Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1920)
- Article
- Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 66 - 67 (sequence 7)
- Language
- German
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66 Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland. 67 sich über die Requisitionen beklagten, die ihre einst so blühende Industrie iür Jahrzehnte hinaus völlig zu vernichten drohten, antwortete man ihnen: „Wozu brauchen die Herren eine Industrie? Sie können ja bei uns alles billiger haben." Und die Juden galten als die Schützlinge und die heimlichen Verbündeten dieses „Befreiers", als „ein Element, dessen sich der deutsche Einfluß in dein eroberten Gebiet jederzeit nach Belieben bedienen könne, wie die „Jüdische Presse" einmal schrieb. Jüdische Literaten und „Politiker" wetteiferten darin, die Ostjuden an die alldeutschen Annexionisten mit Haut und Haaren für immer zu verkaufen. „Wir müssen die Juden in Polen so organisieren, wie es das Interesse Deutschlands erfordert", war das Leitmotiv. „Das Interesse Deutschlands erfordert, die Polen nicht viel zu stark werden zu lassen. Das beste Mittel dazu ist, unter den Juden in Polen das Jiddische zu pflegen und ihre Assimilation mit den Polen zu verhindern*', erklärte ein berühmter Gelehrter, der sich die Bevormundung der Ostjuden besonders angelegen sein ließ. Herr von dem Bussche erklärte einer jüdischen Deputation, Regierung und Oberste Heeresleitung seien einmütig entschlossen, überall im Osten das Eigenleben der Juden mit besonderer Sorgfalt zu pflegen; diese rührende Sorgfalt wirkte beklemmend, da man wußte, daß nach preußischer Regierungsmethode überall sonst das fremde Eigenleben niedergetrampelt und ausgerottet zu werden pflegte. Ein „führender Geist'* in Berlin überreichte im Frühjahr 1915 an die Regierung eine vertrauliche Denkschrift, in der er sich nicht scheute, zu versichern, „die Interessen sämtlicher Juden im russischen Reich seien bei dieser kriegerischen Verwicklung identisch mit denen unseres deutschen Vaterlandes", ohne zu bedenken, daß er mit dieser ungeheuerlichen Denunziation sämtliche Juden im russischen Reich zu Verrätern stempelte und ans Messer lieferte, ja daß diese Verdächtigung sich gegen die deutschen Juden wenden konnte. Die Empfänger des Schriftstückes mußten sich ja sagen, daß im 'gegebenen Falle die deutschen Juden an ihrem Vaterlande ebenso handeln und es an 'einen einrückenden Feind verraten würden. Diese ganze Aktion war umso gewissenloser, als gerade damals in der ganzen russischen Gesellschaft sich eine energische Bewegung zugunsten der Juden bemerkbar machte. Die größten Städte und die einflußreichsten wirtschaftlichen Verbände forderten von der Regierung mit großem Nachdruck die Aufhebung aller beschränkenden Gesetze und die Gleichstellung der Juden. Die Städteverwaltungen nahmen sich der jüdischen Flüchtlinge und Ausgewiesenen wärmstens an. Anfangs April 1915 veröffentlichten fast alle russischen Zeitungen eine Petition von zweihundert russischen Intellektuellen, darunter den besten Männern der Nation auf allen Gebieten der Politik und des geistigen Lebens, die die gänzliche und uneingeschränkte Emanzipation der Juden verlangten. — Die gesamte alldeutsche und annexionistische Presse, wie die Berliner Neuesten Nachrichten, die Post, der Reichsbote, bekam auf einmal eine Anwandlung von glühender Judenliebe und verteidigte mit Berserkerwut die Forderung der jiddischen Amts- und Verwaltungssprache, der jiddischen Schule und der „nationalen Autonomie'' für die Juden in Polen. Die Sorge um den Bestand des Judentums machte ihnen schlaflose Nächte, und sie wollten sich nicht eher beruhigen, bis die Juden in Polen durch den stählernen Panzer der jiddischen Sprache davor geschützt wurden, von der „polnischen Kultur" aufgefressen zu werden. Die „Süddeutschen Monatshefte", sonst ununterbrochen (bis auf den heutigen Tag) ihrem eminent judenfeindlichen Charakter unentwegt treu, widmeten diesen garstigen „Ostjuden" ein ganzes Heft voller Verzückung. „Wir wußten gar nicht, welch ein kostbarer Schatz dicht vor unserer Tür lagert!" Jede Partei und jedes Grüppchen entsandte besondere Emissäre nach Polen, um die „Interessen der dortigen Juden wahrzunehmen". Sogar die jüdischen annexionistischen Sozialdemokraten, die noch im August 1918 öffentlich verlangten, „man solle sich aus Polen soviel herausschneiden, als man brauche, und den Rest an Rußland wieder abtreten/', hielten es für notwendig, Agenten nach Polen zu entsenden, um die dortigen jüdischen Arbeiter zu „organisieren", obgleich diese längst den Beweis erbracht hatten, daß sie sich allein vorzüglich zu organisieren verstanden und jeder Bevormundung von draußen entbehren konnten. Und alle die Herren, die von Berlin hinüberkamen, um die „Interessen der polnischen Juden wahrzunehmen", machten ihre Antrittsvisite bei Beseler und Cleinow und holten sich von dort die nötige Inspiration. Bei den Polen setzte sich die Ueberzeugung fest, daß die Okkupationsmacht ihnen in ihrem eigenen Lande eine feindliche Armee organisiert, die ihnen in dem nun unvermeidlichen „Kampf zwischen Germanentum und Slawentum" in den Rücken fallen soll. Der seit etwa 15 Jahren glimmende Haß schwoll immer mehr an, fraß zusehends um sich und drohte jeden Augenblick, 4n heller Lohe aufzuflammen. Brennmaterial lag umher, aufgehäuft in Hülle und Fülle, aber geschäftige Hände gössen emsig Oel aus und streuten Explosivstoff dazwischen. Jeder Kenner der Zustände mußte sich sagen, daß, wenn die Deutschen endlich mit den Polen Frieden schließen oder aus irgendwelchem Grunde sich zurückziehen, in Polen Judenmetzeleien ausbrechen würden, begleitet von einem Boykott, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte. Aber keine Warnung half. Ostjuden-