Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1920)
- Article
- Der jüdische Radikalismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 37 - 38 (sequence 8)
- Language
- German
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37 Der jüdische Radikalismus. 38 Verwendung, aber sie hatte auch keine Aussicht, je auf legalem Wege eine Besserung ihrer Lage zu erreichen. Dagegen lockte sie das „unterirdische", revolutionäre Rußland und zog sie mit aller Macht an sich. Dieses Rußland, welches wohl zum erstenmal im Dekabristenaufstand sein Haupt erhob, wühlte bis auf den heutigen Tag ununterbrochen in den Tiefen fort, der Bolschewismus liegt auf der geraden Verlängerungslinie des Dekabristenaufstandes. Die ganze russische Literatur, aus deren Bächen die modernisierte jüdische Jugend so begierig trank, war von revolutionärem Geist erfüllt. Diese wurde dadurch von der jüdischen Tradition weggeführt. Insofern sie nicht in der neuerwachenden hebräischen Literatur und in der Wissenschaft des Judentums einigen Halt fand, wurde sie völlig entjudet, das Leid der Juden empfand sie nicht oder nur ganz verschwommen, ganz nebenbei, sie hatte nur ein Herz für das Leid der russischen Bauern und des russischen Proletariats, sie war nur noch insofern jüdisch, als sie nicht offiziell zur orthodoxen Kirche übertrat, und daran hinderte sie nur der Umstand, daß diese Kirche ein Werkzeug in der Hand des Absolutismus und darum bei der ganzen Opposition gleich ihm verhaßt war. Den Zersetzungsprozeß innerhalb des Judentums förderte aber der russische Staat seinerseits indirekt, indem er auf die Abtrünnigkeit eine förmliche Prämie setzte und jeden getauften Juden von allen Chikanen und Verfolgungen befreite, andererseits direkt, indem er unter Alexander I. und Nikolaus I. die Jüden zum Scheine an die Quellen der Bildung heranzog, sie aber in Wirklichkeit zum Verlassen des Judentums bewegen wollte. Stellte doch die Regierung an den bekannten Dr. Max Lilienthal, den sie zum obersten Leiter der jüdischen Schulen gemacht, das Ansinnen, er solle sich taufen lassen, um den jüdischen Massen mit dem Beispiel voranzuleuchten! Die derartig von allen Seiten jahrzehntelang präparierte neue Generation der Juden war reif, dem „unterirdischen Rußland" anheimzufallen. Das Feld für den Nihilismus unter den Juden war vorbereitet. Iwan Turgen i e w hat in einer schönen Novelle „Im Kabinett des Staatsanwalts" mit feinem psychologi-i schem Verständnis das Einreißen des Radikalismus unter den Juden geschildert. Der alte Abraham, dessen Sohn in eine nihilistische Verschwörung verwickelt ist, spricht zum Staatsanwalt: „Wer hat unsere Kinder alle diese Dinge gelehrt? Ihr, mit euren Büchern und euren Schulen! Unsere Kinder besitzen nicht mehr unsern Glauben; sie beten nicht unsere Gebete und sie besitzen auch nicht euren Glauben; sie beten auch nicht eure Gebete; sie beten niemals und sie glauben an nichts." Gleichwohl gehörte bis zum Beginn der achtziger Jahre die Teilnahme von Juden an der „Propaganda der Tat" zu den größten Seltenheiten. Erst als in den folgenden Jahren der Zarismus dazu überging, mittels der Pogrome und der Massenausweisungen den systematischen Ausrottungskrieg gegen die Juden zu führen, auf die Juden den revolutionären Zorn der unterdrückten russischen Massen abzulenken, wurden größere Gruppen der jüdischen Intelligenz in die Reihen der Revolutionäre gedrängt-. Begünstigt wurde dieser Prozeß durch das Entstehen eines jüdischen Arbeiterproletariats, dessen Interessen eine geraume Strecke lang mit denen des allrussischen Arbeiterproletariats zusammenliefen. Die revolutionäre Gesinnung des russischen Proletariats verpflanzte' sich unter die Juden und wurde hier noch verschärft durch den Druck und das Elend, das die Juden im besonderen zu tragen hatten. Ist nun der Bolschewismus als solcher eine Frucht der russischen Kultur und der russischen Regierungskunst, so ist die Teilnahme zahlreicher Juden an seiner Führung eine Folge der russischen Judenpolitik. Die Juden wurden zum Bolschewismus systematisch erzogen. Die Entrechtung, Unterdrückung und Verfolgung der Juden durch Staat und Gesellschaft, die Pogrom- und Boykottpolitik haben die Juden in die Arme der Revolution getrieben. Die Regierung hat durch Förderung der Abtrünnigkeit, durch Hintansetzung der jüdischen Religion, durch Verführung zum Abfall die Zersetzung der traditionellen Bande, die Zerstörung des Zusammenhanges und der Verantwortlichkeit, die den einzelnen Juden mit seiner Gemeinschaft verbindet, geflissentlich betrieben. Wenn man sich über etwas zu wundern hat, so ist es nicht, daß „so viele Juden" unter den Bolschewistenführern sind,- sondern daß nicht alle Juden im Lager des Bolschewismus stehen. Wo sollen, Menschen, die der Staat de facto als vogelfrei behandelt, denen er nur Grausamkeit und Härte entgegenbringt, denen er das Recht zum Vegetieren abspricht, denen gegenüber er das Programm befolgt, ein Drittel von ihnen auszurotten, ein Drittel verhungern zu lassen, ein Drittel zu vertreiben, die er nur anerkennt, wenn es gilt, aus ihnen Steuern herauszupressen oder sie aufs Schlachtfeld zu schicken — wo sollen solche Menschen anders als unter den extremsten Revolutionären Zuflucht suchen? Wie aber das Gros der Juden in Rußland in Wirklichkeit zum Bolschewismus steht und wie sich Trotzki zum Judentum und den Juden verhält, ist in dieser Zeitschrift (Jahrgang 1918, Heft II) ausführlich dargelegt worden, und es ist nicht nötig, das Gesagte hier zu wiederholen. Rußland ist denn auch die Hochschule des Bolschewismus für die benachbarten Länder geworden. Szamuelly und Bela Kun haben seine Lehren aus der russischen Gefangenschaft in ihre Heimat mitgebracht und in die Tat umzusetzen versucht. Da sich nun das wiederhergestellte Polen anschickt, für die Juden ein zweites Rußland zu werden, so wäre es vielleicht angemessen, wenn besonders die Westmächte, die den Bolschewismus so gründlich verabscheuen, anstatt über die Juden zu zetern, die ihn angeblich geschaffen, über die Ursachen nachsinnen würden, die „so viele Juden" in sein Lager treiben. * * * Man fragt sich unwillkürlich: wie sollen die Juden sich verhalten, um „keinen Anstoß" zu erregen? Nehmen wir an, sie brächten das Menschenunmögliche fertig und blieben im Kampfe der Parteien und Klassen neutral, so würden sie von