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Ost und West · 1920-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1920) · p. Seite 13 - 14

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1920)
Article
Die Flucht in das Nichts
Date
1920-01-01
Page
Seite 13 - 14 (sequence 7)
Language
German
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13 Die Flucht in das Nichts. 14 tum übertritt. Wenn der Talmud vor achtzehnhundert Jahren wußte, daß die Gerechten unter den Heiden des ewigen Heils sicher sind, so weiß heute jeder nicht ganz verbohrte Christ, daß ein guter und gerechter Mensch, auch wenn er Jude ist, nicht der ewigen Verdammnis anheimfallen kann. Dazu kam, daß die mit der Taufe verbundenen irdischen Vorteile zu sehr auf der Hancl lagen. Die christliche Welt sagte sich also, daß es nicht gerade die besten Elemente unter den Juden sein können, die es nach den Gnadenmitteln der Kirche dürstet. Man gewahrte, daß das Reich Gottes eine ganze Menge unerwünschter Mitbürger bekam. Diese brachten überdies einen Geist herein, der in jeder Beziehung nicht einwandfrei war. Die natürliche, ruhige, friedliche Anhänglichkeit an die angestammte Religion, die dem geborenen Christen eignet, suchten diese Neugeborenen durch auffälliges Wesen, lärmende Uebertreibung, zu ersetzen; es wurde daraus ein unr sicheres Schwanken zwischen heuchlerischer Bigotterie und verdächtiger Gleichgültigkeit. Das beunruhigte die „Kinder des Hauses", es trübte die einheitliche Gesinnung der Herde. „Wir haben zu viel Juden in der christlichen Gemeinde", erscholl der Ruf, gleichwie draußen die Antisemiten schrien: „Wir haben zu viel Juden im Lande". Vor etwa zwanzig Jahren brachte der Simplizissimus folgenden gelungenen Witz: Ein Jude läßt sich katholisch taufen. Ein ehemaliger Glaubensgenosse, der längst Protestant ist,'fragt ihn: „Warum hast du das getan? Wir Juden lassen uns ja gewöhnlich protestantisch taufen." „Weißt du, lieber Freund," antwortet der andere, „im Protestantismus sind wir schon zu viel Juden ..." Es entstand eine förmliche Abwehrbewegung gegen das Einströmen von Juden in 'das Christentum. Die brandenburgische Generalsynode beschäftigte sich einmal mit dem Problem, und beschloß feierlich, den Geistlichen dringend zu empfehlen, mit dem Spenden des heiligen Sakramentes der Taufe an Juden recht sparsam zu sein. Das stand allerdings in starkem Widerspruch zu der vom christlichen Staat durch Bevorzugung von Getauften bei Aemterbesetzung 1 betriebenen Proselytenmacherei und zu dem Seelenfang, welchen die von oben stark begünstigte Gesellschaft für Judenmission ausübte. Um so mehr aber kam darin die Ünbehaglichkeit zum Ausdruck, die die Alteingesessenen beschlich, sobald der Zudrang der Juden zu den „Quellen des Heils" größer wurde. Man kann sich nun leicht ausmalen, wie wenig die positiv christlichen Kreise erbaut sein werden, wenn erst die „konfessionslosen Juden" anfangen werden, an die Pforten der Kirche zu klopfen und um Einlaß zu bitten. Sie kommen aus dem Reiche des Nichts, vom Unglauben, von der Gottlosigkeit her; die Anschauungen, Gewohnheiten und Stimmungen, welche sie mitbringen, sind nicht gerade geeignet, sie zu Säulen der Kirche zu machen, sie werden eine Atmosphäre um sich verbreiten, die einer gedeihlichen Entwicklung wenig förderlich ist. Das ist kein Boden, auf dem ein dauerhafter Bau sich erheben kann. Nicht schlichte Herzensfrömmigkeit, Hingabe und lautere Gesinnung bringen sie mit, sondern zerfressende Zweifelssucht, öden Nihilismus, gähnende Leere in der Seele. Sie bringen auch kein Opfer, indem sie sich der Kirche anschließen wollen. Denn was sie verlassen, ist nicht eine seelische Heimat, von der Hand der Urahnen erbaut, von den Vätern seit Generationen bewohnt, mit der das ganze Wesen des Menschen verwachsen ist und von der die Scheidung den tiefsten Schmerz verursacht, sondern das Nichts, die verlassene ungastliche Einöde. Mögen sie doch bleiben, wo sie waren. Sie haben sich selber aus ihrer früheren Gemeinschaft ausgestoßen. Die Kirche ist kein Nachtasyl für Ausgestoßene. Wer wird es der christlichen Kirche verübeln, daß sie ihre Tore vor diesen ünheiligen Heilsuchenden nicht angelweit öffnen würde? Wir Juden wären auch nicht sonderlich beglückt, wenn plötzlich ein Schwärm zweifelhafter Kantonisten in unsere Synagoge sich drängte, nicht von ernster Gewissensprüfung getrieben, sondern nur, um hinter dem Aushängeschild einer bekannten und bewährten Firma Zuflucht zu finden. ' So wird die jetzige Abfallbewegungf, aus trüben, flüchtigen, krankhaften, mißverstandenen Freiheitsregungen entstanden, ihre unheilvollen Früchte zeitigen, wenn die Stimmungen, aus denen sie geboren, längst verflogen sein und nicht mehr verstanden werden. Es würde sich lohnen, den Ursachen nachzugehen, die einen derartigen moralischen Verfall bei uns ermöglicht haben. Vor allen Dingen aber wäre es Pflicht aller maßgebenden Instanzen, sich zu einer gemeinsamen Aktion zusammenzutun und dem weiteren Umsichfressen der unheimlichen Seuche nach Kräften entgegenzuwirken. Müßig die Hand in den Schoß legen, heißt hier, sich zum Mitschuldigen des Bösen machen.

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