Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1920)
- Article
- Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 70 - 71 (sequence 9)
- Language
- German
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70 Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland. 71 DER WAHRE KERN DER „OSTJUDENFRAGE". Bei näherem Zusehen bemerkt man jedoclr, daß der Kampf gegen die „Ostjuden" nur eine [Diversion ist, ein Scheingefecht, ein Zwischenspiel in dem großen Kriege, der den Juden im allgemeinen in Deutschland von dem ausgezeichnet organisierten Antisemitismus angesagt ist. Nach jeder Weltkatastrophe, gleichviel, ob sie mit einem Sieg oder einer Niederlage der Deutschen endet, haben sie die Gewohnheit, ihr Mütchen an den Juden zu kühlen. Vor hundert Jahren, nach den Befreiungskriegen und dem Wiener Kongreß, war es ganz genau wie heutzutage. Der neueste Historiker der Juden, J. El b o gen, schildert in seiner vortrefflichen „Geschichte der Juden seit dem Untergang des jüdischen Staates4'2) die damaligen Zustände sehr anschaulich wie folgt: „Das neue ,teutsche' Reich sollte eine Einheit in Sprache, Sitte und Glauben darstellen, in ihm hatten die Juden als Fremde, ials Nichtchristen keine Bürgerrechte; es war viel, wenn man ihnen Menschenrechte zubilligte. Professoren der neuen hochangesehenen BerÜner Universität traten dafür ein, das alte Schutzjudenrecht wiederherzustellen, ihre Vermehrung zu hindern, sie von allen Aemtern und vom Heere auszuschließen. Eine Flut von Schmähschriften, „eine schöne Blumenlese von getrockneten Giftkräutern" bis zu Machwerken niedrigster Art ergoß sich über das deutsche Volk. Bald hieß es, die Juden wären zu praktisch veranlagt, bald wiederum zu weltfremd, den einen waren sie zu konservativ in ihrem Formenglauben, den anderen zu glaubenslos, zu revolutionär zersetzend. Nach den einen beteiligten sie sich zu wenig am öffentlichen Leben, nach den anderen drängten sie sich zu viel vor; die einen klagten, daß sie keine neuen Berufe erwählten, die andern, daß sie jede Erwerbstätigkeit störten . . . Dem Schrifterikampfe fehlte das blutige Nachspiel nicht. Glaubenshaß, Plünderungssucht und Erwerbsneid gingen einen würdigen Bund ein, um die Ruhe und 'die Sicherheit, ja das Leben der Juden zu gefährden, 1819." Man muß an die ewige Wiederkehr glauben, wenn man das mit unseren heutigen Erlebnissen vergleicht. Auch im neuen Deutschen Reich, als es sich kaum nach 1870/71 konsolidiert hatte, brach der Antisemitismus aus, von Stöcker und Treitschke und ihrem Anhang inauguriert. Dem Schriftenkampfe folgte diesmal das blutige Nachspiel nicht in Deutschland, sondern in Rußland. Der Weltkrieg hat einen ganz anderen Ausgang genommen als der Deutsch-Französische Krieg, aber für die Juden in Deutschland scheint die Wirkung die gleiche zu sein. Obgleich das deutsche Volk vor 2) Leipzig, B. G. Teubner 1919. ganz anderen Aufgaben steht als nach Sedan, hat eine mächtige, tonangebende und rastlose Partei nichts Dringenderes zu tun, als eine neue Judenhetze zu entzünden. Die Ostjuden sind ein bequemer Vorwand. Auf die Ostjuden schlägt man, aber die Westjuden meint man. Oder ist etwäf der Professor Meyer, dessen Berufung an die Technische Hochschule in Karlsruhe die dortigen Studenten verhindert haben, ein Ostjude? Dieser Geist, der die jetzigen deutschen Studenten beseelt, ist bezeichnend für das Wieder erwachen des Antisemitismus. Man tröste sich nicht damit, daß es sich um Dummejungenpolitik, um Ausschreitungen unreifer, schlecht erzogener, unbesonnener junger Burschen handle, denn hinter diesen dummen Jungen steht eine Phalanx ziemlich angejahrter Herren, zu denen auch diesmal Professoren der hochberühmten Berliner Universität gehören, wie vor hundert Jahren. Diese Dummejungen-» politik der Karlsruher Studenten ist im Grunde nur in frecheren Formen eine Fortsetzung der studentischen Judenpolitik von vor dem Kriege. Im Jahre 1913 ging von den Hörern der Medizin zu Halle eine Bewegung gegen die Ausländer aus, die bald ganz Deutschland umfaßte und sogar nach Oesterreich und der Schweiz hinübergriff und nahe daran war, auch in Frankreich Nachahmung zu finden. Es galt, den „Ausländern*', nämlich den jüdischen Studenten aus Rußland, den Zutritt zu den Hochschulen zu versperren. Nicht zu allen Lehrsälen, o neinr die „brotlosen" Wissenschaften, Philosophie und dergleichen, mochten sie studieren, das! gönnten ihnen diese deutschen Idealisten von ganzem Herzen, aber die einträglichen Fächer, als da sind Medizin, Chemie, Technik, da sollten sie draußen bleiben. Die Herren Professoren waren dagegen anderer Meinung. Sie wußten, daß diese unerwünschten Ausländer die Kollegiengelder und die teuren Sonderkurse bar bezahlten, während drei Viertel der treudeutschen Studentenschaf t'das alles gestundet bekamen. Sie konnten gar nicht genug ausländische Studenten hereinkriegen. Der Patriotismus drohte, ein gefährliches Loch im Geldsäckel zu machen. Professoren ergriffen also in der Presse das Wort zur Verteidigung der ausländischen Studenten, natürlich im Namen der höchsten Ideale, der Würde deutscher Wissenschaft usw. Damals trugen die Studenten den Sieg über die Professoren davon. Diesmal hört man nichts davon, daß die Professorenwelt sich gegen die unverschämte Anmaßung der grünen Politiker von der Schulbank auflehnt. Der Geist scheint sogar von unten hinauf in die Reihen der Jugendbildner und Fahnenträger der Wissenschaft zu sickern. Ein berühmter jüdischer Botaniker,