Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1920)
- Article
- Der jüdische Radikalismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 39 - 40 (sequence 9)
- Language
- German
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39 Der jüdische Radikalismus. 40' beiden Seiten totgeschlagen werden. „Seht euch doch diese Juden an," würde es im Chore klingen, „das Schicksal des Vaterlandes ist ihnen ganz gleichgültig; sie kümmern sich nicht darum, wer im Staate herrscht und wie er regiert wird; wir spalten uns deswegen die Köpfe entzwei, sie aber schauen teilnahmslos zu und warten ab, wer, gesiegt hat, um sich diesem zu Füßen zu werfen. Bürgerrechte und politische Freiheiten begehren sie für sich, aber sie denken nicht daran, ihr Blutj für diese heiligen Güter zu verspritzen*." — Würden aber die Juden samt und sonders auf konservativer Seite stehen, so würde eben die gegnerische Seite den Konservatismus als „verjudet" schimpfen, und den Juden, auch wenn sie ihn mit (Verleugnung und Hintansetzung ihrer «eigenen Interessen unterstützten, dies zum Verbrechen am Vaterlande anrechnen. Der Herr Walt her Rathenau ist doch gewiß kein Bolschewist, kein Radikaler, kein Kommunist; und unter seinen etwas zu vielseitigen und üppigen schriftstellerischen Leistungen finden sich Stellen über Juden und Judentum, deren sich Treitschke oder Chamberlain nicht zu schämen brauchten. Er ist vollkommen „judainfrei". Aber er hat das Verbrechen begangen, gleich nach Kriegsausbruch die Rohstoffversorgung Deutschlands auf geniale Weise (zu (organisieren, der Kriegsminister Falkenhayn hat sicher nicht aus Vorliebe für die Juden ihm diese Funktion übertragen, und ohne seine Tätigkeit wäre Deutschland in den ersten Wochen zusammengebrochen. Und' zur Strafe für dieses Verbrechen wird sein Name von den Antisemiten seit Jahren so durch den Kot gezerrt, als wäre er der Genosse von Lenin und hätte die heilige russische Rechtsordnung gestürzt. Dem Lebensmitteldiktator Batocki machte man den Vorwurf, daß er „soviele Juden" in seinem Ressort verwendete; er gab zur Antwort: „Wenn ich einen fürs Getreide brauche, der die Sache versteht, so nehme ich eben Lewysohn und Blumenthal/' Und in der Tat, auf keinem Gebiete hat Deutschland die ungeheure Aufgabe so glänzend gelöst, als auf dem der Brotversorgung. Nun hätten die Lewysöhne und Blumenthäler gewiß nicht bitterer angefeindet werden können, wenn sie, anstatt sich in den Dienst des Erzreaktionärs Batocki zu stellen, sich an die Spitze der Spartakisten gestellt hätten. Es ist einerlei, ob Rathenau oder Eisner, der Jude wird verbrannt — nämlich auch, wenn er gar kein Jude ist. Das ist der Spaß dabei. — Allein, die Weltgeschichte macht bisweilen noch herbere und grimmigere Späße. Wie oft ist' es schon, im kleinen wie im großen, vorgekommen, daß aus Bewegungen, die sich als extrem-revolutionär anließen, am Ende gar wohltemperierte, maßvolle Staatsordnungen sich herauskristallisierten, unter denen ganze Generationen behaglich lebten. Der Most, der sich anfangs wild gebärdete, verwandelte sich schließlich in einen edlen Wein, der dem konservativsten Gaumen ausgezeichnet mundete. Die französische Revolution tobte in deren ersten Periode nicht schlechter als der heutige Bolschewismus; am Ende ging aus ihr eine behäbige bürgerliche Republik hervor, und sogar das Königtum fand es mit seiner Würde durchaus vereinbar, so oft res wieder in Frankreich zur Macht gelangen wollte, vor den „erhabenen Grundsätzen der großen Revolution" eine ehrfurchtsvolle Verbeugung zu machen. Die Marat, Danton und Robespierre wurden trotz ihrer Schreckenstaten zu französischen Nationalheiligen eigener Art. Und als Taine den Glorienschein der Revolutionsgeschichte ein wenig zerzauste, wurde dies als eine herostratische Tat betrachtet. Einige der Grundsätze, für die die Revolution kämpfte, wurden schließlich zu Pfeilern aller modernen Staaten auf dem Kontinent: Konstitution, Parlamentarismus, Ministerverantwortlichkeit, Trennung der Gewalten, galten später als Selbstverständlichkeiten. Was die deutschen „Revolutionäre" seit den Befreiungskriegen bis 1848 forderten, wofür sie eingekerkert und verbannt wurden, wurde im wesentlichen zur Grundlage des konservativsten Kaisertums der neuesten Zeit. Wer bürgt uns dafür, daß nicht auch der Bolschewismus aus sich heraus eine neue, gesunde Staats- und Gesellschaftsordnung gebiert, mit der sich die „Ordnungselemente" abfinden, und die einem späteren Geschlecht gar als konservativ und reaktionär erscheint? Wenn erst die Bolschewisten eine recht tüchtige Portion Wasser in ihren Schnaps getan, wenn sie die auswärtige Milliardenschuld an Frankreich anerkannt haben, dann könnte es geschehen, daß die Westmächte, die bisher zum Weltkampf gegen sie aufforderten, eine Weltblockade über sie verhängen, einen Stacheldraht um sie herumziehen wollten, daß dieselben Westmächte plötzlich finden, man könne mit dem Bolschewismus sehr gut leben und ... gute . Geschäfte mit den Bolschewisten machen. Dann schließen die jetzigen Todfeinde vielleicht Frieden miteinander und sinken sich gegenseitig in die Arme. So mancher, der jetzt unentschlossen beiseitestand und bald nach rechts, bald nach links blinzelte, greift sich dann an die Schlafmütze und ruft: „Warum habe ich allein;so lange gewartet?" . .. Wenn diese Zeit kommt, und sie kommt vielleicht früher, als man glaubt, dann wird man ganz vergessen, daß ehemals der Bolschewismus eine „jüdische Pflanze" und alle Bolschewisten Juden waren. .Man wird finden, daß diese erhabene, segensreiche Bewegjung, die sich aus trüben Anfängen zu lauterer Höhe emporgearbeitet, ganz und gar nichts Jüdisches an sich, hatte, nur hatten sich zufällig einige Individuen, von denen es nicht ganz feststehe, ob sie jüdischer Abkunft gewesen, in die Bewegung hineinverirrt. Ein Chamberlain der Zukunft wird triumphierend feststellen, daß Lenin ein echtrussischer Tatar, daß Trotzki, obwohl einige Dokumente wissen wollen, er habe Braunstein geheißen, doch rein arischen Stammes gewesen, daß Sinowiew und * Martow schon durch die Annahme rein slawischer Namen bekundet haben, daß sie sich frei von jedem Semitentum fühlten; überhaupt habe man die Rolle der Juden im Bolschewismus gewaltig* überschätzt. Wie (könnte {a,uch eine Bewegung, die trotz manchen Verirrungen in den Anfängen schließlich der Menschheit so viel Segen gebracht, den Fort schiritt so gewaltig gefördert hat, irgendwie mit Juden zusammenhängen?... Das sei ebensowenig denkbar, wie, daß das Christentum aus dem Judentum hervorgegangen und Jesus, der Nazarener, jüdischen Stammes gewesen sei, wie eine veraltete, auf unhaltbare Legenden gestützte Geschichtsauffassung ehemals behauptete. So wird die Wissenschaft (der Zukunft sprechen, die es, wie immer, besser wissen wird... Und das wird der Witz der Geschichte sein.