsarbeit lausmachen, so sind die körperlichen Funktionen von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Der Verfasser zeichnet in großen Linien ein Programm der körperlichen Erziehung und geht dann zur seelischen über. Die körperliche Ertüchtigung hängt schon insofern mit der seelischen Erziehung zusammen, als durch jene eine Kräftigung und Schulung des Willens bewirkt wird und nur ein geschulter Wille einen wahrhaft freien Menschen macht, der von seinen Schwächen nicht abhängt. Auf Grundlage der Ergebnisse der modernen Psychologie stellt Jerusalem sein Programm der erzieherischen Entwicklung der geistigen Funktionen auf. Sehr großes Gewicht legt er auf die Erziehung zum Kunstgenuß durch die Entfaltung und Verfeinerung des ästhetischen Empfindens, „da der Mensch erst dann zum vollen Menschen wird, wenn er ästhetisch genießt. Durch die reine Freude am Schönen wird der Mensch zur inneren Freiheit emporgehoben, die ihn zu den höchsten Leistungen befähigt". Besonders lehrreich ist für uns, welchen Platz der Verfasser der religiösen Erziehung einräumt. Diese ist im allgemeinen nicht so sehr die Aufgabe der Schule als der Familie und der Gemeinde. Wer in einem religiös gesinnten Kreise aufwächst, in dessen Seele werden sich' von selbst diejenigen Dispositionen bilden, die wir kurz als Religiosität bezeichnen. Der soziale Charakter, der zum Wesen der Religiosität gehört, bringt es mit sich, daß hier der Einfluß der Umgebung, die; suggestive Wirkung des Milieus, mehr erzielt als unmittelbare Unterweisung. Allein die großen Kulturreligionen haben alle eine lange geschichtliche Entwicklung, eine mächtige Tradition hinter sich. Es haben sich da komplizierte Glaubenssysteme und zahlreiche Kultbräuche entwickelt.

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