Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1920)
- Article
- Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 72 - 73 (sequence 10)
- Language
- German
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72 Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland. 73 Professor an einer Forstakademie, ein um die Gesundung der deutschen Forste hochverdienter Gelehrter von Weltruf, leidet unsagbar unter den antisemitischen Schikanen des gesamten Lehrkörpers und sogar des Angestelltenpersonals. Er reist nach Berlin und bittet den Landwirtschaftsminister um Versetzung. Der Landwirtschaftsminister, Genosse Braun, ruft die Regierungs¬ und vortragenden Räte zusammen, denen noch unter: dem alten Regime jeder: jüdische! Professor ein Dorn im Auge war, und hält Kriegsrat. Natürlich wird bestimmt, daß dem Ansuchen des Juden keine Folge zu geben sei. Man wird ihn hinausgraulen. Nous n'avons pas besoin de savants . . . * * * Es wäre, wie man sieht, ein gefährlicher Irrtum, zu meinen, daß diese Judenhetze die deut-, sehen Juden allein angehe. Sie wächst sich zu einer 'Gefahr für die Judenheit der ganzen Welt aus. Trotz des Bannes, den jetzt die ganze Welt über die Deutschen verhängt hat, wird der Antisemitismus dieser letzteren doch ansteckend wirken, vielleicht in einem noch höheren Maße als in seiner ersten Epoche. Deutsche werden jetzt in einer noch nie dagewesenen Zahl auswandern, sie werden die Seuche in die ganze Welt hinaustragen und den Juden in allen Ländern das Leben vergiften. Als Treitschke im Jahre 1879 das ebenso alberne wie unverschämte, ruchlose und nichtswürdige Wort in die Welt hinausschrie: „Die Juden sind unser Unglück!", machte das in der ganzen Welt einen tief beunruhigenden Eindruck. Man sagte sich: Die Juden bilden in Deutschland einen verschwindenden Prozentsatz der Gesamtbevölkerung und sind mit dieser in Sprache, Kultur, Sitte, Gebahren völlig assimiliert; seit 80 oder 90 Jahren arbeiten sie sogar an einer Reform ihrer Religion, die ihr alles äußerlich Fremdartige abstreift. Aber dieses kleine Häuflein hat auf allen Gebieten der Wissenschaft, Kunst und des öffentlichen Lebens ganz hervorragende Leistungen aufzuweisen, im Dienste des Vaterlandes stehen die deutschen Juden, als Soldaten wie als Bürger, nicht hinter den Besten der deutschen Nation zurück. Und dennoch versichert einer der führenden Männer in Berlin, sie seien das Unglück Deutschlands, dieses jungen, blühenden Recken, der erst vor kurzem auf den Schlachtfeldern Frankreichs seine Macht offenbart hat und nun sich anschickt, in kühnem Lauf eine der ersten Stellungen der Welt zu erringen. Was sollen jene Länder sagen, in denen Millionen Juden zusammengedrängt wohnen, kulturell zurückgeblieben, wie durch eine Mauer von der übrigen Bevölkerung getrennt — Länder, die nach außen wie im Innern schwer um Ordnung und Existenz ringen müssen? ' Damals hätte, seit 10 oder 15 Jahren, sich jedermann in Europa, der etwas auf seinen Ruf als Kulturmensch hielt, geschämt, mit judenfeindlichen Aeußerungen vor die Oeffentlichkeit zu treten. Als ein Jahr vorher, auf dem Berliner Kongreß, Fürst Gortschakow den Ausspruch tat, die Juden in Rußland seien in der Kultur so zurückgeblieben, daß die Regierung sich gezwungen sehe, Ausnahmegesetze gegen sie zu erlassen, antwortete ihm kein Geringerer als Bismarck: es wäre doch zu erwägen, ob der Zustand der dortigen Juden nicht die Folge eben dieser Ausnahmegesetze sei! Und dennoch fand Treitschke den Mut, die Juden als das Unglück Deutschlands hinzustellen. Sind die deutschen Juden die schlimmsten von der Welt? Sind nicht die Juden überall das Unglück jedes von ihnen bewohnten Landes? So ist Deutschland im Antisemitismus der Lehrmeister der ganzen Welt geworden. Das Blut und die Tränen, die seither geflossen, fallen auf das Haupt von Treitschke und seinem Anhang. Und bis auf den heutigen Tag, geht die Lehre von Deutschland nach allen Ländern aus. :Mit deutscher Gründlichkeit wurde sie ausgebaut, „wissenschaftlich** begründet, metaphysisch „erleuchtet" und mit neudeutscher Betriebsamkeit in kleinen und großen Verpackungen nach allen Ländern der Welt hinausgesandt. Exportware! In Deutschland wird Antisemitismus für die Ausfuhr bereitet. Was hier davon hergestellt wird, reicht aus, um ganze Weltteile auf Jahrzehnte zu vergiften.