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Ost und West · 1920-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1920) · p. Seite 9 - 10

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1920)
Article
Die Flucht in das Nichts
Date
1920-01-01
Page
Seite 9 - 10 (sequence 5)
Language
German
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9 Die Flucht in das Nichts. 10 tum erworbenen positiven Vorteile verloren, wenn man auf halbem Wege stehen blieb, und nicht schleunigst ins Christentum eintrat. Dem Staate gegenüber, von dem man Aemter und Würden und Gehälter erwartete, der „höheren Gesellschaft" gegenüber, zu deren erlesenen Zirkeln man Zutritt wünschte, befand sich dazumal ein „konfessionsloser Jude" in einer noch ungünstigeren Lage als ein Jude. Heutzutage, glaubt man, hätten sich die Dinge geändert. Republik und Revolution, Trennung von Staat und Kirche und alles andere hätten der herrschenden Religion (und damit dem religiösen Prinzip überhaupt) die überwiegende Bedeutung im öffentlichen Leben genommen und damit sei der. der Konfes&ionslosigkeit anhaftende Makel verschwunden. Das ist eine schwere Täuschung, entsprungen aus einer mangelhaften, oberflächlichen Kenntnis der Geschichte. In keinem Staat mit christlicher Tradition ist durch politische Umwälzungen oder Umgestaltungen der Einfluß der Kirche oder gar der Religion in der Oeff entlieh keit auf die Dauer verdrängt, höchstens sind die Üebergriffe politischer Parteien, die die Religion für ihre Zwecke mißbrauchten, eingedämmt worden, — weder in den Vereinigten Staaten, die 1787 die Trennung von Kirche und Staat vornahmen, aber den Kongreß noch heutzutage mit dem Gebet eines Priesters eröffnen; noch in England, wo Lloyd George, der radikale Sozialreformer, der Feind der Landlords und des Oberhauses, nach der Verkündung des Sieges das gesamte Unterhaus mit den Worten „Jetzt gehen wir beten I" Izum Gottesdienst in die Westminsterabtei einlud; noch in Frankreich, wo nach der Revolution die katholische Restauration einsetzte, und nach der Durchführung des unsinnigen Trennungsgesetzes die katholische „Erstarkungsbewegung" auflebte, und sich sogar bei der Philosophie des genialen Juden Bergson die Waffen für den Kampf borgte; nocjft in Italien, wo, nach vierzigjährigem Hadern mit dem Heiligen Stuhl, jetzt eine mächtige katholische Partei in die Kammer einzieht. Die Kirche war die Erzieherin der Völker des europäisch-amerikanischen Kulturkreises; mit katholischen, überhaupt mit christlichen, ,mit religiösen Vorstellungen sind alle Ausgestaltungen ihres Volkslebens aufs engste verknüpft, ihre Kunst, ihre Poesie, ihre Philosophie, ihre Staatseinrichtungen, ihre sozialen und bürgerlichen Institutionen. Nur bornierter Doktrinarismus kann wähnen, daß ein revolutionärer Sturm, der über die Erdbodenfläche hinfegt, diese tausendjährigen Wurzeln aus dem tiefen Erdreich ziehen kann. Und nur vollkommene Verkennung der innersten Menschennatur und der Gesetze der geschichtlichen Entwicklung kann solches, wenn es möglich wäre, für einen Segen halten. — Wir wissen heute, das religiöse Gefühl ist ein Grundgefühl der Menschennatur, inhärent und unausrottbar. Die Machthaber, einzelne wie Gruppen mißbrauchen es zu egoistischen, seinem Wesen fernliegenden Zwecken, und rufen dadurch den Kampf hervor. In der Hitze des Kampfes verwechseln die Kämpfer die äußere Verfassung der Religion und die Mißbräuche dieser Verfassung mit dem Kern der Religion und richten die Angriffe gegen 'diese letztere. Nun liegt es in der Natur aller menschlichen Grundgefühle, daß sie sich um so stärker aufbäumen, befestigen und konzentrieren, je mehr sie gereizt werden. Sie werden dem Menschen um so teurer, je mehr sie bedroht erscheinen. Die Verteidiger der Religion gegenüber ihren Angreifern übertragen nun diese Verteidigung auf ihre äußeren Institutionen, in denen sich das religiöse Gefühl verkörpert und sogar auf die Mißbräuche, denen sie unterworfen waren. Daher tritt nach jeder Epoche heftiger Religionsbestreitung unfehlbar eine Reaktion ein, die zunächst als äußere Frömmelei und unduldsamer Fanatismus in die Erscheinung tritt. Diese Zustände rufen ihrerseits wieder das entgegengesetzte Extrem hervor. So verläuft die Geschichte zwischen schroffen Gegensätzen und nur selten sind die Epochen der Ausgeglichenheit und des ruhigen Gleichgewichts. Das sollten sich die Streiter auf beiden Seiten merken und sich vor jedem übertriebenen Radikalismus in der einen wie in der anderen Richtung hüten, da jedes Extrem unweigerlich seinen schroffsten Gegensatz auf den Plan ruft. Es unterliegt keinem Zweifel, daß auch diesmal die Reaktion unausbleiblich ist. Die retrograde Welle wird kommen, so sicher, wie sie vor hundert Jahren gekommen ist. Sie wird vielleicht andere Formen tragen, andere Begleiterscheinungen mit sich führen, aber erfreulich werden sie nicht sein. Eins aber wird dieser Reaktion eignen : sie wird die jetzige negative Phase, den „Kampf gegen die Religion", den Streit für die Trennung von Staat und Kirche auf Rechnung der Juden stellen und den „zersetzenden Einfluß des Judentums" für die Ver-

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