Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1920)
- Article
- Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 62 - 63 (sequence 5)
- Language
- German
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02 Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland. 63 zur Brandfackel griffen. In Berlin stellten Professoren, Parlamentarier und Hofprediger die Lehre auf, daß die Juden Landfremde seien —• in Petersburg schmiedete man Gesetzesparagiaphen, die sie aus ihren uralten Wohnstätten hinaustrieben. Was man in Deutschland säte, ging in Rußland blutig auf. Hunderttausende russischer Juden waren gezwungen, zum Wanderstabe zu greifen. Einige Jahre später fing' die Auswanderungsbewegung auch unter den gali zischen Juden an, um sich zu greifen. Schon mit dem Uebergang Deutschlands und Rußlands zum Hochschutzzollsystem, Ende der siebziger Jahre, verschlimmerte sich die Lage der Juden in den galizischen Städten immer mehr, und sie wanderten nach Polen und Wolhynien aus. Russische Untertanenschaft zu erlangen, war ihnen freilich nur ,in ganz ausnehmlichen Fällen möglich, aber sie durften in Rußland unbehelligt wohnen. In jener Zeit war es in ganz Europa etwas .Unerhörtes, fremde Staatsbürger, die sich nichts zuschulden kommen ließen, lediglich weil sie fremd waren, auszuweisen. Bismarck war der erste, der mit diesem System brach, nämlich', als er 1886 den neuen Polenkurs einleitete und in einem Jahre 30 000 Personen polnischer Nationalität, österreichische und russische Untertanen, aus Preußen ausweisen ließ, um einer Stärkung des Polentums vorzubeugen. Damit war der Bann gebrochen. Was der Kanzler des Deutschen Reiches Christen gegenüber nicht als einen Verstoß gegen Recht und Menschlichkeit ansah, durfte sich Rußland um so eher gegen Juden erlauben. Sofort setzte es in Rußland mit der Massenausw7eisung von Juden österreichischer Herkunft ein; im Jahre 1888 sind aus Warschau allein 8000 jüdische Familien aus Galizien ausgewiesen worden, die dort zum Teil seit Jahrzehnten gelebt und Erwerb gefunden hatten. Noch auf. eine andere harte Art wurden die gali zischen Juden durch die Bismarckschen Polenausweisungen betroffen. In Galizien gab es eine ganze, einige tausend Famjlien zählende Klasse, die auf den Gutshöfen des polnischen Großgrundbesitzes auskömmlichen Erwerb fanden als Verwalter, Wirtschaftsbeamte, Angestellte, Pächter. Jetzt mußten sie alle den aus Preußen Ausgewiesenen weichen, die als Märtyrer der nationalen Sache berechtigten Anspruch darauf hatten, von den glücklicheren Konnationalen in der Not nicht im Stiche gelassen zu werden. In gewissen Kategorien des Staatsdienstes, die einen Verkehr mit Wien und folglich eine gründlichere Kenntnis der deutschen Sprache erforderten, wurden die jüdischen Akademiker in Galizien nicht nur zugelassen, sondern sogar bevorzugt, da man ihnen eine bessere Kenntnis der deutschen Sprache zutraute. Seitdem aber unter dem neuen Polenkurse die studierte polnische Jugend aus Posen sich massenweise nach Galizien drängen mußte, um hier ein Fortkommen zu finden, war für die Juden kein Raum mehr. Auf allen Stufen der hierarchischen Leiter, vom Steuerbeamten bis zum Universitätsprofessor und Statthalter, wurden die Posener bevorzugt; sie brachten eine ausgezeichnete Schulung und gediegene Kenntnisse des Deutschen mit,, und daneben eine tüchtige Portion kerndeutschen Antisemitismus, den sie nicht müde wurden, zu verbreiten. Der Exodus der Juden aus Galizien wandte sich zu einem großen Teil ebenfalls nach Amerika, aber eine beträchtliche Anzahl der Auswanderer ging, meist auf dem Umwege über West Österreich,, nach Deutschland. Die Steigerung der jüdischen Einwanderung aus dem Osten ist also nur eine Folge bestimmter politischer Strömungen und Vorgänge in Deutschland, namentlich des Antisemitismus und des derselben nationalistischen Barbarei entsprungenen Hakatismus. Es ist nun wichtig, festzustellen, daß der jetzige Zustrom von Ostjuden ähnlichen Ursachen entspringt. Was nämlich die Juden aus. Polen und Litauen jetzt nach Deutschland treibt, ist nicht die Aussicht auf reichen Gewinn, sondern die Furcht vor den Progromen und dem Boykott, die dort seit dem Zusammenbruch der Zentral mächte wüten. Diese Progrome aber, die ein nie dagewesenes Maß erreicht haben, sind die Frucht der vierjährigen Arbeit der deutschen und zum Teil der österreichischen Okkupationsbehbrden und jenes Teils der deutschen Publizistik, der in ihrem Dienste stand und ihre Tendenzen förderte. Gleich beim Einmarsch der Deutschen in Russisch-Polen erließ die Oberste Heeresleitung; besondere Aufrufe an die Juden in „jiddischer'4 Sprache, in welchen angekündigt wurde, die Deutschen kämen als Befreier der Juden vom Joche der zaristischen Unterdrückung. Man gab sogar eine besondere Zeitung in einem schauderhaften Jiddisch! und noch schauderhafteren Hebräisch heraus, die man in den zeitweilig eroberten Gebieten unter den Juden verbreitete oder durch Flieger herunterwerfen ließ. Darin wurde das Paradies, welches die Deutschen den befreiten Juden bereiten wollten, in' den blühendsten Farben gemalt. Wer etwa Exemplare dieser Zeitschrift noch besitzt, möge sie sorgfältig zur dauernden Erinnerung aufbewahren, denn sie hat Tausenden von Juden das Leben gekostet. Sobald nämlich nach einem „strategischen Rückzug" der Deutschen die Russen wieder einzogen, wurden ganze Familien/ in deren Bereich sich eine Nummer