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Ost und West · 1920-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1920) · p. Seite 11 - 12

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1920)
Article
Die Flucht in das Nichts
Date
1920-01-01
Page
Seite 11 - 12 (sequence 6)
Language
German
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11 Die Flucht in das Nichts, 12 heerungen verantwortlich machen, 'die der jetzige Kulturkampf mit seinen Schlagworten im Gemütsleben des Volkes angerichtet haben wird. Vergebens wird man darauf hinweisen, daß diese Kämpfe dem Judentum und seinen Institutionen noch ärgeren Schaden zugefügt haben, wofür die in so enormer Zahl Ausgetretenen die beredtesten Zeugen sind. Eben diese Ausgetretenen, die im freien Felde der Konfessionslosigkeit kampieren, werden den Beweis liefern, daß im Judentum zersetzende Kräfte wirksam sind, die den religiösen Nihilismus, die sterile Negation fördern, jegliche Autorität untergraben, die Glaubenskraft, den Idealismus der Völker vernichten, den groben Materialismus, das kalte, schneidende Vernünfteln, das an der gemeinen, platten Alltäglichkeit haftende, keines höheren Schwunges, keiner Hingabe fähige, jeder schöpferischen Macht beraubte Kritteln repräsentieren, und somit eine Gefahr für die europäische Kultur bilden. Die Ausgetretenen werden nicht aufhören, in den Augen der nichtjüdischen Welt Juden zu sein, nur werden sie dann konfessionslose Juden sein. Eine viel schlimmere, eine viel gefährlichere Sorte von Juden. Mit den wirklichen Juden weiß man wenigstens, woran man ist. Man mag der jüdischen Religion andichten, was man will, im allgemeinen weiß man doch, was sie lehrt, was sie fordert und gebietet. Man weiß, welche Gesinnungen und Stimmungen sie einflößt, durch welche Handlungen man ihre Gebote verletzt, durch welche Anschauungen man sich in einen Gegensatz zu ihr stellt. Man kann in ihrem Namen positive und negative Forderungen an die Juden richten. Aber die „konfessionslosen! Juden"? Woran sind sie gebunden? Wo liegen die psychischen Hemmungen und Triebfedern ihres Gewissens? Ist nicht das Strafgesetzbuch das einzige Heiligtum, das ihnen Ehrfurcht einflößt, und die Polizei die einzige Autorität, vor der sie Angst haben? ... In den modernen Gesellschaften werden die verschiedensten religiösen Meinungen geduldet, sogar geachtet. In den tolerantesten, der englischen und amerikanischen, obgleich sie sehr religiös sind, bildet der offen bekannte Atheismus ebenfalls keinen Makel und führt keine gesellschaftliche Degradation nach sich, da er sehr vereinzelt auftritt, und 'die geistigen und sittlichen Qualitäten seiner Träger sie gewöhnlich vor Verdächtigungen schützen. Aber es ist bisher noch nicht vorgekommen, daß die Konfessionslosen sich zu einer organisierten Gemeinschaft zusammengeschlossen hätten, die sich ebenbürtig neben die positiven Religionen stellte und vÄn Staat und von der Gesellschaft Anerkennung heischte. Die kümmerlichen freireligiösen Gemeinden in Deutschland beweisen die Unmöglichkeit eines solchen Vorgangs am schlagendsten. Die Konfessionslosigkeit wird eben nur geduldet. Jeder Versuch einer umfangreichen Gemeinscnaftsbildung würde sogar bei den Indifferentesten auf energische Opposition stoßen. Darum werden die aus dem Judentum Ausgetretenen schließlich zwischen zwei Sessel zu sitzen kommen. Sie werden zwischen zwei Lagern stehen, von einem dem andern zugeschoben, aber keinem zugehörig. Der „Makel" des Judeseins, den sie durch die Flucht in das Nichts abstreifen wollten, wird ihnen weiter anhaften, nur noch in einer gehässigeren, verächtlicheren Bedeutung. Kurz nach Erlaß der österreichischen Verfassung von 1867, die Gewissensfreiheit gewährte und das Bekenntnis' ztir Konfessionslosigkeit erlaubte, wurde es in Wien Mode, von dieser Erlaubnis' häufig Gebrauch zu machen. Gewisse jüdische Kreise machten diese neue Mode reichlich mit, wohl um den; Christlichen Mitbürgern zu beweisen, daß die alten Vorurteile gründlich abgestreift sind und man der neuerrungenen Gleichberechtigung würdig ist. Es passierte nun oftmals, daß einer, der z. B. vor Qericht sich als konfessionslos bezeichnete, vom Richter apostrophiert wurde: „Warum sagen Sie nicht lieber, offen heraus: Jude?" Konfessionslos wurde zum Synonym für Jude. Man versichert, daß diese häufigen Verwechslungen viel dazu beitrugen, "daß die Konfessionsloserklärungen in der christlichen Bevölkerung bald gänzlich aufhörten. Es müßte mit unnatürlichen Dingen zugehen, wenn die Sache nicht auch jetzt denselben Verlauf nähme. Die Ausgetretenen werden auf einem verlorenen Posten stehen . . . : Es wird ihnen anfangen, unheimlich zu werden in ihrer isolierten Lage, und sie werden beginnen, sich massenhaft ans Taufbecken zu drängen. Aber die Kirche wird sich für diesen Zuwachs schönstens bedanken. Auch in früheren Zeiten, sobald einmal die Judentaufen zunahmen, ließen sich aus kirchlichen und positiv-christlichen Kreisen Stimmen äer Abwehr vernehmen. Auch dem naivesten Gläubigen fällt es heutzutage schwer, zu glauben, daß ein Jude aus reinen Motiven, nämlich aus religiösem Drang, aus Sorge um seine künftige Seligkeit; um sein ewiges Heil, zum Christen-

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