Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1920)
- Article
- Dr. Simon Bernfeld
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 43 - 44 (sequence 2)
- Language
- German
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43 Dr. Simon Bernfeld. 44 Schrifttums gerühmt wird. Brennender, nie gestillter Wissensdurst beherrschte schon den Knaben, der auch außerhalb der Grenzen der religiösen Bildung in der Erlernung fremder Sprachen und allgemeinen Wissens Befriedigung suchte. Ohne fremde Hilfe, wie Tausende von Gleichgesinnten in jener Zeit, eignete sich Bernfeld diese Kenntnisse an. Noch ehe er das Ziel seiner Sehnsucht, nämlich das Studium an deutschen Universitäten, erreichen konnte, begann er im Alter von 17 Jahren mit literarischen Versuchen, und sein erster, im „Hamagid" (1879, Nr. 22) erschienener Aufsatz über die Vertreibung der Juden aus Nürnberg trägt schon unverkennbar die Züge seines künftigen Schaffens, das die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien in anschaulicher Weise einem weiteren Publikum zugänglich zu machen weiß. Bald folgten diesem Anfang weitere Versuche, meist ebenfalls historischen Inhalts. Bernfeld war damals Hauptmitarbeiter der von Rodkinsohn in Königsberg i. P. herausgegebenen Zeitschrift „Hakol", eines ursprünglich unpolitischen Organs, das unter dem Einfluß der in einem Teile der russischen Jugend aufkommenden Strömungen in das sozialistische Fahrwasser geriet, aber bald darauf, als die russische Zensur seine Einfuhr untersagte, einging. Die folgenden Jahre widmete Bernfeld in der Hauptsache seiner Ausbildung, wenn er auch gleichzeitig unablässig literarisch tätig blieb. Er lebte zunächst eine Zeitlang in Breslau, wo er unter sehr schwierigen äußeren Bedingungen allerlei Studien autodidaktisch pflegte, bezog dann die Universitäten Königsberg i. P. und Berlin und erwarb im Jahre 1885 den philosophischen Doktorgrad. Zugleich mit dem Studium der semitischen Sprachen, der Geschichte und Philosophie, hörte Bernfeld Vorlesungen an der Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Von 1886 bis 1894 war er Oberlandesrabbiner in Serbien, entsagte jedoch, da er sich in dem rabbinischen Amte nicht sonderlich wohlfühlte, dieser Tätigkeit, und seitdem (1894) wirkt er ausschließlich als freier Schriftsteller in Berlin. Während seines über vier Jahrzehnte sich erstreckenden literarischen Schaffens hat Bernfeld durch eine schier unübersehbare Menge von Aufsätzen und größeren Schriften die hebräische Literatur bereichert. Eine außerordentliche schriftstellerische Begabung, ein fabelhaftes Wissen auf allen Zweigen der Wissenschaft des Judentums, besonders auf historischem Gebiete, das er wie selten einer bis ins Detail beherrscht, ein ausgezeichnetes Stilgefühl, eine souveräne Meisterschaft in der hebräischen Sprache haben ihm die Bewältigung seiner Aufgabe leicht gemacht. Mit diesen nicht alltäglichen Eigenschaften verbindet Bernfeld auch eine Fülle von allgemeinen Kenntnissen, und es ist keine Uebertreibung, wenn von. ihm gesagt wird, er sei feine wandelnde Enzyklopädie. Die Arbeitsgebiete, die Bernfeld vornehmlich befruchtet hat, waren jüdische Geschichte, namentlich Kulturgeschichte und Bibelwissenscnaft. Seit seinen Studienjahren hat Bernfeld in allen angesehenen hebräischen Zeitungen und Zeitschriften, von dem erwähnten „Hakol", „Hamagid" und „Hamelitz" angefangen bis auf die jüngsten Organe der hebräischen Literatur, aber auch in sehr vielen jüdischen Blättern, die in deutscher Sprache erscheinen, eine Legion von Aufsätzen veröffentlicht. Soweit er darin als Publizist zu den Fragen des jüdischen Lebens Stellung nimmt., tut er dies meistens unter historischen Gesichtspunkten. Stets enthalten seine Aufsätze Belehrendes und Anregendes! für den Leser und heben sich durch ihre wissenschaftliche Fundierung von den Alltagserscheinungen der Journalistik vorteilhaft ab. Gemeinverständlichkeit ist das Kennzeichen von Bernfelds Arbeiten. Er ist einer der erfolgreichsten und produktivsten Popularisatoren der Wissenschaft des Judentums in der hebräischen Literatur. Seine Themen, auch die seiner größeren Werke, sind, wie angedeutet, fast ausschließlich der jüdischen Geschichte entnommen: Abraham ibn Esra (Bernfelds erste größere Monographie in „Haasif" IV), Geschichte der hebräischen Kultur (Dor holech wedor ba 1887), Die Entwicklung des Judaismus (Kore ha - Dorot 1888), Saadia Gaon (1892), Geschichte der Religionsphilosophie (Daat Elohim 1897/9), ein grundlegendes Werk auf diesem Gebiete, dann Schriften über die Aufklärungsepoche und das Mendelssohnsche Zeitalter (Dor chacham 1896, Dor tahapuchot 1897, Toldot ha-Reformation 1900), über S. J. Rapaport (Toldot Schir 1899), Heinrich Heine (ach rachok, Haschiloadh III), H. Steinthal (Torat chajim Haschiloach VI), über Mohammed (Muchamad), die Kreuzzüge (toldot massaei ha-zelaw) usw., in deutscher Sprache über Michael Sachs, Gabriel Riesser, „Juden und Judentum im neunzehnten Jahrhundert", „Der Talmud, sein Werden, seine Bedeutung und seine Geschichte", „Kämpfende Geister im Judentum" und vieles andere. Mit außerordentlichem Erfolge hat sich Bernfeld auch in der Bibelwissenschaft versucht. Seine deutsche Bibelübersetzung ist eine Leistung allerersten Ranges, die nur von einem Gelehrten vollbracht werden konnte, welcher nahezu lückenlos die bibelkritischen Forschungsergebnisse und die alten jüdischen Erküärer kennt (und diese Kenntnisse durch seine eigenen scharfsinnigen Kombinationen glücklich zu ergänzen weiß. Die Uebersetzung hat auch die verdiente Anerkennung gefunden, und ihre Verbreitung und Beliebtheit ist,