Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1920)
- Article
- Der jüdische Radikalismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 27 - 28 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2584094-2584095-2606744--17753-2606786- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
27 Der jüdische Radikalismus. 28 man sie nur mit unerschütterlicher Festigkeit, mit Regierungsautorität vorzutragen braucht, und sie finden überall Anklang, besonders bei allen, die nicht ganz reinen Gewissens sind, die ihre Hände nicht ferngehalten haben von fremdem Gut in den Tagen des Enteignens und des Sozialisierens, die hie und da, um eine private Rache zu befriedigen oder um unbequeme Rivalen zu beseitigen, vor einem Tröpfchen Blut nicht zurückschreckten . . . Alle cüese waschen jetzt ihre Hände in Unschuld. Wir wissen uns frei von Sünde. Wir haben es nur auf Anstiften der Juden getan. Wer kann ihrer Zaubergewalt widerstehen? Die Juden muß man hängen . . , Nieder mit den Juden! Wir verabscheuen die jüdische Republik, den jüdischen Bolschewismus und den ganzen jüdischen Radikalismus! . . . Diese Methode, mittels der jüdischen Abstempelung eine Sache in Verruf zu bringen, wird namentlich in Deutschland jetzt eifrig praktiziert. Wir haben nichts gegen die Juden, sagte vor einiger Zeit in epiner großen Versammlung der vielgewandte Pfarrer T r a u b, wir streiten nur gegen den „jüdischen Geist", der in gewissen christlichen Häusern herrscht. Hier ist der Punkt, an dem die jüdische Abwehrbewegung einsetzen muß. Wir dürfen nicht müde werden, auf den perfiden Trick hinzuweisen, dessen sich namentlich alle reaktionären Parteien bedienen, indem sie Dinge, die an sich weder mit Juden noch mit Judentum etwas zu tun haben, als jüdisch denunzieren, nur um sie herabzusetzen und in Mißkredit zu bringen. Mit allen geistigen Mitteln muß diese grobe Irreführung der öffentlichen Meinung gebrandmarkt werden, die darauf hinausläuft, einerseits uns Juden die Verantwortung für Dinge aufzubürden, die uns als Juden nichts angehen, denen gegenüber jeder einzelne von uns sich ganz nach seinem persönlichen Belieben zu verhalten hat; und andererseits, alles, was ihnen im Wege steht und dem sie in ehrlichem Kampf nicht beikommen, dadurch zu entwerten, daß sie ihm in wissentlicher Fälschung einen Makel anheften, ihm eine fremde Ursprungsmarke aufdrücken und es als eingeschmuggelt verächtlich machen. . „Jüdisch", das heißt ja: nicht christlich, vielleicht unchristlich, widerchristlich, ungermahisch, uneuropäisch. Kein guter Christ und Germane kann etwas tun oder denken, was „jüdisch" ist . . . WAS IST BOLSCHEWISMUS? Ganz besonders auffällig ist der Eifer, mit dem die Polen sowohl in Europa als besonders in Amerika bemüht sind, die Identität von Bolschewismus und Judentum zu propagieren. Das geschieht aber erst, seitdem der Herbst 1918 die neue Orientierung in Polen herbeiführte. Als anfangs die Bolschewisten das vollkommene Desinteressement Rußlands gegenüber Polen proklamierten und dessen Souveränität anerkannten, fand man sie in Polen sogar sehr sympathisch, man stieß sich wenig daran, daß Trotzki eigentlich Braunstein hieß, und erinnerte sich nicht ohne ein gewisses Behagen, daß Lenin die letzten Jahre in dem schönen Karpathenkurort Zakop a n e verlebt hatte und in Polen viele Freunde zählte. In der nach dem Frieden von Brest-i Litowsk folgenden Periode, während die Bolscbewiki jn Rußland ihre sog. Wirtschaftsordnung einzuführen begannen, unternahmen es die Bauern in der U k r a i n a, diese geschworenen Gegner des Bolschewismus, mit dem dortigen polnischen Großgrund- und Latifundienbesitz „abzurechnen". Die einziehenden Truppen der Zentralmächte wurden 'von den Polen in der Ukraine als Erlöser begrüßt. Aber über den Bolschewismus hörte man in Polen kein böses Wort. Es fiel niemandem ein, ihn mit dem Judentum schlechthin zu identifizieren. Erst als das Kriegsglück sich von den Zentralmächten abzuwenden anfing und die polnische Nationaldemokratie Morgenluft witterte — sie war noch im Juli 1918 bereit gewesen, sich von der Entente abzuwenden und mit den Zentralmächten zu paktieren! —, da begann merkwürdigerweise den Polen ein Licht aufzugehen, daß der Bolschewismus eigentlich eine jüdische Erfindung und alle Bolschewisten Juden seien. Verschiedene polnische Führer erließen an die Juden in Polen Warnungen, daß sie ja nicht den von ihren Glaubensgenossen in Rußland erfundenen Bolschewismus nach Polen zu verpflanzen wagen sollten. An die polnische Bevölkerung ergingen in allerhand Flugblättern und Zeitungsartikeln eindringliche Mahnungen, sie möge sich ja nicht von den Juden verführen lassen, dem Bolschewismus zu huldigen, denn dieser sei eine „jüdische Erfindung", eigens dazu ersonnen, um das christliche Volk zu unterjochen und der Sklaverei der Juden auszuliefern und die Seelen der Christen der ewigen Verdammnis preiszugeben. In G a - lizien, wo nicht die geringste Spur von Bolschewismus zu bemerken war, fing man immer mehr auf polnischer Seite an, die Juden davor zu warnen, daß sie den Bolschewismus propagieren. Die einfachen Juden im Lemberger Ghetto fragten einander: „Was ist das eigentlich: Bolschewismus?" So recht wußten es aber auch die polnischen Warner nicht. (Im Grunde weiß es ja heute noch niemand in Europa genau.) Bolschewismus war etwas Scheußliches, das eine Handvoll Juden in Rußland erdacht hatte und wofür die Polen an den Juden ihres Landes blutige Rache zu nehmen entschlossen waren. Gleich der erste grauenhafte Lemberg er Pogrom vom 22. November 1918 wurde in1 der polnischen Presse als eine Strafe an den jüdischen Bolschewisten hingestellt. Und seitdem wird von polnischer Seite unentwegt diese Taktik befolgt. Erstens gibt es in Polen überhaupt keine Pogrome, und zweitens sind die Pogrome nur Rache für den Bolschewismus. Die „Gazette des Lausanne" und alle anderen Organe im neutralen Ausland, die im Dienste des von Dmowski geleiteten Pariser polnis'chen Nationalkomitees stehen, leugneten beharrlich, daß überhaupt in Polen je ein Judenpogrom vorgekommen sei. Alle Judenmetzeleien waren nur Strafexpeditionen gegen die Bolschewiki. Namentlich die Franzosen gehen willig auf diesen Leim. Aus gutem Grund. Sie selber sind auf die Bolschewiki sehr schlecht zu sprechen, da diese die russische Staatsschuld nicht zahlen zu wollen erklärt haben. Es stehen also ungefähr 24 Mil-.