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Ost und West · 1920-01-01 · Heft 3-4 (März-April 1920) · p. Seite 64 - 65

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1920)
Article
Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland
Date
1920-01-01
Page
Seite 64 - 65 (sequence 6)
Language
German
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64 Die VTeltgefahr der Judenhetze in Deutschland; 65 dieser Zeitschrift fand, gehenkt. Zu Zehntausenden wurden die Juden verschleppt, in verlöteten Eisenbahnzügen durch ganz Rußland hin und her geschleudert. Man verdächtigte sie als Verräter und Spione im Dienste des Feindes. Juden, die auf der Straße „Jiddisch4' sprachen, wurden eingekerkert, weil es wie Deutsch klang1. Von Berlin aus wurden sämtliche Ostjuden für das Deutschtum, ja für das Alldeutschtum förmlich mit Beschlag belegt- Eine Broschüre wurde herausgegeben unter dem Titel „Juden und Deutsche, eine Sprach- und Interessengemeinschaft", in der nachgewiesen wurde, daß sämtliche „Ostjuden" von der Elbe bis zum Schwarzen Meer im Grunde Deutsche seien, die nicht nur sprachlich, sondern noch mehr wirtschaftspolitisch im Interesse der deutschen Expansion und- Vorherrschaft tätig zu sein haben. Das haben nachher die rumänischen Juden , sehr wirksam zu spüren bekommen. Gleich nach dem Eintritt Rumäniens in den Krieg wurden sämtliche Juden unter den Verdacht der Interessengemeinschaft mit dem Feind gestellt, und sie hatten deswegen beinahe noch Schlimmeres zu erdulden als in Rußland. Die von Berlin aus im Interesse der alldeutschen Annexionslust geförderte Ueberzeugung von der Interessengemeinschaft der Ostjuden mit den Deutschen wird die Juden des Ostens noch Jahrzehnte verfolgen . . . Nach der Besetzung Polens durch die Zentralmächte wurde das Geschäft der Vermählung der Ostjuden mit den Deutschen noch eifriger betrieben. Die Frankfurter Zeitung und die Vossische Zeitung brachten spaltenlange Artikely in denen der Regierung nahegelegt wurde, sie müsse die Juden in Polen, die eine „jüdischdeutsche Kultur" besitzen, mit den in Polen lebenden Deutschen zu einer Einheit verbinden, wodurch sie die Städte den Polen wegnehmen und völlig germanisieren könne, wer aber die Städte in Händen habe, beherrsche das Land. Im „Tag" verkündete der „berühmte" Gouverneur von Puttkamerun, Jesco, das Lob der polnischen Juden, dieser Nachkommen der Makkabäer, die ausersehen seien, in Polen die „germanische Idee zu vertreten" und „an der Wacht der deutschen Interessen zu stehen". Und in Warschau saßen der General Beseler und der Geheimrat Cleinow. und „förderten das Interesse der Juden". Die Zeit wird kommen, die Tätigkeit dieser beiden Repräsentanten Preußens in Polen ausführlich zu erzählen. Wie der Herr Cleinow sich die Lösung der polnischen Judenfrage ausmalte, ist in „Ost und West" 1916, Heft 2/3, dargelegt worden. Jetzt aber saßen sie in Polen, und mit ,allen Kräften, arbeiteten sie daran, Juden und Polen gegeneinander aufzuhetzen, die bestehende Kluft zwischen den beiden Völkerschaften zu erweitern und zu vertiefen, jede aufkeimende Versöhnung rasch zu unterdrücken, die kleinsten Mißverständnisse anzufachen und aufs äußerste zu verbittern. Man befolgte getreulich das alte preußisch-moskowitische Prinzip „divide et impera". Man richtete sich darauf ein, ganz nach alldeutschem Wunsch hier ewig zu hausen, und legte zunächst Hand auf die Juden. Gleich wie früher die russische Regierung! dafür sorgte, daß die jüdischen Massen nie dazu kamen, ein richtiges Polnisch zu sprechen und zu schreiben und stets die Landessprache nur radebrechten und verballhornten, wodurch kein Gefühl der Solidarität zwischen den beiden Völkern aufkam und keine Verständigung Platz greifen konnte, so tat es auch die deutsche Okkupationsregierung. Sie war zärtlich um die jüdische Jugend besorgt, daß sie nicht in allzu intime Berührung mit der polnischen iSprache kam, wodurch sie sich das für die deutschen Interessen in Polen so wichtige „Mauscheln" abgewöhnen könnte. Mit Dokumenten dieser eifrigen Fürsorge könnte man Bände füllen. Die Organe der Herren Beseler und Cleinow fanden jedesmal, daß „bei der ausgesprochenen Deutschfreundlichkeit des größten Teils der jüdischen Bevölkerung und in Anbetracht der Verwandtschaft der jüdischen Sprache mit der deutschen es unheilvoll für die Juden wäre, wenn es einem kleinen Häuflein polnisch gesinnter Juden gelänge, einen Zustand herbeizuführen, der der jüdischen Schuljugend keinen Vorteil bringen wird". Gleichzeitig kokettierte man mit den Nationaldemokraten und unterdrückte die Aktivisten, um so den Beweis zu erbringen, daß Polen im Grund rüssophil sei und darum ganz annektiert oder verstümmelt werden müsse, und lieferte den Nationaldemokraten und allen anderen Antisemiten die Juden in praktischer und wirtschaftlicher Beziehung aus, während man ihnen zum Schein schmeichelte und die sog. „nationale Autonomie" vorgaukelte, um die Polen nur noch ärger gegen sie aufzustacheln. Die ,,Judenvorfassung", die Beseler über die Köpfe der Polen hinweg aus eigener Machtvollkommenheit verhängte, war wohl das schamloseste Stück frevelhaften Spiels mit dem Schicksal einer Bevölkerung von Millionen! Die Deutschen traten in dem „befreiten" Polen als Eroberer auf, durch ihr hochmütiges Verhalten, durch die unbarmherzigen Requisitionen an Vieh, Maschinen und Rohstoffen, durch fortwährende kleinliche Schikanen erbitterten sie die Bevölkerung derart, daß man bald auch die wirklichen Wohltaten, wie Straßenbau, Ordnung usw., mitsamt den Urhebern verwünschte und anfing, sich nach den Russen zurückzusehnen. Von zwei Uebeln ist nämlich das verflossene das kleinere. E)er „Befreier" wurde als der schlimmste Feind empfunden. Als die Lodzer Großindustriellen

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