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Ost und West · 1920-01-01 · Heft 3-4 (März-April 1920) · p. Seite 84 - 85

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1920)
Article
Erziehung zum Menschen
Date
1920-01-01
Page
Seite 84 - 85 (sequence 5)
Language
German
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Erziehung zum Menschen. 85 "Wirkungskraft nimmt. 'Jerusalem legt eingehend •dar, wie die Entwicklung der MoralbegrifFe in zwei Linien verläuft. Einmal prägt sich das moralische Gebot in dem Gesamtwillen aus, der die bestehende Gesellschaftsordnung repräsentiert und einen entschieden k onservativen Charakter hat. Diese und jene Einrichtungen haben sich als zweckmäßig erwiesen, um das gesellschaftliche Leben zusammenzuhalten. Deshalb darf an ihnen nicht gerüttelt werden. Gegen diese konservative Tendenz erhebt sich nun im Innern der Gesellschaft eine Macht, die, von der sozialen Entwicklung selbst gezeugt und gezeitigt, dennoch scheinbar im antisozialen Sinne tätig ist, tatsächlich aber an der sozialen Entwicklung mächtig weiterarbeitet. Diese Macht ist das zum Bewußtsein seines Eigenwertes erstarkte menschliche Individuum. Während nun der Gesamtwille vom einzelnen die Unterordnung als Menschenpflicht heischt, lehnt sich der Individualwille dagegen auf und strebt danach, seine eigenen Wege zu gehen. „Der reif gewordene Mensch nimmt die bestehenden Einrichtungen und Gesetze nicht ohne weiteres als selbstverständlich und unabänderlich hin. Er hat gelernt, sich als eigenwertiges und eigenkräftiges Wesen zu fühlen und sieht sich durch die traditionell geheiligten Satzungen mitunter gehemmt, erniedrigt und entrechtet. Innerlich empört und entrüstet, erhebt er seine Stimme gegen die Vergewaltigung durch die Macht des ewig Geistigen und findet bei gleichgesinnten Seelen Gehör und Verständnis. So entsteht der Kampf des nach freier Betätigung seiner Kräfte strebenden Individuums gegen jede Art sozialer Gebundenheit, ein Kampf, der vor mehr als zweitausend Jahren begonnen hat und auch heute noch nicht zu Ende ist." Der Verfasser, der die Erziehung mit einem wunderbar treffenden Worte als „Entwicklungshilfe" auffaßt, stellt es als kulturpolitische und kulturphilosophische Aufgabe des 20. Jahrhunderts auf, „die Synthese von Sozialismus und Individualismus, die Vereinigung von Menschenpflicht und Menschenwürde möglich zu machen". „Der Staat als Mandatar der Gesellschaft soll so eingerichtet sein, daß er von seinen Mitgliedern die Erfüllung jhrer sozialen Pflichten fordern und -erzwingen kann, ohne dabei ihre Menschenwürde zu verletzen. Wir dürfen keine Einrichtungen dulden oder gar schaffen, welche den einzelnen dazu verleiten oder gar zwingen, zu Lüge, List und Betrug zu greifen* weil die Lasten, die der Staat auferlegt, unerträglich groß sind. In der Persönlichkeit des S o - krates erblickt der Verfasser eine solche Synthese von Menschenpflicht und Menschenwürde in lebendiger Klarheit und Anschaulichkeit vollzogen und ausgesprochen von einem Manne, der diesen Grundsätzen durch sein Leben und noch mehr durch seinen Tod lebendige Kraft verliehen hat. Ein besonderes Kapitel widmet der Verfasser der Pflege des sozialen Geistes in der Schule; darunter versteht er eine „Summe von Urteils-, Gefühls- und Willensdispositionen, die das Bewußtsein in uns wecken und wach erhalten, daß jeder Mensch in einen ausgebildeten sozialen Organismus hineingeboren wird, daß er dieser Tatsache eine geradezu unermeßliche Bereicherung seines Lebensinhaltes verdankt und daß er infolgedessen berufen und verpflichtet ist, an dem Weiterbestande und an der Weiterentwicklung dieses sozialen Organismus mitzuarbeiten." Es gehört zu den unerhörten Seltenheiten, daß der Schüler unserer jetzigen Mittelschule in späteren Jahren mit Liebe und Dankbarkeit ihrer ehemaligen Lehrer gedenken. Meist erscheint ihnen die Schule in der Erinnerung als ein Gefängnis, die Lehrer als Kerkermeister, als verhaßte Peiniger, die die jungen Seelen vergewaltigten und mißhandelten, zur Heuchelei und Knechtseligkeit erzogen, und von denen man im Grunde nichts gelernt hatte. Man denke z. B. an die Erzählungen von Schriftstellern solchen Ranges wie Thomas Mann, Otto Ernst und Hermann Hesse. — Für das Verhältnis unseres Verfassers zu seinen Schülern während seiner langen Wirksamkeit als Lehrer ist folgendes bezeichnend: Zu seinem 60. Geburtstag wurde dem Professor Jerusalem von Freunden, Verehrern und Schülern, darunter Namen von bestem Klang, eine Festschrift überreicht. Ant on Wildgans, eines der bedeutendsten poetischen Talente der jungejn Generation, zeichnet die Persönlichkeit des Meisters wie folgt: r. Ein Lehrer warst Du, nicht ein Ueberwacher, Und unbewacht bezähmte uns die Scham. Mitschüler warst Du — nicht ein Widersacher — Der mit uns, an uns zur Erkenntnis kam. Dem willig zagten Schritt ein Wegemacher, Ein Sonderer von Menschenwert und Kram. Vor Deinem Ohr ward jede Phrase nichtig, Und immer nur die Sache war Dir wichtig. Dies ist die Zehrung., die Du mitgegeben Den Schülern auf den viel verzweigten Pfad. Das bloß Gesagte muß sich überleben, Fortwirkt und -bildet nur des Lehrers Tat. Die Deine war: daß Beispiel Du gegeben. Nicht was nur, wie auch man zu wissen hat. So ward sonst flüchtig Hastendes beständig Und bloßer Stoff durch Sittlichkeit lebendig. Ein schönes Zeugnis dafür, daß der Lehrer, was er lehrte, auch lebte. Die Liebe, die er gesät, sproßt ihm als Liebe und Dankbarkeit entgegen. L e c t o r.

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