Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1920-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1920) · p. Seite 33 - 34

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1920)
Article
Der jüdische Radikalismus
Date
1920-01-01
Page
Seite 33 - 34 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2584094-2584095-2606744--17756-2606789
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

33 Der jüdische Radikalismus. 34 tausenden von Exemplaren, die die Amerikaner zu überzeugen bemüht sind, daß die Pogrome (die natürlich überhaupt nicht stattgefunden haben) vollkommen gerechtfertigt, da die -Juden die Urheber und Verbreiter des Bolschewismus seien, der vom Erdboden erst verschwinden wird, wenn die Juden ausgerottet sind. Dasselbe gelte vom Nihilismus, vom Anarchismus, vom Sozialismus und von allen anderen Ismen. Die Amerikaner haben eine instinktive Abneigung gegen alle Gewaltpolitik in sozialen' Angelegenheiten, die in der letzten Zeit infolge der Riesenstreiks womöglich noch gesteigert worden ist. Die Amerikaner sind geneigt, alle Unruhen auf das „fremde Element" zurückzuführen. Diese Denkweise fand einen geradezu klassischen Ausdruck in der Rede, welche kein Geringerer als Mitchell Palmer, der Generalstaatsanwalt der Vereinigten Staaten, unlängst vor den Studenten des Lafayette College in Washington hielt, und die, wohl nicht ohne Absicht, vom „Foreign Press Service" verbreitet wird. Trotz der außerordentlich vornehmen und maßvollen Form klingt es wie eine energische Mahnung an die „fremden Elemente": „Amerikaner, denen die Erhaltung unserer Freiheiten in der durch die Weisheit der Väter erzeugten Form am Herzen liegt, fühlten sich in der letzten Zeit sehr bedrückt durch die Handlungen gewisser in unserem Lande niedergelassener Fremder. Wieweit der fremde Agitator seine gefährliche Propaganda unter einem Volke, dem er sich nur angeschlossen hat, um Anschläge gegen seine Institutionen und Gesetze zu fördern, soll treiben dürfen, ist eine der ernstesten Fragen, die sich aus den noch nie dagewesenen Verhältnissen, nach einem noch nie dagewesenen Kriege ergibt . . . Sie (die Fremden) glauben, die allgemeine Bewegung für bessere Lebensbedingungen in anderen Weltteilen müsse ihre Fortsetzung" in der (gewaltsamen) Methode auf dem Boden der Neuen Welt haben . . . Wir (Amerikaner) dagegen hatten unsere Revolution im Anfang, seither ist es Evolution gewesen. Wir werden in Zukunft keine Revolution dulden...; Der Einwanderer, der den Ozean überquert, muß sich von den Mißverständnissen über „Regierung", mit denen die früheren Verhältnisse seinen Geist erfüllten, für immer befreien . . ., Die Zeit, Gewalt anzuwenden, ist für ihn auf immer .vorüber . . . Die, die nicht in diesem Geist kommen wollen, sollten zurückkehren, um ihre Schlachten dort auszufechten, wo ihr Feind wirklich vorhanden ist . . . Nicht alle Störungen in diesem Lande werden durch das fremde Element erzeugt, doch alle werden erzeugt durch ein Element, das unamerikanisch ist . . . Der wahre Amerikaner weiß, daß Volksregierung organisierte Selbstkontrolle im allgemeinen Interesse ist. Gesetz und Ordnung sind von erster Wichtigkeit für Vorwärtskommen und Verbesserung. Diese Methode muß angewendet werden. Sie mag langsamer sein als Gewalt, aber sie wird sicherer und ihr Resultat dauerhafter sein." Das ist eine sehr deutliche, nicht mißzuverstehende Sprache. Nun haben sich in den letzten großen Streiks, die einen sehr heftigen Verlauf nahmen, gerade die polnischen (sowie die südslawischen) Arbeiter äußerst ungebärdig betragen und scharfe revolutionäre Allüren an den Tag gelegt. Dadurch sank das Prestige des Polentums in den Augen der amerikanischen Gesellschaft * bedeutend. Die eifrige Verbreitung des Glaubens, der Bolschewismus sei „ein jüdisches Gewächs" und die Juden seine Agenten, soll nun den Zorn der Amerikaner auf die Juden ablenken. In dieser Propaganda liegt eine nicht abzusehende Gefahr für die amerikanischen Juden, zumal die polnischen diplomatischen Vertreter von ihrer Seite in die gleiche Kerbe hauen. Der frischgebackene polnische Gesandte in London z. B. entwickelt eine rege Tätigkeit, den englischen Handel nach Osteuropa den Händen der Juden in Rußland zu entreißen, da diese nicht nur Bolschewisten, sondern obendrein auch noch deutschfreundlich seien, was jetzt in England das Kapitalverbrechen ist. Die weitverzweigten Beziehungen der Polen, namentlich in der katholischen Welt, wollen sich in den Dienst des überall neuerwachenden Antisemitismus stellen. Eines der wirksamsten Mittel dabei ist die Formel: alle Bolschewisten sind Juden; alle Juden sind Bolschewisten. Ueber das Wesen1 des Bolschewismus in seinem Ursprungsland Rußland herrscht in der Welt völlige Unklarheit. Vom ungarischen, der in vier Monaten völlig abgewirtschaftet hat, scheint er sich gründlich zu unterscheiden. Die deutschen Antisemiten, die ihn auf das Konto der Juden setzen, möchten sich doch vor Augen halten, daß die Russen ihrerseits daran erinnern, daß die deutsche Diplomatie ihm die Pforten Rußlands eröffnet, durch ihn die russische Wehrmacht untergraben und ihn mit allen Mitteln gefördert haben. Es wird ein Wort Paul Rohrbachs kolportiert, d e r Bolschewismus sei Deutschlands bester Freund, denn er richte Rußland zugrunde. Während in. Deutschland der deutschnationale Professor Eitzbacher ihm das Wort redete, wurde er vom „Berliner Tageblatt", welches ja sonst als das „Judenblatt*' par excellence bezeichnet wird, aufs heftigste bekämpft. Dr. Hans Vorst sagte ihm oft und oft den baldigen Zusammenbruch voraus. Aber der Zusammenbruch kam, nicht. Mittlerweile erfuhren wir, daß die Amerikaner dm Sommer 1919 bereit waren, mit Lenin und Trotzki Frieden zu schließen. Zwar sagte Herr Clemenceau erst vor kurzem öffentlich, mit den Bolschewisten werde nie und nimmer Frieden geschlossen werden, denn sie bildeten die grausamste und barbarischste Regierung, die je existiert habe, allein Verhandlungen werden doch mit ihren Abgesandten in Kopenhagen gepflogen. Aus der so feierlich angekündigten Blockade ist nichts geworden, und über all dem schwebt die große*Frage: Warum haben die Westmächte, nachdem sie den deutschen militaristischen Koloß zerschmettert, den wiederholt angekündigten Feldzug zur Befreiung Rußlands vom Bolschewismus nicht unternommen? Wer es fertiggebracht hat, die deutsche Militärmacht zu vernichten, dem müßte es ja ein Kinderspiel sein, die Handvoll Juden, die in Rußland die „Tyrannei des Pöbels" aufgerichtet haben, wegzublasen! Hat die Entente nicht die heilige moralische Verpflichtung, ihrem ehemaligen Verbündeten, der ihr so ausgezeichnete Dienste geleistet, vor dieser grausamen Judenherrschaft zu befreien!? Zumal sie damit die ganze europäischamerikanische Kultur vor einem entsetzlichen Schrecken befreien würde? Was soll man von all dem halten? Und vor allen Dingen: was ist Bolschewismus.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.