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Ost und West · 1920-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1920) · p. Seite 45 - 46

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1920)
Article
Dr. Simon Bernfeld
Date
1920-01-01
Page
Seite 45 - 46 (sequence 3)
Language
German
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45 Dr. Simon Bernfeld. 46 obwohl an ihr stilistische Unebenheiten getadelt wurden, groß. In den schweren Jahren des Krieges hat Bernfeld einem großangelegten hebräi-. sehen Bibelkommentar fast seine ganze Arbeitskraft gewidmet; er selbst betrachtet diese Arbeit) als einen Höhepunkt seines Schaffens. Diese auch nicht annähernd erschöpfende Aufzählung von Bernfelds Schriften gibt einen Begriff von seiner staunenswerten Produktivität. Immer wieder erfüllen ihn neue große Pläne, die freilich zum Teil nicht Wirklichkeit geworden sind. So dachte er z. B. vor Jahren an eine hebräische Neubearbeitung der Graetzschen Geschichte, ein für einen Einzelnen bei dem heutigen Stande der Wissenschaft undurchführbares Beginnen. Die vielen überaus instruktiven Arbeiten aus .allen Gebieten der Wissenschaft des Judentums, die Bernfeld in der russisch-jüdischen Enzyklopädie drucken ließ, und die Beiträge, welche er für die in Moskau kurz vor dem Kriege unter Beteiligung namhafter Gelehrter der ganzen Welt begonnene Geschichte der Juden in 16 Bänden (Verlag Mir) bestimmt hatte, können reichlich als Ersatz für das geplante Geschichtswerk genommen werden, das wohl aus den angeführten Gründen die Erwartungen seines Verfassers enttäuscht hätte. So riesenhafte Dimensionen Bernfelds Lebenswerk umfaßt, so ungemein verdienstvoll zahlreiche seiner Arbeiten sind, eines1 ist ihm' versagt geblieben: die umwälzende Wirkung. Bernfeld hat dem hebräischen Leser eine unersetzbare Fülle von Belehrungen und Anregungen gegeben, er hat ihm die Kenntnis vieler Zweige der Wissenschaft des Judentums in anschaulicher Form vermittelt, er hat interesisiert, aber nicht gepackt und revolutioniert. Djaä iriiag! am Stoff gelegen haben, aber auch an Bernfelds1 manchmal mehr in die Breite gehendem Wesen. Er hat keine Schule geschaffen, wie Achad Haam, und ist im Grunde ein Einsamer geblieben, ein Gelehrter, der aus der Studierstube heraus seinen Lesern reiche Erquickung bot, aber keinen Funken erzeugte, der zur Flamme emporlodern konnte. Die Wahrheit gebietet auch an Bernfelds Jubiläum solche Feststellung, die keinen Tadel in sich birgt. Dieses Ergebnis wird uns noch verständlicher, wenn wir bedenken, wie dieser Mann der Wissenschaft zu den Problemen des jüdischen Lebens sich gestellt hat. Seine Geltung in dieser Hinsicht ist nicht immer und überall unbestritten gewesen. Viele Zionisten sehen in ihm einen von der Heerstraße der nationalen Renaissance abseits Stehenden, andere freilich halten ihn für einen unbedingten Zionisten. Er ist es ganz (gewiß nicht in einem rein parteimäßigen Sinne; hat er doch noch vor gar nicht langer Zeit mit anerkannten Vertretern des Zionismus manchen harten Strauß ausgefochten, weil er in offenkundiger Ueberschätzung vereinzelter Aeußerungen der Befürchtung vor dem Eindringen christologischer Tendenzen in die Bewegung deutlichen Ausdruck gab. Damals hat sich klar erwiesen, daß Bernfeld die harmonische Verbindung mit der zionistischen Bewegung nicht ohne weiteres gefunden hat und findet, vielmehr stets seine Sonderstellung wahrt, obwohl es, auch1 nach seinem kritischen Aufsatze über das Nationaljudentum im „Heatid", keinem Zweifel unterliegt, daß er im eminentesten Sinne unbedingter Nationaljude ist. Wie wäre dies auch anders nach seiner ganzen Vergangenheit und nach der Richtung! .seines Schaffens möglich ohne innere UnWahrhaftigkeit? Kann denn ein ernsthafter jüdischer Historiker, und noch dazu einer, der hebräisch' schreibt, wenn er nicht die Tatsachen aus falscher Opportunität direkt ins Gegenteil verdrehen will, die Existenz der jüdischen Nationalität leugnen? Und muß er nicht notgedrungen alle logischen Konsequenzen aus dieser Prämisse ziehen? Nein, Bernfeld ist und bleibt trotz allem Nationaljude in jedem Belang, und seine lebhafte innere, bisweilen auch aktive Anteilnahme seit den Zeiten der Chowewe- Zionbewegung an allen Aeußerungsformen der nationalen Wiedergeburt — es sei nur an seine Tätigkeit in der Organisation für hebräische Sprache und Kultur erinnert — bekräftigt diese Annahme unwiderleglich. Mögen dem ungeachtet aller Fährnisse des Lebens, die er bislang glücklich überwunden hat, noch immer tatenfrohen Manne noch viele Jahre fruchtbaren Schaffens beschieden sein! Die hebräische Literatur wird immer unter ihren besten Namen auch den seinen nennen. ffte

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