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Ost und West · 1920-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1920) · p. Seite 7 - 8

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1920)
Article
Die Flucht in das Nichts
Date
1920-01-01
Page
Seite 7 - 8 (sequence 4)
Language
German
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7 Die Flucht in das Nichts. 8 derswo. Deswegen fordert diese Erscheinung unsere volle Aufmerksamkeit heraus. Es liegt auf der Hand, daß die auffallende Zunahme der Austritte auf den Wunsch zurückzuführen ist, leichten Kaufs der jüdischen Gemeindesteuer zu entgehen, und über die bodenlose Roheit und Niedrigkeit dieses Motivs ist kein Wort zu verlieren. Wer auf irgendeine Weise die staatlichen Steuern hinterzieht, pflegt das vor seinem Gewissen, wenn er ein solches hat, damit zu rechtfertigen, daß dies ja eine Zwangssteuer ist, denn man kann ja aus dem Staat nicht austreten, und überall fordert jeder Staat seine Steuern. Die jüdische Gemeindesteuer ist stets eine freiwillige, eben weil man sich ihr durch den Austritt entziehen kann. Und gerade dieser Umstand muß jeden, der nicht jegliches Feingefühl eingebüßt hat, hindern, von dieser ultima ratio Gebrauch zu machen. Der Staat verwendete den weitaus größten Teil der Steuern auf den Unterhalt von Riesenheeren zu Land und zu Wasser, die den Pazifisten überflüssig dünkten, und auf die Zivillisten der regierenden Staatsoberhäupter, die der prinzipielle Republikaner gern entbehrt. (Diese Vorwände fallen jetzt in Deutschland weg.) Das Judentum ist keine ecclesia militans, unterhält keine Armee und keine Flotte, die Besoldung der Rabbiner, der einzigen Funktionäre, zu deren Unterhalt der „Freigeist" nichts beitragen möchte, nimmt im jüdischen GemeinÜebudget den allergeringsten Raum ein. Der ganze Rest wird zum Unterhalt von humanitären und kulturellen Institutionen verwendet: Krankenhäuser, Asyle, Waisenhäuser, Erziehungsanstalten, Schulen, Museen, Bibliotheken, Einrichtungen sozialer Fürsorge u. dgl. Wer sich der jüdischen Gemeindesteuer entzieht, beraubt also die Oeffentlichkeit um einen Beitrag zur Förderung der wichtigsten Zweige des geistigen und materiellen Gemeinschaftslebens. Er wälzt auf die unehrenhafteste Weise seinen Teil der Last auf andere ab. Ueberdies möchte doch jeder der Austretenden überlegen,, ob nicht er selbst, oder einer seiner nächsten Angehörigen einmal Beistand und Nutzen aus einer der genannten jüdischen Institutionen gezogen hat! Begründet das nicht eine soziale Verpflichtung, zum Unterhalt dieser Institutionen nach Kräften beizutragen? Wenigstens sie in den Tagen der Not nicht ihrem Schicksal zu überlassen? Und daß Zeiten schwerer Not über alle jüdischen Institutionen hereinbrechen, unterliegt gar keinem Zweifel. Alle, in denen sich ein Fünkchen sozialen Gewissens regt, müssen sich jetzt immer enger zusammenschließen und alle Mittel aufbieten, um die jüdischen Gemeinde-Institutionen zu erhalten, von denen eine solche Fülle des Segens über Generationen ausgeströmt ist und bei denen vielleicht schon nächstens wir selber oder unsere unmittelbaren Angehörigen Zuflucht, Schutz und Hilfe zu suchen genötigt sein werden! Wie muß es nun in der Gesinnung von Leuten aussehen, die gerade jetzt das Hasenpanier ergreifen und sich aus dem Staube machen, um sich einige Mark jährlich zu ersparen? Stellt sich nicht jeder, der in dieser Zeit seinen Austritt aus dem Judentum anmeldet, selber-das Zeugnis aus, daß er jedes sozialen Pflichtgefühls, jeder Verantwortlichkeit bar ist? Wer aber der engen Gemeinschaft in der Stunde der Gefahr so schnöde den Rücken kehrt, — wird er der weiteren Gemeinschaft, dem Staat, die Treue bewahren? Wird er ein zuverlässiger Bürger, ein treuer Soldat, ein ehrlicher Beamter sein? Um sich einige Mark jährlich zu retten, hat er uralte, geweihte Bande zerrissen, die ihn mit einer ewigen, geistigen und nur moralischen Zwecken dienenden Gemeinschaft verknüpften. Wie sollen ihm die Bande heilig sein, die ihn an eine Gemeinschaft wie den Staat fesseln, der vor unseren Augen entsteht und vergeht,, der von sterblichen Menschen geschaffen und zerstört wird, der in erster Reihe den realen, materiellen, sehr irdischen, allzu menschlichen Zwecken dient, und bei dem das Geistige und Moralische nur im Hintergrunde steht? . . . * * * Haben wir den Ausgangspunkt der Aus-, trittsbewegung betrachtet, so müssen wir nun das Ziel, zu dem sie hinführt, ins Auge fassen. Sie mündet jetzt nicht wie ihre Vorgängerin im Schöße der herrschenden Religion, denn dem Scheine nach gibt es jetzt keine herrschende Religion. Die Flut der Austretenden staut sich im Zwischenraum der Konfessionslosigkeit. Das erleichtert den Austretenden auch ein bischen das Gewissen. Es ist immerhin eine äußerst fragwürdige, eine sehr heikle Sache, ein positives Bekenntnis abzulegen, wenn alle Welt weiß, daß es die reinste Heuchelei ist. Um aus der alten Religion zu scheiden, braucht man ja nur einen Zettel Papier, auf den man ein paar Zeilen hinkritzelt. Unter den früheren Zuständen ging man aller durch den Austritt aus1 dem Juden-

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