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Ost und West · 1920-01-01 · Heft 3-4 (März-April 1920) · p. Seite 58 - 59

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1920)
Article
Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland
Date
1920-01-01
Page
Seite 58 - 59 (sequence 3)
Language
German
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58 Merkwürdig war es, daß Publizisten jüdischer Herkunft, sogar jüdische Publizisten auf beiden Seiten zu finden waren, je nach ihrer Stellung zur Annexionsfrage. Es gab ja auch unter den Juden begeisterte Anhänger der alldeutschen Annexionsgelüste; die Alldeutschen und Konservativen lohnen es ihnen jetzt mit Geschimpfe und Pogromhetze. Nun hat sich das Rad der sogenannten Weltgeschiche wieder einmal gedreht, und auf einmal schweigen alle wohlwollenden Stimmen über die Ostjuden, diese sind nur noch Schieber, Wucherer, Bolschewistenhäuptlinge, arbeitsscheues Gesindel, sie müssen in Konzentrationslager geschickt, abgeschoben oder ausgewiesen, die Grenzen müssen vor ihnen gesperrt werden. Es wird kein Mensch in Abrede stellen, daß sich unter den während des Krieges und seit dem Waffenstillstand zugewanderten Ostjuden viele Schieber, Wucherer, Faulenzer und sonstige unerfreuliche Elemente befinden. Und es gibt keinen Juden in Deutschland, auch nicht unter den Ostjuden, der mit diesen Elementen Teilnahme empfindet und der sie nicht der verdienten Strafe zugeführt wünscht, um so mehr, als sie es sind, die den Haß auf die Köpfe der Redlichen und Arbeitswilligen häufen und die durch ihre auf unredliche Weise gesammelten Reichtümer auch später den Neid gegen die Juden aufstacheln werden. Es fragt sich nur, warum bloß die ostjüdischen Schieber usw. in Konzentrationslager geschickt werden sollen und nicht auch alle einheimischen Schieber, Valutahändler und ihre Helfershelfer? Oder fürchtet man, daß kein Konzentrationslager groß genug wäre, um sie zu fassen? Es ist klar, daß es sich hier nicht um ostjüdische Schieber und Tagediebe, sondern um Ostjuden, ja um Juden als solche handelt. Das ist der wahre Sinn der jetzt so energisch betriebenen Hetze, welcher die Regierung mit höchst anerkennenswerter Energie Widerstand leistet, und gegen die der Minister Heine sich ebenso freimütig wie entschieden gewendet hat. Die Zahl der seit dem Waffenstillstand nach Deutschland gekommenen Ostjuden wird ebenso gewaltig übertrieben wie die Ursachen, die sie dazu nötigen, falsch dargestellt. Nicht um Kettenhandel und Schieberei zu treiben überschreiten sie die Grenze, denn dieses edle Gewerbe blüht in Polen noch üppiger als in Deutschland. Allerdings hat schon während des Krieges die Bestechlichkeit der deutschen Beamten ein ganz unglaubliches Maß erreicht, allein sie ist trotzdem immer noch ein Kinderspiel im Vergleich mit der Korruption und Käuflichkeit der polnischen Beamtenschaft, die sich sagt: „Wozu haben wir ein freies und unabhängiges Vaterland, wenn wir es nicht nach Herzenslust melken sollten?" Die christliche Kon- 59> kurrenz haben die jüdischen Schieber in Deutschland ungleich stärker zu befürchten als in Polen. Und was noch wichtiger ist, der hauptsächlichste Gegenstand des Kettenhandels, Lebensmittel, ist in Polen und im übrigen slawischen Osten viel reichlicher vorhanden als in Deutschland. Nicht Deutschland, sondern Osteuropa ist also das Paradies der Schleichhändler und Wu eher e r. Die in Deutschland ihr Unwesen treiben, stehen sich übrigens mit den betreffenden Sicherheitsorganen so gut, werden von diesen selber in den meisten Fällen zum Schieber- und Valutcnhandel erst angeleitet, wenn nicht gar gepreßt, daß sie allen Maßnahmen der Regierung, ruhig entgegensehen können. Im Falle einer Razzia wurden sie in neun von zehn Fällen durch die Vordertür eingebracht und durch die Hintertür hinausgelassen. Was die etwaigen jüdischen Bolschewistenführer und -agitatoren anbetrifft, so sind sie gewiß alle mit falschen Pässen versehen, und keine Polizei kann ihnen was anhaben. Es ist übrigens sehr merkwürdig, zu beobachten, daß die Ententepresse sich über den Aufenthalt bolschewistischer und reaktionärer russischer Agitatoren in Deutschland beklagt, die nicht nur unbehelligt hereinkommen, sondern sogar als offizielle Persönlichkeiten behandelt werden. Die Entente verdächtigt nämlich die deutsche Regierung, daß sie mit den gegenwärtigen bolschewistischen Machthabern Rußlands ebenso liebäugelt, wie mit den russischen Reaktionären, in denen sie *die künftigen Machthaber vermutet. Also auchdie ang< blichen oder wirklichen Bolschewistenführer unter den Ostjuden würden schwerlich das Konzentrationslager zu schmecken bekommen oder von der Ausweisung betroffen werden. Arbeitsscheue Elemente gibt es unzweifelhaft unter den Ostjuden. Die Arbeitscheu ist infolge dieses Krieges eine so allgemeine Erscheinung in Europa, und namentlich in Deutschland geworden, daß die Ostjuden Engel und nicht Menschen sein müßten, wenn ,unter ihnen diese Sorte nicht vertreten wäre. Die deutschen Juden haben seit einem Jahre ein jüdisches Arbeitsamt ins Leben gerufen, das mit vielem Erfolg Tausende ostjüdischer Arbeiter in der Landwirtschaft, in der Industrie und besonders im Bergwerk untergebracht hat und dauerndbemüht ist, die Arljeitslosen aus den Großstädten zur produktiven Arbeit zu führen. Sie haben fühlbare Lücken im deutschen Wirtschaftsleben ausgefüllt als Handwerker, Landarbeiter, Bergwerksarbeiter und haben sich als äußerst nützliches Element erwiesen. Was kann also der Sinn dieser neuesten Ostjudenhetze sein? Darauf gibt mit dankenswerter Klarheit die „Deutsche Tageszeitung" die erwünschte Antwort in einem Artikel in ihrer Nummer vom 30. De- Die Weltgefahr der Judenhetze in Deutschland.

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