Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1920)
- Article
- Dr. Simon Bernfeld
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 41 - 42 (sequence 1)
- Language
- German
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41 Dr. Simon Bernfeld. 42 DR. SIMON BERNFELD. (Zu seinem 60. Geburtstage.) Von Dr. Josef Meisl. Wer diesen schmächtigen, von Lebenskämpfen hart mitgenommenen, früh ergrauten, des Augenlichts halb beraubten Mann mühselig durch die Straßen der Großstadt wandeln sieht, der würde kaum ahnen, welch ungeheure Energie, welch vielverästeltes Geistesleben hinter der unscheinbaren Hülle wohnt. Aber gar bald •müßte derselbe Beobachter zu einem ganz anderen Urieile über das Wesen dieses Mannes gelangen, wenn er mit ihm ins Gespräch geriete, wenn Bernfeld von literarischen Reminiszenzen, von jüdischer Wissenschaft und jüdischem Leben zu sprechen beginnen würde. Denn dann kommt, wie durch magische Gewalt hervorgezaubert, Feuer in den scheinbar gebrechlichen Leib, die matten Züge gewinnen Leben, und in dem interessiert lauschenden Hörer steigt eine Ahnung auf von dem stupenden Wissen, von der Fülle der starken inneren Erlebnisse, von der eminenten Begabung und Schaffenskraft dieser Persönlichkeit. Wer ist Simon Bernfeld? Hier, in Berlin, wo er fast drei Jahrzehnte wohnt, wissen nicht allzu viele von seinem Können und Wirken. Die meisten deutschen Juden haben vielleicht von Bernfeld als jüdischem Publizisten, als Leiter des apologetischen Archivs des Verbandes der deutschen Juden, als Ausschußmitglied der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, allenfalls noch als ehemaligem Redakteur der auswärtigen Politik des „Berliner Börsen-Couriers", in den letzten Jahren als Redakteur des Gemeindeblattes der Berliner Jüdischen Gemeinde etwas gehört, und wie eine Mär aus fernen Landen ist noch zu ihnen sein Ruf als hebräischer Schriftsteller gedrungen. Den Wenigsten von ihnen ist es klar, daß gerade in der hebräischen Literatur die Wurzeln seiner Kraft ruhen, daß auf diesem Gebiete sein Lebenswerk vollbracht ward und daneben sein sonstiges Schaffen vollends in den Schatten tritt. Dr. Simon Bernfeld Auch Bernfeld ist den typischen, schweren Lebensgang vieler, dem ostjüdischen Milieu entstammender Intellektuellen gewandelt. Er ist in Stanislau ((Salizien) am 6. Januar 1860 geboren, in einer Zeit, in welcher die seit dem Jahre 1848 einsetzende Umgestaltung der österreichischen Verhältnisse ihre Spuren auch in der Entwicklung der Zustände unter den galizischen Juden immer deutlicher bemerkbar machte. Wenngleich die Oithodoxie noch fast ungebrochen in sich konsolidiert war, und der Chassidismus,dessen geistige Führung damals in den Händen des Zadik von Sadagora lag, in den Massen noch einen starken Resonanzboden fand, so waren doch die Strömungen zu einer inneren Reformation des Judentums mächtig emporgeschossen, und die Keime der galizischen Aufklärung aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, insbesondere die wissenschaftlichen und literarischen Leistungen von Männern wie Rappaport, Krochmal, Erter, Letteris, Mieses und vielen anderen hatten schon verheißungsvolle Früchte gezeitigt. Die Kämpfe, die zwischen der von den „Aufklärern" im Jahre 1869 gegründeten Gesellschaft „Schomer Israel" und dem drei Jahre später von Simon Schreiber ins Leben gerufenen Vereine der Orthodoxen „Machsike Hadath" ausgetragen wurden, zeigen die geistige Spannung, die das galizische Judentum jener Tage beherrschte, und die um so heftiger zur Entscheidung drängte, je mehr die Aufklärung in gewissen Schichten über ihr -ursprüngliches Ziel hinaus nicht allein in Freigeisterei, sondern schließlich in eine alles Jüdische unterwühlende Assimilation an die polnische Umgebung ausartete. In solchen Tagen der Gährung und der inneren Wandlungen ist Bernfeld herangewachsen, zuerst unter Anleitung seines Vaters, der als ausgezeichneter Kenner des Talmud und des rabbinischen