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Ost und West · 1920-01-01 · Heft 3-4 (März-April 1920) · p. Seite 60 - 61

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1920)
Article
Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland
Date
1920-01-01
Page
Seite 60 - 61 (sequence 4)
Language
German
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<60 Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland. 61 .zember 1919, Seite 2, überschrieben: „Zur ostjüdischen Einwanderung". „Es handelt sich nicht um eine Auslese unter den jüdischen Zuwanderern, sondern darum, die Zahl der in Deutschland befindlichen Juden nicht mehr zu vermehren." Hier liegt also der Hund begraben. Nun kann sich ja die Zahl der in Deutschland befindlichen Juden bekanntlich auch auf andere Weise als durch Einwanderung aus dem Osten vermehren, z. B. durch natürlichen Zuwachs. Hieß es nicht, der Vaterlandsfreund wünsche Deutschland nach dem Kriege „volle Wiegten, volle Schulen, volle Gotteshäuser"? Oder sollen die Juden von diesem Segen ausgenommen und verpflichtet sein, dafür zu sorgen, daß ihre Zahl sich stetig vermindere, oder wenigstens stabil bleibe, zum Heil des Vaterlandes? Die erwähnten Herren Fritz, Paphnutius und ihre Gesinnungsgenossen bedauerten seinerzeit schmerzlich, daß Tuberkulose und Syphilis den Juden ,,wahrscheinlich infolge der jüdischen Speisegesetze und sonstigen Lebensweise" verhältnismäßig wenig anhaben können, und setzten ihre menschenfreundliche Hoffnung auf einen Rückgang der Geburten, der schließlich die Juden ganz aussterben oder auf ein verschwindendes Minimum reduzieren würde! Sollte es sich nicht empfehlen, der Natur ein wenig nachzuhelfen und die bis tief ins 19. Jahrhundert herrschend gewesenen Gesetze wiedereinzuführen, die nur einem Sprößling einer jüdischen Familie zu heiraten erlaubten, „damit sich die Zahl der in Deutschland befindlichen Juden nicht vermehrte?" Das wäre die beste Methode, die Judenfrage in Deutschland „auf eine praktisch erträgliche Weise .gelöst zu sehen", wie es die „Deutsche Tageszeitung" wünscht. „Denn darauf kommt es schließlich an, jedenfalls für alle Deutschen, die den furchtbaren und* gefährlichen Ernst der Judenfrage begriffen haben." Was nützt es, sogar sämtliche Ostjuden auszuweisen, wenn die halbe Million deutscher Juden, dem natürlichen Gesetz der Vermehrung folgend, sieh binnen 30 Jahren verdoppelt haben wird? Es ist nämlich ein Märchen, daß die Zahl der Juden in Deutschland sich seit jeher und ständig durch Zufluß aus dem Osten vermehrte. Bis zum Anfang der achtziger Jahlre war die Zuwanderung aus Polen, Rußland und Galizien sehr gering, und die Zuwanderer waren sehr willkommen. Es waren nämlich Rentiere, die sich1 von den Geschäften zurückgezogen und ihre Einkünfte in Deutschland, dem Lande der Kultur und Aufklärung, verzehrten: mitgiftreiche Erbtöchter, denen das O st jüdische ebensowenig anhaftete, wie das Jüdische den jüdischen Bankiers- und Kommerzienratstöchtern, die die preußischen Offiziere, diese „erstklassigen Menschen", zu Gattinnen zu wählen geruhten. Des Erwerbes wegen drängten die Ostjuden nachdem Osten, und alle ihre Bemühungen und Hoffnungen waren ciarauf gerichtet, die Ost grenze des Ansiedlungsrayons überschreiten zu können. Erst die im Jahre 1881 einsetzenden Pogrome und Massenaustreibungen lenkten einen gewaltigen Strom von jüdischen Auswanderern nach dem Westen, von denen aber nur ein verschwindend geringer Teil in Deutschland blieb. Während nämlich seither nach den Vereinigten Staaten allein (von England, Kanada, Südafrika usw. abgesehen) über zwei Millionen Juden ausgewandert sind, schätzte man um das Jahr 1910 die im ganzen Deutschen Reiche wohnhaften ausländischen Juden auf ungefähr 65 000; sie bildeten also kaum lOo/o der gesamten Judenheit Deutschlands. Dabei muß man erwägen, daß in dieser Zahl auch die holländischen, österreichisch-ungarischen, amerikanischen und sonstigen ausländischen Juden einbegriffen waren; ferner, daß nicht nur diejenigen mitgezählt wurden, die ihren ständigen Wohnsitz in Deutschland hatten, sondern auch jene, die sich' hier geschäftshalber längere Zeit im Jahre aufhielten und den gewaltigen Export Deutschlands nach Rußland vermittelten, der schließlich 1913 auf über 1*4 Milliarden angewachsen war. Diese Ostjuden haben also der deutschen Wirtschaft sicher keinen Schaden gebracht. Immerhin hat eine bedeutende Zahl von Ostjuden in Deutschland seit 1881 Zuflucht gesucht und gefunden. URSACHEN DER OSTJÜDISCHEN WANDERUNO. Fragt man nach der Ursache, die diese Wendung seit 1881 bewirkte, so findet man, daß es die in diesem Jahre einsetzenden Pogrome gewesen sind, die vor den Juden Rußlands idie Ost- Frenzen des Ansiedlungsrayons noch enger schlössen und sie überdies nach dem Westen trieben. Wer aber war der geistige Urheber der russischen Judenpolitik' seit 1881, die in so schroffem Gegensatz stand zu der liberalen Politik Alexanders II.? Niemand sonst als der seit 1879 wütende deutsche Antisemitismus! Treitschke und S tö c k e r sind die wahren Väter der Pogrome und der Judenaustreibungen aus Rußland. In Berlin hantierte man so lange mit „wissenschaftlichen" Theorien und Rednerphrasen, bis die gelehrigen Jünger in Rußland zum Mordbeil und

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