Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1920)
- Article
- Die Flucht in das Nichts
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 5 - 6 (sequence 3)
- Language
- German
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5 Die Flucht in das Nichts. 6 «derer, die von Philosophie und Wissenschaft himmelweit entfernt sind. Die Motive des Abfalls; vom Judentum liegen überhaupt jenseits von allem Geistigen. Sie sind in der Sphäre des persönlichen Egoismus, der Nützlichkeitsrechnung zu suchen. In den weitaus meisten Fällen brachte der Austritt aus dem Judentum große persönliche Vorteile mit sich: Zutritt zu gutbezahlten Aemtern, Eintritt in sogenannte höhere Gesellschaftskreise, wo man Einfluß und äußere Ehren ernten kann. Aber auch in Fällen, wo solche positive Vorteile nicht in Betracht kamen, war schon allein die Tatsache, daß man den Ballast des Judentums abschüttelte, für niedrige, nur auf ihren persönlichen Nutzen und ihre Bequemlichkeit bedachte Naturen verlockend genug, um sie zum Abfall zu bewegen. Bringt es auch nicht immer Nutzen, Nichtjude .zu sein, so ist es doch immer nützlich und angenehm, kein Jude zu sein. Dann ist man die ewige Hetze los, die stets und überall hinter dem Juden her ist. Man braucht nicht das Damoklesschwert zu fürchten, welches dauernd über den Köpfen der Juden bald höher bald tiefer hängt und niederzusausen droht. Man braucht sich x. B. die Progrome, die seit mehr als einem Jahre in halb Europa *wüten, und Zehn tausende blutiger Opfer fordern, nicht sonderlich zu Herzen zu nehmen, man kann ihnen als unbeteiligter Zuschauer kühl gegenüberstehen, mit jener kopfschüttelnden, verschwommenen Teilnahme, mit der man von den Verfolgungen der .Neger in den Vereinigten Staaten oder der hindostanischen Völkerschaften vernimmt. Ueber die Beschimpfungen (und Verleumdungen des Judentums braucht man sich nicht aufzuregen, ebensowenig über die Bedrohung der Gleichberechtigung der Juden, denn das alles betrifft ja eine Menschensorte, die einen' nichts angeht, mit der man in keiner Weise zusammenhängt. Wenn Paris eine Messe wert war, so ist das alles schon den Abfall wert. . . . Alle diese ganz unten in den niederen Regionen des moralischen Bewußtseins sich abwickelnden Prozesse waren vor dem Krieg und wähnend des Krieges die treibenden Kräfte der Fluc'ht aus dem Judentum. Der Weg führte in 99 von 100 Fällen direkt in den Schoß der herrschenden Religion, die die besten Chancen bot. Nur wenige machten aus einer gewissen Scham oder Unentschlossenheit das neutrale Zwischenstadium des Dissidententums oder der Konfessionslosigkeit durch, und überließen den letzten Schritt und — den vollen Nutzen der zweiten Generation. In der allerjüngsten Zeit sind zu den obgedachten Motiven zwei neue von gleichem, sittlichem Wert hinzugekommen: Die unglaubliche Erleichterung des Austrittes, die einer förmlichen Aufforderung gleichkommt, und die Aussicht, daß fortab im bürgerlichen Leben die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft nicht nur nicht mehr förderlich, sondern vielleicht hinderlich sein werde. Es gehört zu den zahlreichen, einem unsachlichen und unpsychölogischen Doktrinarismus entspringenden Mißgriffen des neuen Regimes, daß es auf die Lockerung der bestehenden sozialen und natürlichen Verbände hinarbeitet, anstatt sich mit deren lebendiger Kraft zu verbinden und dadurch das Heraufführen einer neuen Epoche zu erleichtern. Die Auflösung der -Kirchen- und Religionsgemeinschaften muß also gefördert werden. Die Formalitäten werden enorm erleichtert und die geldlichen Verpflichtungen auf ein Minimum herabgesetzt. (AehnliChes ist in Deutsch-Oesterreich eingeführt worden.) Seither steigt die Flut der Austretenden immer höher, und wer in den Blättern deren Namen liest, die ganze Kolonnen füllen, den beschleicht Bangigkeit. Nun darf man die Sache allerdings nicht übertreiben. Verglichen mit der Zahl der Austritte aus den christlichen Kirchen, ist die Zahl der abtrünnigen Juden noch immer ein verschwindendes Minimum, besonders wenn man die oben dargelegten Anreize zum Abfall berücksichtigt, denen in den christlichen Kirchen ebensoviele Hindernisse gegenüberstehen. Da muß man sich sagen, daß die Gewalt, die das Judentum über die Seelen seiner Bekenner hat, noch immer ungewöhnlich groß und eine Untergrabung oder auch nur eine ansehnliche Beeinträchtigung der jüdischen Gemeinschaft von dieser Seite nicht zu befürchten fet. Eine Lücke, die anderwärts ganz unbeachtet bliebe, macht bei uns schon einen so starken Eindruck, daß * ' wir ihre Dimensionen leicht zu übertreiben geneigt sind. Aber eben das dieser Anschauungsweise zugrunde liegende Gefühl ist sehr berechtigt, denn eine große und herrschende Gemeinschaft empfindet den Abfall viel schwächer als eine kleine, die nicht gerade auf Rosen gebettet ist. Und gerade darum weist bei uns der Abfall auf tiefer gehende moralische Defekte hin, als an-