Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1920)
- Article
- Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 68 - 69 (sequence 8)
- Language
- German
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68 Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland. 69 blut war billig hüben, und drüben glühte der alldeutsche „Patriotismus4Man kann getrost sagen, daß die drei Jahre preußisch-deutscher Okkupation mehr Haß gegen die Juden aufgewühlt haben als dreißig Jahre russischer Tyrannei. Nach Beselers schmählicher Flucht aus Warschau blieben die Juden vogelfrei. Der Tanz ging los . . . Wichtig ist, festzustellen, daß die Posen er Polen es waren, welche überall im Veranstalten von Pogromen mit dem Beispiel vorangingen. Sie hatten nicht nur einen alten Haß gegen die Juden, weil ihre jüdischen Landsleute auf Seiten der preußischen Unterdrücker standen und den Hakatismus förderten, sondern waren überdies gelehrige Schüler des deutschen Antisemitismus, dessen Denkweise und Methoden sie sich ganz zu eigen gemacht hatten. Später waren die polnischen Truppen des Herrn Generals H a 11 e r von Hallenburg überall, wo sie einrückten, der Schrecken der Juden. Dieser Herr von kerndeutschem adligem Stamme, der jetzt als polnischer Racheengel die wiedergewonnenen Provinzen triumphierend für Polen wieder in Besitz nimmt, hat natürlich jedes Fünkchen deutscher Gesinnung längst abgelegt, nur den Antisemitismus hat er beibehalten. Die ganzen polnischen Pogrome mitsamt dem Boykott sind nichts als verwirklichte, in die Tat umgesetzte deutsche Theorie! Die Polen haben das Erbe des russischen Zarismus übernommen. Gleich wie im zaristischen Rußland seit jeher die Staatsmänner und hohen Beamten deutscher Herkunft die Urheber der schlimmsten Bedrückungen und die Veranstalter von Pogromen waren, so ist es auch in Polen. Wenn der eingewanderte Deutsche, sich stufenweise polonisierend, sich so weit entwickelt hat, daß er ein A11 p o 1 e und grimmiger Deutschenhasser wird, wenn er, selber noch evangelisch, sogar Präsident der evangelischen Gemeinde, seinen neugeborenen Sohn katholisch taufen läßt, „damit er nicht, behüte, einmal ein Deutscher würde" — an dem Antisemitismus hält er mit germanischer Treue fest. Jetzt beklagen sich die Polen, daß die Juden in Ob er Schlesien und in Westpreußen es hauptsächlich seien, die gegen eine Lostrennung von Deutschland am heftigsten agitieren. Man darf aber mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß später die Deutschen im neuen Polen es sein werden, die die heftigsten Judenfeinde liefern werden; die Organisatoren des Wirtschaftskrieges 'gegen die Juden in Galizien noch vor dem Weltkriege waren fast ausschließlich Männer mit kerndeutschen Namen, deren Väter meist noch nicht Polnisch sprechen konnten . . . So hat eine bestimmte Form des deutschen Antisemitismus in seiner Fern Wirkung den Ostjuden das Leben abermals zur Hölle gemacht, daß sie Zuflucht suchen müssen in Gegenden des augenblicklich minderen Drucks. Aber es sind nicht einmal die Neuzugewanderten, gegen die hauptsächlich der Zorn des Grafen Reventlow und der Seinigen entbrennt, sondern es sind Ostjuden, die man mit Gewalt nach Deutschland gezogen hatte. Im Winter 1916 fing man nämlich an, in Polen Arbeiter für die deutsche Industrie zu werben. Anfangs war das als Gnade und Vergünstigung gedacht, und daher schloß man die Juden davon aus. (Der ihnen zu gewährende „Schutz'4 sollte sich auf ihre „jiddische'' Sprache beschränken, die Sorge um die „Jidden" und ihre materielle Existenz überließ man großmütig ihnen selbst.) Alsbald stellte es sich aber heraus, daß die polnische Arbeiterschaft sich mit aller Gewalt dieser „Gunst" entzog. Da fing man denn an, eifrig unter den Juden zu „werben". Man warb ziemlich ungeniert und energisch. Und so wurden mehrere Tausend jüdische Arbeiter aus Polen nach Deutschland gebracht, die hier zwei oder drei Jahre unter den schwierigsten Verhältnissen um kärglichen Lohn sich vortrefflich bewährten. Nach dem Zusammenbruch gab man sie „frei", d. h. man ließ sie lauifen, man fragte nicht, wovon sie Leben sollten. Mögen sie doch nur dorthin zurückgehen,, woher sie gekommen sind — und wo man ihnen inzwischen das Dach über dem Kopf angezündet hatte. Eine andere Politik befolgte man gegenüber den Juden im Herrschbereich „Ober-Ost". Namentlich aus vielen Gegenden Litauens und Weißrußlands wurden die Juden in Massen nach — Amerika abtransportiert. Man sprach von 40 000 jüdischen Personen, die gebeten worden waren, sich auf diese Weise schleunigst zu entfernen; von, offizieller Seite versicherte man dagegen, es seien ihrer bloß 12 000 gewesen. Da man überzeugt war, dieses Lanjd sicher zu behalten, so setzte man die Judenpolitik der Pobje-. donoszew und Plehwe nach bequemerer Methode fort und trachtete, die Zahl der Juden tauf trockenem Wege, ohne Pogrome und Blutvergießen, nach Möglichkeit zu verringern. Bei der christlichen Bevölkerung erweckte dieses Vorgehen dia Ueberzeugung, daß die Juden eine vogelfreie! Menschensorte sind, mit welcher jeder, der gerade das Heft in der Hand hat, nach Herzens-* lust umspringen darf. Den einrückenden Polen wurde die Bahn für ihre Pogrome geebnet. Das ist das Ergebnis der „Befreiung", die den Ostjuden verheißen wurde . . .