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Ost und West · 1920-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1920) · p. Seite 3 - 4

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1920)
Article
Die Flucht in das Nichts
Date
1920-01-01
Page
Seite 3 - 4 (sequence 2)
Language
German
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3 Die Flucht in das Nichts. 4 sich nicht sobald wieder erholen wird. Die vor dem Kriege stark angewachsene Austrittsbewegung aus den Landeskirchen in Deutschland erfuhr zwar in den ersten Kriegszeiten eine starke Eindämmung, aber die Freude der kirchlichen Kreise dauerte nicht lange, denn die Austrittsbewegung schwoll alsbald wieder an, und was noch schlimmer ist, eine religiöse Apathie und Gleichgültigkeit griff ein, die viel verhängnisvoller, für das Gedeihen und die Fortentwicklung der religiösen Kultur gefährlicher ist, als der Massenaustritt, denn dieser ist der Ausdruck eines Hadems, einer Unzufriedenheit mit der Religion, der Austretende will bekunden; daß er zur Religion (oder zur Kirche) ein negatives Verhältnis hat. Der Ausgetretene hat Protest erhoben, er ist mit Religion oder Kirche entzweit, er kann sich mit der Religion oder der Kirche wieder aussöhnen. Der Gleichgültige dagegen hat gar kein Verhältnis mehr zur Religion, sie ist für ihn tot, in ihm ist jede religiöse Regung gestorben. Und es ist nicht zu leugnen, daß die durch den Krieg herbeigeführte Verwilderung des Gemütslebens auch auf diesem Gebiete in einer trostlosen Oede zutage tritt. Von diesem Gesichtspunkt aus muß. man die Austrittsbewegung aus dem Judentum betrachten, die im letzten Jahre so stark um sich gegriffen hat. Sie ist nur als eine Folge der Kriegspsychose, des zerrütteten und unterwühlten moralischen Bewußtseins erklärlieh. Lange vor dem Kriege gab es eine Abfallbewegung vom Judentum, doch war sie bei weitem nicht so umfangreich wie die jetzige und unterschied sich von ihr in den Motiven und in: den Zielen. Mit dem Austritt aus der christlichen Kirche darf der Austritt aus dem Judentum überhaupt in keine Analogie gestellt werden. Wer aus der christlichen Kirche austrat, erreichte damit niemals einen materiellen Gewinn, eine Verbesserung seiner sozialen oder gesellschaftlichen Stellung, entging nie einem Druck oder einer Verfolgung. Umgekehrt, in neun von zehn Fällen brachte er ein großes Opfer, erschwerte oder versperrte sich den Zutritt zu höheren Aemtern, zum Offiziersrang, oder auch, er verdarb seinen Kindern die Karriere. Die Kirche war wohl berechtigt, in jedem Austritt eine Verirrung zu erblicken, und niemand konnte es ihr verübeln, daß sie diesen Schritt verdammte. Aber sie konnte der Verirrung, die sie verdammte, nie unedle Motive unterschieben. Der Austritt aus der Kirche war der Ausdruck eines Protestes gegen den Dogmenzwang, gegen die kirchliche Organisation, gegen das Verhalten der kirchlichen Funktionäre zu bestimmten politischen Richtungen. Massenaustritte wurden dadurch herbeigeführt, daß in den Reihen des Proletariats die Ueberzeugung aufkam, die Kirche sei kapitalistisch orientiert, ihre Repräsentanten hielten es mit 'den Ausbeutern gegen die Ausgebeuteten, die Religion vertröste die letzteren auf ein himmlisches Paradies, um sie vom Kampf gegen das irdische Elend abzulenken, verhindere die sozialen Reformen. Mit dem Austritt aus dem Judentumverhält es sich gerade umgekehrt. Von einem Dogmenzwang ist bei uns nicht die Rede, von der orthodoxesten bis zur radikalsten Glaubensmeinung finden alle im Rahmen des jüdischen Bekenntnisses Platz. Wer mit der „kirchlichen" Organisation seiner Gemeinde unzufrieden ist, kann sich getrost einer anderen Gemeinde anschließen, eine eigene Gemeinde gründen; er kann gegen die bestehende Gemeindeorganisation ankämpfen, es ist kein Hochverrat und 'nicht staatsgefährlich gegen unsere Gemeindeorganisationen sich aufzulehnen. Das kostet niemandem den Kopf. Es ist auch schwer zu behaupten, daß die jüdische „Kirche" und ihre Diener im Dienste der reaktionären Politik oder der kapitalistischen Gesellschaftsordnung stehe. Sie hat im Staate so wenig zu sagen, daß die politischen und sozialen Mächte ihrer Stütze ganz gut entraten können. Der Gedanke jedoch, daß etwa ein fortschrittlich Gesinnter es im Judentum nicht aushalten könne, weil die Lehren der jüdischen Religion in sozialer und politischer Hinsicht reaktionär und arbeiterfeindlich seien, dagegen die Besitzenden und die Machthaber bevorzugen, das Kapital auf Kosten der Arbeit begünstigen — dieser Oedanke ist so skurril, daß bisher noch kein Abtrünniger gewagt hat, seine Abtrünnigkeit mit diesem Vorwand zu bemänteln. Daß aber jemand den Abfall vollzieht, weil seine philosophische Ueberzeugung das Judentum innerlich überwunden habe, wird niemandem einleuchten. Gerade die Männer unter 'uns, die in Philosophie und Wissenschaft einen sehr hohen Rang eingenommen haben, sind dem Judentum mit allen Fasern ihres Herzens treu geblieben, viele unter ihnen haben mit der ganzen Kraft ihres Geistes für die Befestigung, Erhöhung und Verteidigung der jüdischen Lehre gekämpft. Die Abtrünnigen rekrutieren sich zu 99 Prozent aus den Kreisen

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